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Gruppenfoto inmitten der Flüchtlinge: Martin Hamberger (hinten, r.) zusammen mit weiteren Helfern.
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Täglicher Wahnsinn auf den Straßen: Diesen Schnappschuss machte Martin Hamberger von seinem Fahrzeug aus. Bei dem Gedränge dauerte eine 30-Kilometer-Fahrt schon mal drei Stunden.
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Das Shirt passt noch: Martin Hamberger mit der Machete aus dem Camp.

In einem Flüchtlingscamp in Zaire blickte Martin Hamberger dem Grauen ins Auge

Durch die Hölle des Völkermords

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Was sind schon zwei Wochen, wenn man 53 Jahre alt ist? In der Regel nicht viel. Mit den 14 Tagen, die Martin Hamberger vor genau 25 Jahren in Afrika erlebt hat, verhält es sich ganz anders. Den Geruch des Todes, die Bilder von Massengräbern, Leichen mit abgetrennten Gliedmaßen und toten Babys wird der Wartenberger nie vergessen. Nach dem Völkermord von Ruanda war Hamberger als junger Mann Helfer in einem Flüchtlingscamp in Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo. „Es war ein Ritt durch die Hölle“, sagt der Maschinenschlosser heute. Ein Ritt, zu dem ihn niemand zwang, sondern zu dem er sich freiwillig entschlossen hatte.

Wartenberg – „Es kommen immer wieder Sachen hoch“, sagt Hamberger, der im Gespräch mit unserer Zeitung ab und an innehält, je mehr sich der Horror der Vergangenheit zurück in seine Erinnerung drängt.

Zunächst spielen sich die schlimmen Szenen auch bei dem jungen Wartenberger nur im Fernsehen ab. „Ich war zuvor mal in Afrika im Urlaub gewesen und konnte das nicht aushalten, was da unten los war. Jeden Tag dieser Krieg. Stundenlang“, erinnert sich Hamberger. Verbunden sind die TV-Beiträge oft mit Hilfsaufruf inklusive Telefonnummer. Den jungen Mann, seit 1983 schon Mitglied der Wartenberger Feuerwehr, lässt das Ganze nicht mehr los. Er greift zum Hörer.

Wenig später geht es für Hamberger mit der Hilfsorganisation Care Deutschland in einem alten Russenbomber nach Goma in Zaire. Seine Eltern weiht er nicht ein. Die würden ihn wohl nicht aufbrechen lassen, so Hambergers Befürchtung. Unweit von Goma liegt ein früheres Camp der Fremdenlegion, streng bewacht von Sicherheitskräften – seine Heimat für die kommenden zwei Wochen. Ein Feldbett, eine Decke, ein kleiner Spind, das muss an „Annehmlichkeiten“ reichen. Doch zum Schlafen ist Hamberger eh nicht da, und dazu kommen würde er mit mehr Komfort wohl auch nicht.

Hambergers Hilfe erstreckt sich vor allem auf den Aufbau von Zelten, damit die Armen in der Regenzeit wenigstens ein Dach über dem Kopf haben. Als einziger Schlosser mit Schweißerkenntnissen baut er etwa einen Wasserboiler zu einem Verbrennungsofen für Einwegspritzen um.

Doch das Elend in den Flüchtlingslagern wird den jungen Mann schier erdrücken. „Es waren Camps mit 100 000 bis 200 000 Leuten. Wir wussten gar nicht, wie viele es genau waren“, erinnert sich Hamberger.

Männer, Frauen und Kinder ohne Obdach, ohne Sanitäranlagen. Auf offenem Feuer versuchen sie, eine kärgliche Maismehlration zu einer Mahlzeit zu machen. Wegen der Feuer ist das ganze Lager eine Rauchschwade, hinzu kommt der Gestank von Fäkalien.

Wer nun denkt, schlimmer geht’s nimmer, der liegt falsch. Die rund 30 bis 40 Kilometer lange Strecke auf einem alten Lkw von Hambergers Lager zu den Flüchtlingscamps ist ein Unterfangen, das um die drei Stunden in Anspruch nimmt. Die schlechten Straßen sind auf beiden Seiten gesäumt von Tausenden von Menschen, die den weiten Weg nach Goma und zurück zu Fuß gehen, um in der Stadt wenigstens etwas Proviant aufzutreiben. Entsprechend aufpassen müssen die Helfer. „Ich habe zu meinem Fahrer immer gesagt: ,Slowly, lass’ dir Zeit!‘“ , erzählt Hamberger. Der französischsprache Mann habe dann immer geantwortet: „Alles gut, Chef!“ Und wenn man jemanden überfahren würde, vielleicht sogar ein Kind? „Wir hatten die Anweisung, in einem solchen Fall weiterzufahren“, sagt Hamberger. Zur eigenen Sicherheit. Wie die Menschen auf der Straße bei einem Unfall reagieren – das kann niemand einschätzen.

Inmitten des hektischen Treibens an der Straße: unzählige Leichen, teils mit verstümmelten Gliedmaßen. Die Amerikaner, erinnert sich Hamberger, hätten teils einfach nur riesige Löcher ausgehoben und die Leichen hineingeworfen. Auch Einheimische bringen die leblosen Körper weg. Ein skurriles Bild: Sie machen das eingehüllt in weiße Schutzkleidung.

Das Shirt passt noch: Martin Hamberger mit der Machete aus dem Camp.

Unter den Flüchtlingen sind auch zahlreiche Täter aus dem Völkermord von Ruanda (siehe Infokasten), die immer wieder für Aufruhr sorgen und morden. „Das war wie eine Suppe, die sie immer wieder umrührten“, sagt Hamberger über die Unruhestifter.

Wenn einem der Wind auf dem Lkw ins Gesicht bläst, ist da stets dieser Leichengeruch. „Da stellt’s mir gleich die Gänsehaut auf“, sagt Hamberger und zeigt mit dem Finger auf seinen Arm.

Hinzu kommt: Die Bewohner von Zaire sind wegen der von ihnen nicht geduldeten Flüchtlinge alles andere als begeistert von der Arbeit der Helfer, die sie teils sogar behindern. Ein TV-Team des BR wird etwa überfallen und ausgeraubt, Krankenschwestern wurden halb tot geschlagen.

In der Nacht dürfen die Helfer ihr Camp, das zwar bewacht, aber nur von einem dünnen Stacheldrahtzäunchen umgeben ist, nicht verlassen. „Wir wussten nicht, ob jemand angreifen will“, erzählt Hamberger. Denn draußen tobt immer wieder der Krieg, in der Ferne ist die Leuchtspurmunition zu sehen, die farbige Streifen in die Dunkelheit reißt. Hinzu kommt das ohrenbetäubende Zirpen der Zikaden.

Schlaf? Meist Fehlanzeige. Hamberger erinnert sich an Krankenschwestern, die voller Verzweiflung weinten. Wegen der ständigen Unsicherheit hat er sich eine Machete – „keine, mit der Hände abgehackt worden sind“ – geben lassen und diese griffbereit unter der Pritsche verstaut.

Die Krankenstation ist in hygienischer Hinsicht ein Albtraum. Menschen stehen dort Schlange, teils tagelang. Beim Anblick so manches Kranken weiß Hamberger schon, dass für ihn wohl jede Hilfe zu spät kommen wird. „Einmal musste ich operieren helfen“, erzählt der 53-Jährige. Der Patient hat ein Geschwür an der Seite. Als der Arzt hineinsticht, kriechen Maden daraus hervor.

Das Erlebnis, das für Hamberger jedoch das schlimmste seiner 14 Tage in Zaire sein wird, ist ein anderes. Eine junge Mutter hat ihm und einem Mithelfer zwei, drei Tage lang immer wieder ihr Baby hingehalten. Hambergers Vermutung: Sie will wohl, dass ihr Kleines von den Helfern in Sicherheit gebracht wird. „Wir konnten es ja nicht einfach mitnehmen“, sagt Hamberger. Ein paar Tage später sieht er das Baby auf einem Haufen Leichen liegen. Es ist tot. „Das war das Allerschlimmste“, sagt Hamberger, jetzt mit Tränen in den Augen. Sein Dilemma damals: „Du kommst, um zu helfen, musst aber beim Sterben zuschauen.“

„Afrika braucht endlich eine echte Chance“, findet Hamberger. „Aber was bekommt es stattdessen nach jahrhundertelanger Ausbeutung? Waffen mit unserem Elektroschrott. Vertreibung und Umweltzerstörung ist das, was bleibt. Warum ist auf der Welt kein Frieden? Ich denke, weil mit Krieg mehr Geld zu verdienen ist. Dumme Menschheit“, so der Wartenberger konsterniert.

Dass er in diesen zwei Wochen auch etwas zu lachen hat, mutet da fast schon pervers an. Doch es ist für Hamberger und all die anderen Helfer irgendwie auch nicht anders auszuhalten. Ihm gefällt, wie die Afrikaner ihn, den 1,88 Meter großen Deutschen, Musumbu nennen, was weißer Mann bedeutet, und wie sie das Geräusch seines Akkuschraubers nachsurren – nachdem sie sich zuvor mächtig erschreckt und gedacht hatten, er halte eine Pistole in der Hand.

Dann ist da noch der Apotheker, der gerne eine Palette Hustensaft mitbringt – zum Schnapseln. „Wir haben dann immer einen ,Aperitif‘ getrunken“, erzählt Hamberger lachend.

Nach zwei Wochen geht es für den Wartenberger zurück nach Deutschland. „Manche sind auch vier Wochen geblieben. Aber nach 14 Tagen warst du eigentlich am Ende. Ich habe noch nie so körperlich kaputte Menschen gesehen“, sagt er über die Situation im Flieger nach Hause.

25 Jahre später ist Hamberger verheirateter Familienvater zweier Töchter (10 und 18 Jahre alt), doch jene zwei Wochen in Afrika werden ihn nie mehr loslassen. So erinnert er sich auch noch genau daran, was er zurück daheim als erstes tat. „Ich bin zum Wirt, habe mir ein Weißbier gekauft und einen Wurstsalat gegessen.“ Und dann eineinhalb Tage durchgeschlafen.

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