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Das Rohr richtig angesetzt: Stefan Leitsch (l.) und Andreas Ulrich zeigen, wie’s geht.
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Pfeile und Mundstücke.
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Sechs Schuss, sechs Zielscheiben: Felix Ulrich nimmt sein Ziel konzentriert ins Visier.

Eine neue Abteilung, die es so nur selten gibt

Eine seltene Spezies: Die Blasrohr-Schützen von Pesenlern

  • Markus Schwarzkugler
    vonMarkus Schwarzkugler
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Corona funkt auch ihnen derzeit dazwischen und macht den Schießbetrieb unmöglich. Trotzdem hat sich da in Pesenlern vor den aktuellen Beschränkungen eine äußerst seltene Abteilung gegründet: Bei St. Ulrich wird nun mit Blasrohren geschossen. Abteilungschef Stefan Leitsch erklärt uns die etwas andere Schützendisziplin.

Pesenlern – Wer den Begriff Blasrohr hört, der denkt vielleicht zunächst mal an einen Streich, den er sich als Schüler erlaubt hat. Stichwort fliegende Papierkügelchen. Oder er denkt an die Betäubung von Tieren, oder vielleicht auch an Indianer. An den Schützensport denkt man da nicht unbedingt. Dabei ist das Blasrohrschießen seiot 2018 offiziell im Programm des Bayerischen Sportschützenbundes (BSSB).

Vor der derzeit das öffentliche Leben lahmlegenden Corona-Pandemie haben auch die St.-Ulrich-Schützen Pesenlern eine Abteilung dafür gegründet.

Es sei angemerkt: Das Gespräch für unseren Artikel fand bereits vor den aktuellen Beschränkungen statt, auch die Fotos wurden zuvor gemacht. Derzeit ruht der Schießsport in Pesenlern,wie bei allen anderen Schützenvereinen auch.

St. Ulrichs Blasrohr-Chef ist Stefan Leitsch, einer von drei Sportleitern der Schützen. Ihn hat unsere Zeitung gefragt, wie die Pesenlerner denn überhaupt auf die Idee gekommen sind, eine solch ungewöhnliche Abteilung aus dem Boden zu stampfen. „Unser Vorsitzender, der Andreas Ulrich, hat das irgendwie aufgeschnappt“, erzählt Leitsch. „Wir hatten gerade unseren Stand umgebaut und uns gedacht, dass wir was Neues probieren könnten, um mehr Leute zum Verein zu bringen.“ Eben ein bisschen Abwechslung zu Gewehr, Pistole und Co. bieten.

Im vergangenen Jahr beim 40-jährigen Bestehen des rund 200 Mitglieder zählenden Vereins wurde die Idee erstmals vorgestellt, danach stand die Planung auf dem Programm. Und seit Januar wird in Pesenlern, im Vereinslokal Bachmaier, Blasrohr geschossen. „Es ist wirklich alles dabei – von Jung bis Alt“, sagt Leitsch. Alle zwei Wochen trifft man sich – wenn nicht gerade ein Virus dazwischenfunkt – immer donnerstags von 18.30 bis 20 Uhr.

Die Jüngsten sind rund zehn Jahre alt, andere schon 75. Auch Schützen, die gar nicht mehr aktiv schießen, kommen mitunter zur Blasrohr-Gaudi vorbei. Rund 15 Teilnehmer waren es bis zur Zwangspause im Schnitt bei den Terminen, berichtet Leitsch.

„Das Blasrohrschießen ist ein attraktiver Sport und macht viel Spaß! Oma, Opa, Vater, Mutter Kind, Menschen mit und ohne Handicap – alle können sich gemeinsam im fairen Blasrohr-Match vergnügen. Wer eine Kerze ausblasen oder einen Kern spucken kann, erfüllt schon die Grundvoraussetzungen“, wirbt der BSSB für die etwas andere Variante des Schützensports.

Und er verweist auf seiner Homepage neben dem Spaß noch auf weitere positive Begleiterscheinungen: „Es steigert zum einen die Konzentrationsfähigkeit und vergrößert zum anderen das Lungenvolumen.“ Darauf verweist auch Leitsch. „Das ist relativ gesund“, betont er.

Und es ist ein Sport, der die Inklusion fördert, worauf der BSSB verweist: „Besonders Rollstuhlfahrer können durch das tiefe Ein- und schnelle Ausatmen die Lungenfunktion deutlich verbessern.“

Doch wie muss man sich das mit dem Blasrohr vorstellen? Wer jetzt ein Mikroschreiber-Röhrchen und jenen Schulstreich wieder im Kopf hat, der liegt erneut daneben. Denn es handelt sich um ganz schön mächtige Alurohre, die 1,21 oder gar 1,60 Meter lang sind und einen Durchmesser von 16 Millimetern haben. Und die Geschosse? „Die sind ungefähr wie ein Rouladenspieß“, beschreibt Leitsch die Pfeile, die vorne spitz sind und hinten einen Plastikkopf haben.

Apropos Pfeile: Ein bisserl lässt sich das Ganze mit dem Dartsport vergleichen. Denn es gibt am Rohr keine Hilfsvorrichtung zum Zielen wie etwa bei einem Gewehr. „Den Anhaltspunkt zum Zielen muss man sich selber suchen. Es geht darum, immer den gleichen Luftstoß und Druck draufzukriegen“, erklärt Leitsch.

Geschossen wird je nach Geschlecht beziehungsweise Altersklasse aus fünf, sieben oder zehn Metern Entfernung. Auf einem Blatt sind sechs Einzelscheiben angebracht, die ähnlich aussehen wie die beim Bogenschießen. Zwei Stände haben die Pesenlerner dafür eingerichtet, zwei weitere sollen noch dazu gebaut werden.

„Wir haben jetzt erst mal angefangen und schauen, wie’s ankommt“, sagt Leitsch. An ein Eingreifen der Pesenlerner ins Wettbewerbsgeschehen denkt er derzeit nicht. Zumal das ziemlich lange Reisen mit sich bringen würde, etwa ins Allgäu. Im Kreis Erding ist Leitsch keine weitere Blasrohr-Abteilung bekannt, auch unserer Zeitung nicht. Die Schützen von Buchenlaub Buch haben gelegentlich Blasrohrschießen immerhin als Gaudi-Angebot im Programm, Vorrang hat dort bei den alternativen Disziplinen der Bogensport.

Ist eigentlich schon mal jemandem schwindlig geworden, weil er zu energisch ins Rohr geblasen hat? Das kann Leitsch schmunzelnd verneinen. Zwischen den sechs Schuss auf die sechs Scheiben gebe es ja wegen des Nachladens ausreichend lange Pausen zum Durchschnaufen.

Im Shop des BSSB kostet ein 121-Zentimeter-Alublasrohr mit zehn Bambuspfeilen, zwei Zielscheiben und einem Kunststoff-Mundstück 55 Euro. Letzteres sorgt für entsprechende Hygiene, der Verein hat nämlich nicht für jeden Akteur ein eigenes Rohr. Bevor ein Schütze das Rohr von seinem Kameraden überreicht bekommt, kommen Desinfektionsmittel zum Einsatz. Wenn diese dann irgendwann nicht mehr in erster Linie mit Corona assoziiert werden, dürfte das Blasrohrschießen in Pesenlern wieder besonders viel Spaß bereiten. Sowohl Jung als auch Alt. Und vielleicht auch irgendwann in anderen Schützenvereinen des Landkreises?

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