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Entführer vor Gericht

Zugedröhnt und bewaffnet

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Die Entführung eines 19-Jährigen lief ab „wie ein schlechter Film“. So sagte einer der fünf Angeklagten gestern vor Gericht aus. Alle Täter waren im Drogenrausch.

Landshut – Kokain, Ecstasy, Chrystal, Marihuana – darum drehte sich das Leben einer Clique in Landshut. Eine 29-Jährige und ein 19-Jähriger verkauften Drogen und finanzierten so ihren eigenen Konsum. In ihrem Dunstkreis waren weitere junge Männer, einer von ihnen aus Wartenberg. Am Ende entführten sie gemeinsam einen Kunden, um Geld von ihm einzutreiben. Diese Aktion geschah im Drogenrausch. Alle fünf Täter waren gemeinsam drei Tage lang wach geblieben und hatten sich während dieser Zeit vollkommen zugedröhnt.

„Während der Fahrt Kokain gerotzt“

Dieser „erpresserische Menschenraub“, so die Anklage der Staatsanwaltschaft Landshut, endete in der Verhaftung der Täter nach nur einer Stunde. Alle sind deutsche Staatsangehörige und sitzen seit ihrer Tat Mitte April 2017 in U-Haft.

Beim ersten Prozesstag vor der Jugendkammer des Landgerichts Landshut unter Vorsitz von Richter Theo Ziegler schilderten die Angeklagten am Donnerstag einen Strudel, in dem aus Dauer-Party bitterer Ernst wurde. Unter großem Medieneninteresse sagten die fünf über den Tattag aus. Damals bat die Angeklagte das spätere Entführungsopfer um ein Treffen, damit dieses einen Teil seiner Schulden von 1800 Euro bei ihr zurückzahlt. Der 19-jährige Geisenhausener hätte für die Angeklagte Marihuana verkaufen sollen.

Doch in Wahrheit sollte der junge Mann bei dem Treffen auf dem Skaterplatz in Geisenhausen (Kreis Landshut) unter Druck gesetzt werden. Alle Tatbeteiligten hatten Unmengen von Drogen konsumiert. Teilweise geschah das in der elterlichen Wohnung eines 21-jährigen Wartenbergers, der für die Gruppe als Fahrer tätig war.

Alleine der Mitangeklagte aus Landshut und sie hätten am Tattag gemeinsam zwölf Gramm Kokain geschnupft, sagte die Angeklagte vor Gericht aus, dazu Speed, Ecstasy und Marihuana. „Wir haben während der Fahrt ständig Kokain gerotzt“, berichtete die Angeklagte. Joints seien ohnehin wie Zigaretten geraucht worden. „Wie wenn man sich einen ganz schlechten Film anschaut“, beschrieb der 19-jährige Landshuter die Situation und seinen Zustand an diesem Tag.

Am Treffpunkt stieg er mit einer Luftdruckpistole in der Hand aus dem Wagen und schubste den säumigen Marihuanakunden mit vorgehaltener Waffe ins Auto. Das beobachtete ein Freund des Geisenhauseners. Er verständigte die Mutter seines Kumpels und diese die Polizei.

Währenddessen fuhren die Entführer ihr Opfer zur Wohnung des 19-jährigen Landshuters, in der auch die 29-Jährige lebte. Dort warteten zwei 18-jährige Komplizen aus Velden und Rosenheim. Sie waren mit einer Luftdruckpistole bewaffnet und sollten den Entführten am Gehen hindern. In der Zwischenzeit wollten die anderen zur Wohnung ihres Opfers fahren und dort Elektrogeräte stehlen.

Kiffen, FIFA zocken, Pistole in Griffweite

Die Zeit überbrückten die Bewacher, in dem sie kifften und FIFA zockten. Eine gute Stunde nach der Entführung erhielten die beiden die Nachricht, dass sie das Opfer gehen lassen sollten. Die Polizei stand bereits vor der Tür und verhaftete die übrigen Täter im Auto.

Das Opfer der Entführung wirkte am Donnerstag bei seiner Aussage eingeschüchtert. Er habe Angst um sein Leben gehabt, murmelte der heute 20-Jährige kaum hörbar. Seitdem sei er traumatisiert und leide unter Ängsten sowie Schlafstörungen. Er sei auch sehr enttäuscht von den Angeklagten, weil er sie alle bis auf den Rosenheimer schon länger gekannt habe. Das Opfer ist aber auch ein Täter, gegen den Verfahren wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz laufen.

Die 29-Jährige räumte die Tatvorwürfe in vollem Umfang ein. Sie sei seit vielen Jahren abhängig. Um ihren Konsum von Kokain, Marihuana und weiterem zu finanzieren, handelte sie wiederum selbst mit Drogen. Ihre Lieferanten beschrieb sie als sehr gefährliche Menschen: „Keiner will Stress mit diesen Leuten haben.“

Seit April 2015 habe sie aufgrund ihrer Abhängigkeit keiner regulären Arbeit mehr nachgehen können und war zeitweise ohne festen Wohnsitz. Anschließend nahm sie der Mitangeklagte T. in seiner Wohnung auf. Die Freundschaft war eng, aber keine Liebesbeziehung. „Er war wie ein Bruder für mich“, sagte die Angeklagte. Umso enttäuschter zeigte sie sich von Aussagen des 19-Jährigen, der sie als alleinige Anstifterin der Taten bezeichnet hatte. „Er hat mit mir alles aufgebaut und organisiert“, sagte die 29-Jährige. Laut der Anklage ist sie allerdings die Anführerin.

Bei der Entführung hätten die beiden Komplizen in der Wohnung auf ihre Weisung hin als Aufpasser agiert, der junge Wartenberger als Fahrer. Dieser berichtete, dass er wegen seines Drogenkonsums zuvor seine Lehrstelle verloren habe. Für Drogengeschäfte der 29-Jährigen, aber auch des späteren Entführungsopfers sei er häufig als Fahrer im Einsatz gewesen. „Das Einzige, was mich interessiert hat, war, dass ich fit bin zum Fahren und ich meine Drogen bekomme“, berichtete er. Wie andere Mitangeklagte entschuldigte er sich bei dem Opfer.

Der Prozess

wird am 7. Februar um 15 Uhr fortgesetzt. Es sind insgesamt sechs Termine angesetzt

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