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Der Körper-Detektiv

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Von: Markus Schwarzkugler

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Die Hände sind sein wichtigstes Werkzeug: Heilpraktiker Rupert Voringer im Einsatz in seinem Behandlungszimmer für Osteopathie im Erdgeschoss der Klinik Wartenberg.
Die Hände sind sein wichtigstes Werkzeug: Heilpraktiker Rupert Voringer im Einsatz in seinem Behandlungszimmer für Osteopathie im Erdgeschoss der Klinik Wartenberg. © Markus Schwarzkugler

Die Klinik Wartenberg arbeitet daran, ihr Angebot an alternativen Heilmethoden auszubauen. Für die Osteopathie zuständig ist Rupert Voringer. Der Körper-Detektiv hat uns seinen spannenden Job erklärt.

Wartenberg – So schlimm das Virus ist, Corona hat auch positive Nebenaspekte mit sich gebracht – und mit positiv ist nicht das Testergebnis gemeint. Krankenhäusern bereitet die Pandemie besonders Sorgen, doch in der Klinik Wartenberg hat man die schwierige Zeit auch genutzt, um das Thema alternative Heilmethoden voranzubringen. Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg (siehe auch Kasten) ist die Einrichtung eines eigenen Behandlungszimmers für die Osteopathie. Dort empfängt Rupert Voringer seine Patienten, egal ob sie gerade in der Klinik behandelt werden oder von außerhalb kommen.

Wie Klinik-Sprecherin Irene Hilf klarmacht, ergab die Einrichtung des Zimmers im Erdgeschoss in der Pandemiezeit gleich doppelt Sinn, schließlich sollten die einzelnen Bereiche – dazu zählen unter anderem die klassische Physio- und Ergotherapie sowie die Logopädie – getrennt werden, um auch das Personal nicht ständig querbeet untereinander zu vermischen und so das Infektionsrisiko unnötig zu erhöhen.

Alternativmedizin auf dem Vormarsch

Die Klinik Wartenberg arbeitet auf Betreiben von Geschäftsführer Constantin von Stechow daran, die Alternativmedizin auszubauen. Neben der Osteopathie gibt es bereits Lymphdrainagen. „Sowohl im ambulanten wie im stationären Bereich wollen wir zum Beispiel Heilpackungen, Bäder und Auflagen anbieten – im stationären Bereich tun wir das schon“, berichtet Sprecherin Irene Hilf. Aromatherapie sei auch ein großes Thema, das stationär schon umgesetzt werde. „Yoga und Qi-Gong könnten das Angebot abrunden.“ Eine Mitarbeiterin der Klinik sei in beidem geschult. „Qi-Gong bietet sie auch für stationäre Patienten an, die noch so weit fit sind, daran teilzunehmen.“ Schon seit längerem, so Hilf, sucht die Klinik nach einem Oberarzt speziell für die Naturheilkunde, „weil wir glauben, dass das aus mehrerlei Hinsicht gut zur Altersmedizin passt“. Es gebe auch Überlegungen, die Küche in das Konzept miteinzubeziehen. Die entsprechenden Schwerpunkte bestimme dann aber jener Arzt, der eben noch gesucht wird. mas

Doch was versteht man unter Osteopathie, wo liegt der Unterschied zur Physiotherapie? Der Begriff leitet sich aus dem Altgriechischen ab. „Osteo“ steht dabei für „Knochen“, „Pathie“ für „Leiden“. Knochenleiden quasi. Das sei aber nicht gut übersetzt, betont Voringer. Bei der alternativen Heilmethode geht es dem 35-Jährigen zufolge längst nicht nur um Knochen, sondern etwa auch um Muskeln, Bänder, Organe – ein ganzheitlicher Ansatz eben. „Es mag sein, dass der Nacken weh tut. Aber da hängt noch ein ganzer Mensch dran“, sagt Voringer.

Er ist in Wartenberg aufgewachsen, lebt mit Frau und Sohn in Buch am Erlbach. Voringer hat mit einer dreijährigen Physioausbildung begonnen – auch in der Klinik, an der er angestellt ist, hat er schon in der klassischen Physio gearbeitet. Später absolvierte er ein fünfeinhalbjähriges, berufsbegleitendes Studium für Osteopathie, zwischendurch bestand er noch die Prüfung zum Heilpraktiker.

Der Unterschied zur Physiotherapie beziehungsweise Krankengymnastik: „Ich kann mir mehr Zeit nehmen, mache nur Stunden-Termine.“ Er sei selber acht Jahre als Physio an der Bank gestanden. „Aber ich wollte einfach mehr Zeit für die Patienten haben.“ Mit dem klassischen Rezept für den Physio sei diese Zeit einfach nicht drin.

Eine Stunde bei Voringer kostet den Patienten 85 Euro. Mal abgesehen von Zusatzversicherungen, übernehmen – wegen Voringers Zertifizierung – auch manche Krankenkassen einen Teil der Rechnung.

„Jeder Therapeut ist wie ein Werkzeugkasten, mit jeder Schulung kommen weitere Werkzeuge hinzu“, sagt Voringer. So gesehen sei die Osteopathie „ein riesiger Koffer“. Seine Hauptwerkzeuge sind überschaubar: „Hände, Bank und idealerweise noch ein Patient“, meint er schmunzelnd.

Voringer untersucht den Körper von Kopf bis Fuß, wie ein Detektiv. Er erörtert mit den Patienten, ob es in der Vergangenheit Brüche gab, Stürze, Haltungsprobleme, ob Raubbau am Körper betrieben wurde. Und wenn seine Patienten so ins Erzählen kommen, brechen sie auch mal in Tränen aus. Etwa der Maurer, der jahrzehntelang seinen Körper auf die gleiche Weise überanstrengt und letztlich geschädigt hat. Irgendwann könne der Körper einfach nicht mehr. In solchen Momenten ist Voringer auch als Psychologe gefragt.

Erst mal gehe es darum, die ganzen Ursachen, die die Beschwerden auslösen, auszuloten, um später dann gezielt vorgehen zu können. Voringer beschreibt das bildlich vereinfacht so: „Wenn ich immer offene Knie habe, dann sollte ich damit aufhören, ständig auf den Knien herumzurutschen.“

Seine typischen Patienten „haben Schulter- und Rückenschmerzen oder Probleme nach einer Operation“. Das viele Homeoffice hat zuletzt wohl auch nicht zur Entspannung der Muskulatur beigetragen? „Man kann die Problematik nicht verallgemeinern“, findet Voringer. Er sieht das Problem eher in der „Professionalisierung der Bewegungsmuster“. Soll heißen: „Jede Haltung ist irgendwann schlecht. Den ganzen Tag sitzen, den ganzen Tag stehen, den ganzen Tag heben.“

Der Ausgleich fehle oft. Aber den ganzen Tag nur Sport zu machen, sei auch nichts. Denn auch Dauersportler landen immer wieder auf Voringers Bank.

Der Therapeut ist in seinem Zimmer dienstags und freitags von 8 bis 15.30 Uhr tätig (Tel. 08762-91845). An den anderen drei Werktagen ist er auf Hausbesuch – im Rahmen der Mobilen Geriatrischen Reha der Klinik.

„Therapeuten zu finden, ist nicht mehr so einfach wie früher“, berichtet Sprecherin Hilf in Bezug auf Physio- und Ergotherapie. Ein Problem bei der Personalsuche, ähnlich wie im Pflegebereich: Die Berufsfelder sind im sozialen Bereich eingestuft, also bezahlungstechnisch nicht überaus lukrativ.

Dabei ist der Job, ob nun klassische Physio oder Osteopathie, ein fordernder. „Man steht den ganzen Tag an der Bank, denkt sehr viel nach, um die Zielsetzung des Patienten zu erfüllen und reflektiert auch nach jeder Behandlung noch viel“, erzählt Voringer, der auf keinen Fall sagen will, dass dieses oder jenes der einzige Weg ist: „Auch die Osteopathie ist kein Allheilmittel. Aber sie ist eine schöne Ergänzung zur klassischen Medizin.“

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