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Auseinanderziehen, bis das Band reißt: Anna Kroll (r.) übt auf ihrer Sonnenterrasse mit Physiotherapeutin Sarah Schmidseder. Schwiegersohn Gerhard Kaiser schaut zu.

Neues Angebot der Klinik Wartenberg

Reha im eigenen Gartenstuhl

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Daheim auf der Terrasse gesund werden statt im Krankenhaus. Seit kurzem bietet die Klinik Wartenberg eine mobile Reha an. Anna Kroll (81) aus Eichenkofen nutzt das Angebot. Sie hatte einen Schlaganfall. Nun nehmen bei ihr Arzt, Sprach- und Physiotherapeut im Gartenstuhl Platz.

Wartenberg/Eichenkofen – Die zierliche Anna Kroll (81) sitzt auf dem Gartenstuhl auf ihrer Terrasse und zieht das grüne Elastikband über ihrem Kopf auseinander. „Ziehen Sie so lange, bis es reißt“, sagt ihre Physiotherapeutin Sarah Schmidseder (22) von der Klinik Wartenberg, die ihr gegenüber sitzt. Anna Kroll trägt graue Hose, Wollpulli und Strickjacke, grinst und bleibt still. „Morgen ham’s wieder an Muskelkater, ge“, sagt Schmidseder und lacht. Es hat 20 Grad, die Sonne strahlt vom Himmel, auf Anna Krolls Terrassen blühen die Geranien, und es riecht nach frisch gemähtem Gras – so sieht Reha daheim aus.

Gerhard Kaiser sitzt mit auf der Terrasse und erzählt von der Krankheitsgeschichte seiner Schwiegermutter. In den vergangenen Jahren sei sie in ihrer Wohnung in Berg am Laim immer wieder gestürzt, zudem sei Demenz dazugekommen – vor zwei Jahren zog sie zu ihrer Tochter Silvia Aicher nach Eichenkofen, aber: „Im April hatte sie dann einen Schlaganfall, damit hat sich schon vieles verändert.“

Seitdem hatte Kroll Probleme mit dem Schlucken, konnte kaum mehr mit dem Rollator gehen und schaffte es nicht mehr die Treppe rauf. Seit Ende April ist sie auf Reha – aber nicht im Krankenhaus: Arzt sowie Ergo-, Physio- und Sprachtherapeuten kommen 15 Mal zu ihr nach Hause, bis zu dreimal in der Woche. „Ich bin schon froh, dass ich hier bleiben kann“, flüstert Kroll.

Die Idee dahinter nennt sich Mobile geriatrische Rehabilitation (MoGeRe). Geriatrie bezeichnet die Lehre von den Krankheiten des alternden Menschen. „Vor allem für Demenzkranke ist die Reha im Krankenhaus eine große Umstellung“, sagt Physiotherapeutin Schmidseder: „Die kennen sich dann gar nicht mehr aus.“

Auch was für Haustierbesitzer

Außerdem sei die mobile Reha etwas für Menschen, die ein Haustier haben und es nicht allein lassen können – oder einfach ihre Ruhe von nervigen Krankenzimmerkollegen haben wollen, sagt Schwiegersohn Kaiser und lacht. Derzeit fahren die Therapeuten von der Klinik Wartenberg mit dem Dienstauto zu vier Patienten im Landkreis – zwei wohnen im Pflegeheim, zwei zuhause.

Schmidseder trägt weiße Hose, blaues Kurzhemd und lacht viel: „Aufrechter Rücken“, mahnt sie. Ihre Patientin schnauft durch. Sie lässt den Kopf hängen. Es geht nicht mehr. Aber: „Das Schöne bei der Reha daheim ist, dass man einfach mehr Pausen machen kann“, sagt Schmidseder. „In der Klinik haben wir nur eine halbe Stunde für eine Physiotherapie, daheim zwischen 45 bis 60 Minuten.“ Kurios, aber das habe die Klinik einfach so festgelegt.

Anna Kroll rafft sich auf. Nach einer kurzen Pause geht es an die nächste Trainingsstation: die Treppe im Haus. Denn das gemeinsame Essen mit der Familie findet im ersten Stock statt. Die Seniorin krallt sich am Treppengeländer fest und schleppt sich die 15 Stufen hoch, die Physiotherapeutin stützt sie von hinten. Oben angekommen, checkt Kroll die Lage. Sie wandert in die Zimmer, macht Schränke auf: „Das ist ganz typisch für Demenz“, sagt Schmidseder. „In der Klinik würde sie da ganz durcheinander kommen.“

Die beiden marschieren ins Esszimmer, Kroll lässt sich aufs Kanapee fallen. „Da merkt man auch, dass man im persönlichen Umfeld ist und die Stimmung gelöst ist“, sagt die Physiotherapeutin. Aber die Reha daheim sei nicht für jeden optimal: „Vor allem für Menschen, die isoliert sind, ist es schön, im Krankenhaus mal unter Leuten zu sein.“

Erst 100 Meter mit dem Rollator, dann 500

Egal, ob Reha im Krankenhaus oder daheim: „Den einen Tag geht es besser, den anderen nicht so.“ Deshalb verzichtet die Physiotherapeutin heute darauf, mit Kroll eine Rollator-Runde in der Nachbarschaft zu drehen. „Aber da sind wir eh schon besser geworden. Am Anfang konnte Frau Kroll nur hundert Meter mit dem Rollator gehen, jetzt sind es 500 Meter.“ Das sei auch das Schöne an ihrem Beruf: „Es ist schon Wahnsinn, zu sehen, was alte Leute noch für Fortschritte machen können.“

Zum Schluss gibt es noch eine Fußmassage mit dem Igelball. Dann geht es die Treppe runter zurück auf die Terrasse. Schmidseder und Kroll unterschreiben, dass die Therapiestunde stattgefunden hat. Morgen sehen sie sich wieder. Wenn’s schön ist, wieder auf der Terrasse.

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