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Das Grauen kam um fünf Uhr morgens: Mutter flüchtet mit Sohn Hals über Kopf aus Kiew - Vater bleibt zurück

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Gemeinsam am Tisch: Vor kurzem haben die beiden Familien noch knapp 1800 Kilometer getrennt. Das Bild zeigt (v. l.) Florian Härtl, seine Tochter Magdalena, Stefan und seine Mutter Elena, Sebastian und Shara Härtl.
Gemeinsam am Tisch: Vor kurzem haben die beiden Familien noch knapp 1800 Kilometer getrennt. Das Bild zeigt (v. l.) Florian Härtl, seine Tochter Magdalena, Stefan und seine Mutter Elena, Sebastian und Shara Härtl. © privat

Elena und ihr Sohn Stefan (8) sind aus Kiew geflüchtet. Familie Härtl hat sie bei sich in Wartenberg aufgenommen. Einige Geschichte, die in vielerlei Hinsicht berührt.

Wartenberg – Als das Grauen hereinbricht, ist es mitten in der Nacht. Noch am Vorabend war Elena, 38, mit einer Freundin in Kiew unterwegs. Die beiden haben an jenem 23. Februar Kaffee getrunken, Pläne geschmiedet, gelacht, sich an der Schönheit der Stadt am Dnepr erfreut. Wenig später ist Elena froh, dass sie weit weg ist. In Wartenberg, bei den Härtls. Und vor allem: in Sicherheit.

Gegen 5 Uhr am 24. Februar wird die Welt, wie sie sie bis dahin kennt, aus den Angeln gehoben. Elena, die ihren Nachnamen aus Angst vor späteren Repressalien nicht genannt haben will, wird in ihrem Bett im 26. Stock eines Hochhauses mitten im Zentrum von Kiew aus dem Schlaf gerissen. Es ist eines der schöneren Viertel, doch nun wackeln die Fensterscheiben, Elena denkt zunächst, aus einem bösen Traum erwacht zu sein. Als dann aber auch noch ihr achtjähriger Sohn Stefan kommt, wird ihr schnell klar: Das ist real, das ist Krieg.

Ukraine-Krieg: Nachts in Kiew aus dem Schlaf gerissen - „Russland ist über uns hergefallen“

Russische Truppen haben die Ukraine überfallen. Überall ist nur das Rot des Feuerscheins der Bomben zu sehen. „Es war für uns nicht abzusehen, dass das so kommt“, sagt die 38-Jährige, „Russland ist über uns hergefallen.“ Und: Sie ist so paralysiert, dass sie und Stefan zunächst nicht reagieren können. Als der Schock etwas weicht, packen die beiden und flüchten zunächst in den Keller des Hochhauses.

Später stößt auch Elenas Mann Alex hinzu, und gegen Abend beschließen die Drei, dass zumindest Elena und Stefan sofort raus aus Kiew müssen. Die Ausgangssperre um 22 Uhr gibt es bereits, es ist 21.20 Uhr. Also fährt Alex, was das Auto hergibt, mit 200 km/h durch die Stadt. Eigentlich wollen die Drei weiter nach Osten, um Elenas Mama (75) und die Oma (96) zu holen. Doch das misslingt, der Weg ist unpassierbar, sie drehen um zur Westgrenze.

Ukraine-Konflikt: Mutter und Sohn fliehen aus Kiew - Vater bleibt zurück

Was nun aus ihren Lieben daheim wird? Ungewiss, bis heute halten sie Kontakt per WhatsApp. Irgendwann erreichen die Drei die Grenze nach Ungarn, fahren vorbei an Leichen und Trümmerteilen, Elena und Stefan steigen aus – und Alex rast zurück nach Kiew. Er will, er muss, wie viele andere Nicht-Soldaten, seine Heimat verteidigen. „Hätte ich kein Kind, ich würde auch kämpfen“, beteuert Elena. Es ist das letzte Mal, dass Elena und Alex sich sehen. Für immer?

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In Wartenberg lassen Familie Härtl die schlimmen TV-Bilder nicht mehr los. Ihr Gedanke: „Wir wollen, wir müssen helfen.“ Es sollen nicht nur Sach- oder Geldspenden sein. Schnell werden er und seine Frau Shara, eine gebürtige Amerikanerin, auf eine Facebookseite aufmerksam, bieten dort an, Flüchtende aufzunehmen. Schon über Nacht kommt der Kontakt zustande. Man bleibt im Austausch, harrt der Dinge, auch, als Elena an der Grenze festhängt, sich einreiht in die schier unendliche Schlange der Schutzsuchenden.

Ukraine-Krieg: Frau kommt in Oberbayern unter - „Habe das Gesicht des Teufels gesehen“

Dann schafft sie es, und Florian Härtl lotst Elena und Stefan per Telefon über Budapest nach Graz. Dort kann Elena eine Nacht bei einer ukrainischen Freundin unterkommen. Jene, mit der sie erst noch in Kiew Kaffee getrunken hat. Härtl holt sie in Graz ab.

Elena hat ihr Leben, zwei florierende Sprachschulen, ihre Familie, ihre Freunde, in der Ukraine zurückgelassen. Und findet vorerst Zuflucht mitten in Oberbayern. Die warme Wintersonne dort ist für sie ein grotesker Kontrast zum Horror in Kiew. Immer wieder erzählt die 38-Jährige von „Putler“, wie sie Putin in Anlehnung an Hitler sarkastisch nennt, zeigt Fotos von der zerstörten Heimat, von Putin als Teufel. „Ich habe das Gesicht des Teufels gesehen“, sagt sie weinend in fließendem Englisch. „Und Gott hat mir einen Engel geschickt.“

Allianz-Arena: „Das erste Mal, dass ich mir eigenen Augen gesehen habe, dass ganze Welt hinter uns steht“

Sie meint die Härtls, zu denen auch Tochter Magdalena (5) und Sohn Sebastian (2) gehören. Sie sind gerade erst eingezogen in eine Doppelhaushälfte, die Einliegerwohnung überlassen sie selbstlos ihren Gästen. Sie sorgen dafür, dass Elena und Stefan zumindest ein wenig Normalität bekommen, wenn das überhaupt möglich ist. „Flo und Shara haben mich aus den Stücken, die ich war, wieder zusammengesetzt“, erzählt Elena.

Am Samstag waren alle zusammen in der Allianz Arena beim FC Bayern, es war „das erste Mal, dass ich mit eigenen Augen gesehen habe, dass die ganze Welt hinter uns steht“, berichtet Elena von den vielen blau-gelben Fahnen und „No War“-Plakaten. „Florian und Shara machen alles, dass es uns gut geht“, schwärmt Elena immer und immer wieder. Schlafen kann die 38-Jährige aktuell nur mithilfe von Medikamenten. Sie denkt etwa daran, dass ihr Mann Alex bis zum letzten Tropfen Blut für die Ukraine kämpfen werde, dass der zum Abschied „vergiss mich“ gesagt hat.

„Ich bin mehr als stolz, Ukrainerin zu sein“, sagt sie. Und: Putins Truppen könnten vielleicht die Gebäude des Landes zerstören, „aber nicht in unsere Mentalität, unser Volk“. Ob Elena jemals wieder in Kiew in einem Café sitzen wird – zusammen mit Stefan und ihrem Mann?

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