Wie auf einem Luftpolster habe er sich gefühlt, schwärmt Christian Heim. Das Bild zeigt ihn als 20-Jährigen hoch über Engelberg.
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Wie auf einem Luftpolster habe er sich gefühlt, schwärmt Christian Heim. Das Bild zeigt ihn als 20-Jährigen hoch über Engelberg.

Erdings Top 100

Christian Heim: Steiler Absprung, frühe Landung

  • Dieter Priglmeir
    vonDieter Priglmeir
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Der Wartenberger Skispringer Christian Heim räumte alle Pokale ab und beendete mit 21 Jahren seine Karriere. Heute ist er Trainer.

Wartenberg/Prien – Christian Heim ist 19 und im Wettkampfstress. Gerade ist er noch im Alpencup in Seefeld gesprungen, jetzt geht’s zum Continentalcup in die Schweiz. Zwischendrin nimmt er sich noch die Zeit und bringt mal schnell mehrere Paare abgelegter Sprungski und Anzüge zum Skiclub Auerbach. Den heimischen Nachwuchs freut’s, und er hat was getan für seinen Heimatverein. Dort wo eben alles begann. Diese Geschichte ist aus dem Jahr 2012.

Als Jungspund begeisterte Heim in Auerbach.

Christian Heim ist inzwischen 28, springt schon längst nicht mehr selbst, gibt aber sein Wissen als Trainer weiter. Und das ist in jeder Hinsicht facettenreich. Die Teilnahme bei der Junioren-WM, mehrere Siege im Deutschlandpokal, Deutscher Jugend-Vizemeister hinter Stephan Leye, Deutscher Mannschaftsvizemeister – der Wartenberger hat früh Preise und Pokale abgeräumt. Schon als 15-Jähriger gab er sein internationales Debüt, war auf der ganzen Welt unterwegs.

Aber er hat eben auch die Schattenseiten des Leistungssports erlebt. Er hat Triumphe gefeiert, aber auch Niederlagen einstecken müssen. Die Lektionen, die er erlernt hat, gab er in den vergangenen Jahren als Teil des Trainerstabs des DSV-Nationalkaders weiter. Keine Vier-Schanzentournee, keine Weltmeisterschaft ohne den noch immer jungen Wartenberger. Wir sprachen mit dem Bundespolizisten, der mit seiner Freundin in Prien am Chiemsee lebt und nun an der Sportschule in Bad Endorf Skisprung-Trainer der Sportstaffel ist.

Mit sechs Jahren am Auerbacher Hügel kleine Schanzen gebaut

Erdinger Anzeiger: Gäbe es Zeitreisen: Was würde der Trainer Heim dem Talent Heim raten?
Christian Heim: Gib dir mehr Zeit! Ich war 21 als ich mit dem Springen aufgehört habe.
Mit 21?
Ich war damals unzufrieden mit meinen Leistungen, mit mit meinem Körper, mit meinem Gewicht. Heute weiß ich auch, dass man langfristig denken muss. Aber als junger Kerl bist du ungeduldig und denkst: Martin Schmitt war mit 21 schon längst im Weltcup, das hast du jetzt schon verpasst. Heute weiß ich: Im Weltcup springen zu dürfen, bedarf langer Arbeit. Dass es auch später noch klappen kann, sieht man ja aktuell bei Pius Paschke.
Reden wir von den frühen Jahren. Sie zählen ja nicht umsonst zu unseren Top-100-Sportlern. Wie kamen Sie zum Skispringen?
Irgendwie war ich schon immer dabei. Mein Vater (Michael Heim, die Red.) war Nordischer Kombinierer wie übrigens auch die Auerbacher Legenden Rudi Heilmaier und Hans Steinbauer. Ich war so um die sechs Jahre alt, als wir anfingen, am Auerbacher Hügel kleine Schanzen zu bauen. Da sind wir dann drübergerauscht – das war noch eher eine Mischung aus Skifahren und Springen.

Die goldenen 2000er Jahre des SC Auerbach

Aber das Skisprungfieber hat sie gleich gepackt.
Eher nicht. Das kam erst später auf den größeren Schanzen. Ich war zwölf, als wir nach Rastbüchl in den Bayerischen Wald fuhren. Da gibt’s eine 35- und eine 75-Meter-Schanze. Am Vormittag habe ich mich noch nicht getraut. Beim Mittagessen hatte ich wirklich noch die Hosen voll. Aber dann habe ich dort meine ersten richtigen Sprünge gemacht. Und es lief ja auch gleich ganz gut.
Als Junspund begeisterte Heim in Auerbach.
Das kann man wohl sagen. Die frühen 2000er waren eine goldene Zeit für den SC Auerbach.
Marc Ganserer, Gerrit Herrmann, ich und noch einige andere – wir waren damals wirklich gut. Wir haben jedes Wochenende Pokale heimgebracht. Die Gebirgler haben gar nicht verstanden, wie wir Leute aus dem Flachland so erfolgreich sein konnten.
Sie wurden schon mit zwölf Jahren in die Bayernauswahl berufen.
Ja und witzigerweise wurden die Trainer, ich damals hatte, später dann meine Kollegen im DSV. Und dann ging es mit 14 ins Sportgymnasium nach Berchtesgaden. Mein Lebensmittelpunkt blieb aber Wartenberg. Ich hatte daheim meine Clique. Deshalb bin ich am Wochenende immer nach Hause gefahren.

Das Leben am Sportgymnasium: Es blieb Zeit für Schmarrn

Wie darf man sich den Tag in einem Sportgymnasium vorstellen?
Alles sehr getaktet. Du hast von 8 bis 13 Uhr Unterricht. Nach der Mittagspause holt dich der Trainer ab zum Kraft- oder Sprungtraining. Und nach dem Abendessen war dann noch eineinhalb Stunden Lernzeit. Etwa halb neun war dann Schluss.
Klingt anstrengend.
Keine Angst, es blieb schon Zeit, um noch Schmarrn zu machen. Einmal, als es sehr viel geschneit hat, haben wir den Eingang zugeschaufelt, damit unsere Trainer nicht mehr reinkommen. Wir haben sogar mit Gießkannen gearbeitet, damit das richtig fest gefriert.
Das dürfte Ärger gegeben haben.
Einen rechten Anschiss gab’s halt, aber so schlimm war’s auch wieder nicht. Grundsätzlich war die Stimmung schon locker. Wir hatten ja richtige Granaten bei uns: Markus Eisenbichler, Beppi Ferstl oder Vicky Rebensburg, alle waren sie bei uns. Ich bin allerdings nach nach der mittleren Reife runter. Das Angebot der Bundespolizei mit Ausbildung und Skisport hat mich gereizt.

146 Meter weit durch die Luft

Was würden Sie selbst als Ihre sportlichen Highlights ansehen?
Die Nominierung für die Junioren-WM in Liberec. Dann meine Erfolge im Deutschland-Pokal und mit der Bayern-Mannschaft. Großartig war auch das Wochenende in Iron Mountain. Es war mein erstes Springen außerhalb Europas, ich wurde Dritter im Continental Cup. Gern denke ich auch an Sapporo, als ich Achter wurde.
Ihr Kollege Fabian Seidl schwärmt von der Schanze in dieser japanischen Küstenstadt. Wo gefällt es Ihnen am besten?
Japan ist schon spannend, aber verbunden mit dem Jetlag sauanstrengend. Mir gefällt es in Planica super, Reisen nach Skandinavien sind auch immer ein Erlebnis. Die Landschaft in Finnland zum Beispiel ist ein Traum. Aber ganz ehrlich: Ich mag noch immer die Schanze im kleinen Rastbüchl am liebsten. Da ist es so herrlich ruhig. Toll finde ich auch Predazzo, aber das liegt auch daran, dass es die Südseite der Alpen ist. Ich mag halt auch die Lebensart der Südtiroler, aber die 120-Meter-Schanze dort ist wirklich sehr cool.
Unvergessen bleibt wohl auch der Ort, wo man am weitesten springt.
In Bischofshofen bin ich 146 Meter weit gesprungen.
Auch Skitouren genießt der Wartenberger.

Der Sprung in den B-Kader

Womit wir beim Reiz des Springens sind. Erklären Sie uns die Faszination!
Öffnen Sie mal das Autofenster bei 80 km/h und halten die Hand gegen den Wind. Dann ein leichter Knick in der Hand, und Sie merken den Aufwind. Wenn ich so etwas mit meinem Körper und Skier anstellen kann. Wenn ich durch Auftrieb und Geschwindigkeit wie auf einen Luftpolster stehe – genau das ist es.
Wir Laien wundern uns, dass es bei Skispringern eine Saison lang super läuft und ein Jahr drauf gar nicht. Fehlt da einfach nur die Lockerheit?
Ja, aber die Lockerheit kommt nicht einfach so. Die muss man sich erarbeiten durch die entsprechende Vorbereitung im Sommer, durch das richtige Material-Setup und die entsprechenden körperlichen Voraussetzungen.
Bei Ihnen lief es auch lange gut. Sie wurden in den B-Kader berufen.
Und von da an ging es bergab. Ist schon verrückt. Der Deutsche Skiverband hat mich in den B-Kader geholt, weil ich mir das mit meinen Leistungen verdient habe. Nun hatte ich optimale Rahmenbedingungen, das Knowhow der besten Trainer – es hätte richtig gut werden können.

Leistungssport: „Keiner würde behaupten, dass das gesund ist“

Und dann?
Ging gar nichts mehr. Ich wollte es besonders gut machen. Ich habe versucht, das Körpergewicht zu verändern. Dadurch hat aber das Krafttraining nicht mehr angeschlagen, und ich habe meine Knieprobleme nicht in den Griff bekommen.
Das leidige Thema Körpergewicht.
Da will ich nicht rumjammern. Ich hatte mich eben für diese Sportart entschlossen, und das verlangt einen gewissen Körperbau: Im Basketball gibt es ja auch keine kleinen Spieler oder im Volleyball Spieler mit geringer Sprungkraft.
Aber wenn es dann bis zur Bulimie geht...
Das darf natürlich nicht passieren, und den letzten bekannten Fall im Skisprung gab es meines Wissens, als Sven Hannawald noch gesprungen ist. Aber nochmal: Wir betreiben hier Leistungssport, keiner würde behaupten, dass das gesund ist. Aber klar: Wenn es bei jemand kippt, dann müssen wir als Trainer einschreiten.

Vom DSV zur Bundespolizei

Hat Ihnen damals jemand geholfen?
Nein, ich bin schon an meinen Zweifeln zerbrochen, leichte Depressionen kamen dazu. Leider hatte ich keine Vertrauensperson, die mich motiviert oder vielleicht das Training umgestellt hätte.
Dinge, die Sie als Trainer besser machen können.
Heute haben wir sehr wohl das Gesamtpaket im Blick: das Körperliche, aber auch die Ernährung und die Psyche. Aber die Arbeit in einem Trainerstab wie beim DSV ist ja noch viel umfangreicher. Meine Hauptaufgaben als Co-Trainer waren neben der Betreuung der Sportler auch die Planung und Organisation von Fahrten und Trainingslagern. An der Schanze habe ich jeden Flug gefilmt, die Videos dazu für die Analyse aufgearbeitet. Seit heuer bin ich aber nicht mehr beim DSV.
Sondern?
Trainer bei der Bundespolizei, und damit auch von Markus Eisenbichler und Martin Hahmann. Das macht sehr viel Spaß.
Aktuell befindet sich Heim gerade in Planica und trainiert die Sportler der Bundespolizei.
Ein Job für die Ewigkeit?
Keine Ahnung, wie lange ich das mache. Vielleicht gehe ich den Polizeiweg, mache den gehobenen Dienst und werde Kommissar. Das könnte ich mir auch vorstellen.
Bei einer Vita wie Ihrer mit vielen schnellen Erfolgen und dem sehr frühen Karriereende erlaubt sich die Frage: War es die Schinderei wert?
Ich würde es definitiv nochmal so machen. Ich habe Eigenschaften erlernt, die man nur als Profisportler so krass hat und den Unterschied zu anderen Menschen macht: Pünktlichkeit, Disziplin. Ein Leistungssportler plant schon einen Kurzurlaub ganz anders. Wir gehen viel zielstrebiger und strukturierter an eine Sache ran. Und wenn wir einen fetten Berg von Arbeit vor uns haben, dann verzweifeln wir nicht daran, sondern tragen ihn einfach langsam ab. In meiner Karriere würde ich sicher heute einiges anders machen, aber den Schritt zum Leistungssport habe ich nie bereut.

Dieter Priglmeir

Weitere Porträts aus unserer Serie Erdings Top 100 finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

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