In der Setzgasse einer Druckerei fühlt sich Wolfgang Schierl zuhause. Diese Schränke mit Lettern stehen ebenso im Schulkeller wie eine Abziehnudel (r.) und ein Boston-Tiegel (l.), historische Druckapparate. Mit auf dem Bild: Ulrike Schierl und Konrektor Rainer Sonnleitner. foto: aichele

Druckwerkstatt in der Marie-Pettenbeck-Schule

„Man nimmt das Wort in die Hand“

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Wartenberg - Die Marie-Pettenbeck-Schule hat seit kurzem eine historische Druckwerkstatt. Besorgt und aufgebaut hat sie Druck-Enthusiast Wolfgang Schierl aus Wartenberg.

Wenn Wolfgang Schierl ein neues Buch auspackt, ein richtiges, also im Hochdruck hergestelltes Buch – dann schlägt er es vorsichtig auf, hebt es an seine Nase und saugt den Duft ein. Nichts riecht so wie echte Buchdruckfarbe, findet der Wartenberger. Moderne Druckerzeugnisse, hergestellt in Offset- oder Digitaltechnologie, haben dieses gewisse Etwas nicht. Mit Genuss ertastet der pensionierte Lehrer auch den Unterschied. Denn die Bleilettern werden mit einer Kraft von mehreren Tonnen aufs Papier gepresst. Das hinterlässt für Kenner wie ihn ein spürbares Relief. Diese Faszination für altes Druckhandwerk begleitet den 68-Jährigen schon seit Jahrzehnten. Nun hat er der Marie-Pettenbeck-Schule zu einer eigenen kleinen Druckwerkstatt verholfen.

Historische Werkstatt für 500 Euro

Seit seiner Pensionierung kann sich der frühere Lehrer voll und ganz diesem Hobby widmen. In diesen sechs Jahren hat er sich eine eigene kleine Druckerei aufgebaut. Seine Kontakte zu anderen Druck-Liebhabern reichen weit – unter anderem nach Trier zu einer älteren Dame, die selbst aus einer gewerblichen Druckerei stammt.

Bei der Geschäftsaufgabe habe sie sich einige Raritäten gesichert, erzählt Schierl – immer mit dem Vorsatz, selbst damit zu arbeiten. Doch daraus wurde nichts, und die Seniorin bot die Ausrüstung zum Verkauf. Für 500 Euro. Dieses Schnäppchen wollte sich der Wartenberger nicht entgehen lassen. Doch im eigenen 30 Quadratmeter großen Druckhäuschen wäre kein Platz dafür.

Außerdem glaubt der frühere Lehrer an die pädagogische Kraft des Druckens. „Kinder haben eine unglaubliche Freude am Experimentieren.“ Das habe er schon mehrmals am Marktstand eines Drucker-Freundes erfahren, an dem die beiden das alte Handwerk demonstrieren. Am Computer gehe das Gestalten ja per Knopfdruck. Da sei es schon etwas anderes, sich die Bleilettern für ein Wort zusammenzusuchen und spiegelverkehrt zu setzen. „Man nimmt das Wort in die Hand“, schwärmt Schierl.

Also fragte er bei der Marie-Pettenbeck-Schule an, wo seine Frau Ulrike Schierl bis zu ihrer eigenen Pensionierung im Jahr 2010 Konrektorin gewesen war. Schulleiter Adolf Geier war begeistert, Hausmeister Michael Brenninger richtete einen Raum im Keller her, und die Schierls mieteten einen Transporter, um die tonnenschwere Druckwerkstatt aus dem fast 600 Kilometer entfernten Trier zu holen.

Die Investition von 500 Euro plus Transportkosten hält Geier für absolut gerechtfertigt. Schließlich habe die Schule bereits positive Erfahrungen mit dem Drucken gemacht. Für die Lesewoche im vergangenen Jahr sei eine mobile Druckerei gemietet worden. „Das war gar nicht so billig, auf jeden Fall teurer als jetzt unsere eigene Schuldruckerei“, erzählt der Rektor. Er dankt den Schierls für ihren Einsatz. Sein Stellvertreter Rainer Sonnleitner denkt schon an eine Arbeitsgruppe im Nachmittagsunterricht.

Selbst gesetzte Weihnachtskarten

Ob Wolfgang Schierl mit seinem Wissen dafür bereit steht, verneint der 68-Jährige zumindest nicht. Pläne hätte er schon für die Schüler. „Ein schönes Projekt wäre, Weihnachtskarten zu drucken, kombiniert mit Linoldruck“, sagt er. Denn das wäre mit der „Abziehnudel“ möglich – einem einfachen Gerät, bei dem eine Walze auf einem Schlitten über die zuvor mit Bleibuchstaben gesetzte Druckplatte gezogen wird. Das Blatt dazwischen wird dann bedruckt. „Eine Abziehnudel ist früher in jeder Druckerei gestanden, als Korrekturpresse“, erzählt Schierl.

Der zweite Druckapparat der Wartenberger Schuldruckerei ist ein so genannter Boston-Tiegel. Der Großvater vom jetzigen Chef in der Wartenberger Druckerei Gerstner habe noch mit einer solchen Presse gearbeitet, erzählt Schierl. Mit einem Handhebel hält der Drucker diese Maschine in Bewegung. Eine Walze rollt über einen Teller, der zuvor mit einem Spachtel mit Farbe bestrichen wurde. So eingefärbt rollt die Walze dann über die Druckplatte, die in der Folge auf ein Blatt gepresst wird. „Ein guter Drucker hat mit einem Boston-Tiegel früher 1000 Seiten in der Stunde geschafft“, erzählt Schierl. „Als Laie muss man da aber langsam arbeiten.“

Mehrere Tonnen Blei-Buchstaben

Das eigentliche Herzstück einer Bleisatz-Druckerei ist aber die Setzgasse. In den Schubfächern dieser Kommoden lagern Tonnen von Blei – vor allem Buchstaben verschiedener Größen und Schriftarten, aber auch Linien und „Blindmaterial“, Bausteine für Abstände. Die Ordnung in den Setzkästen mit ihren 124 Fächern hat ihr eigenes System. Einsortiert werden die Lettern nicht nach dem Alphabet, sondern nach ihrer Häufigkeit.

Die Leidenschaft fürs Drucken begann für Schierl mit einem Schülerjob bei der Firma Sellier in Freising. Die ersten Schritte in die Praxis machte er dann in den 1980er Jahren. Da hat Schierl in der Druckerei Gerstner selbst die Karten zur Geburt seiner Söhne Georg und Martin gesetzt und gedruckt. „Franz Gerstner sen. hat mir dafür Tipps gegeben“, erinnert sich der Pädagoge, der bis in die 1980er in Wörth gelehrt hat und dann bis zur Pension am pädagogisches Institut ISB in München arbeitete.

Heute freut er sich an „echten Büchern“, an so genannten Künstlerbüchern, und vor allem an der Arbeit in der eigenen Druckerei mit zwei großen Setzgassen, einem Boston-Tiegel und einer Kniehebelpresse. „Zum Beispiel suche ich mir ein schönes Gedicht von Günter Eich, setze es, drucke es. Und dann verschenke ich es.“

Die Produktion dieser Unikate ist Handarbeit von vorne bis hinten. Nach dem Drucken geht es ans „Ablegen“, das Einsortieren der Lettern in die Setzkästen. Am Ende hält Wolfang Schierl wieder etwas in Händen, das wundervoll nach frischer Buchdruckfarbe riecht.

Von Timo Aichele

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