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Wenn es dunkel wird im Gedächtnis

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Zeit haben und den Lebensmut stärken: Die Betreuung demenzkranker Menschen fordert viel Einfühlungsvermögen. Elzbieta Bauersachs (M.) betreut einmal wöchentlich die Eltern von Rita K., die beide schwer erkrankt sind. © Renner

Dorfen - Die Tragödie kam schleichend. Zuerst fiel Rita K. auf, dass sich ihr Vater immer weniger am Alltagsgeschehen auf dem Bauernhof beteiligte. Dann wurde der 80-Jährige immer stiller und in sich gekehrt. Seit der Diagnose Demenz ist in der Familie kein Stein mehr auf dem anderen.

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Der Vater von Rita K. war ein lebenslustiger und aktiver Mensch. Auch als Austragsbauer packte er an. Er half seiner Tochter und deren Familie auf dem Hof, räumte auf, kehrte zusammen, fuhr für sein Leben gern zum Holzarbeiten in den Wald. „Des war sei Weeda“, erinnert sich die Tochter. Doch auf einmal wurde er zuhause immer stiller. Der alte Mann verhielt sich zunehmend seltsamer, hörte mit der morgendlichen Lektüre der Tageszeitung auf, verlor die Lust an Kreuzworträtseln. Irgendwann folgte auf Drängen der Familie dann der Gang zum Arzt. Die schockierende Diagnose: Demenz.

Für die Tochter war klar, dass sie und ihre Mutter ihren Vater zuhause betreuen – die Schwestern halfen und helfen dabei. Was anfangs noch relativ problemlos ging, ist mittlerweile fast nicht mehr zu bewerkstelligen. Rita K’s. Vater hat die Orientierung verloren. Er verlangt beispielsweise nach etwas zu trinken, obwohl das gefüllte Wasserglas vor ihm steht. Der heute 91-Jährige kann das Gefäß nicht mehr als solches identifizieren. Auch beim Essen und Trinken muss dem alten Mann geholfen werden. Der 91-Jährige hat schlichtweg vergessen, wie er seine Hände dazu zu gebrauchen hat.

So können Sie helfen

Das Leserhilfswerk Licht in die Herzen unterstützt in Not geratene Menschen und Vereinigungen wie die Nachbarschaftshilfe Dorfen. Wer spenden will, kann dies auf das Konto Nr. 17 111 bei der Sparkasse Erding-Dorfen (BLZ 700 519 95) tun. Spendenquittungen werden auf Wunsch ausgestellt (Adresse auf dem Überweisungsträger angeben). Die Namen der Spender werden veröffentlicht. Wer dies nicht will, bitte auf der Überweisung vermerken.

Doch es kam für Rita K. und ihre Familie noch schlimmer. Monate nach dem Vater erkrankte auch die heute 84-jährige Mutter an Demenz. Die Tochter pflegt und kümmert sich zusammen mit ihren Schwestern auch um sie. Sich dafür Hilfe zu holen, war für Rita K. lange kein Thema. „Du wirst doch deine Eltern pflegen können“, sprachen sie Bekannte und Leute aus dem Dorf an, wenn die Rede auf ihre kranken Eltern kam.  Rita K. wollte sich keine Blöße geben. „Des pack’ ma scho’“, machte sie sich und ihrer Familie Mut. Das ging über die Jahre hinweg bis zur Erschöpfung, oft über die Grenzen der psychischen Belastung hinaus. „Ich hob glaabt, i bin so stark, des schaff’ i scho.“ Doch irgendwann ging es auch bei Rita K. nicht mehr – sie war kurz vor dem Zusammenbruch. Auch ihre eigene Familie litt unter der Situation unendlich. Dann wagte die Mutter zweier Kinder endlich den Schritt, sich Hilfe zu holen.

Die hat die Hausfrau in der Nachbarschaftshilfe Dorfen gefunden. Der Verein unterhält einen Helferkreis Demenz. Er erfüllt die gesetzlichen Voraussetzungen für ein qualitätsgesichertes Betreuungsangebot und ist vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen, anerkannt worden und wird auch finanziell gefördert. Die ehrenamtlich Engagierten des Helferkreises wurden durch eine Schulung bei der Deutschen Alzheimer Gesellschaft auf ihre Aufgabe gut vorbereitet.

Eine dieser Helferinnen ist Elzbieta Bauersachs. Sie betreut einmal wöchentlich die Eltern von Rita K. Bauersachs weiß, wie Angehörige demenzkranker Menschen physisch und psychisch belastet sind. Die Erkrankten werden zunehmend wie kleine Kinder. Nicht selten kommen Aggressionen hinzu. „Es gibt keinen Freiraum mehr“, konstatiert Bauersachs. Das eigene Leben drehe sich nur noch um die kranken Angehörigen. Dank der Nachbarschaftshilfe können Angehörige wenigstens für einige Stunden in der Woche Kraft tanken.

Angelika Bauer ist die begleitende Fachkraft des Helferkreises. Die Diplom-Sozialpädagogin koordiniert die Einsätze der Helfer. „Die Demenzkrankheit ist für die Betroffenen selbst eine große Belastung und bürdet den pflegenden Angehörigen eine kaum vorstellbare Last auf.“ Wie die gemeinsame Zeit während der Betreuung jeweils gestaltet wird, orientiert sich an der Lebensgeschichte und den aktuellen Bedürfnissen des Erkrankten. Die wichtigste Aufgabe, die der Helferkreis verfolgt, „ist die Stärkung des Lebensmutes und der Daseinsfreude der Erkrankten“. Dies geschieht durch Gespräche, Spaziergänge, Einkäufe, Begleitung in die Kirche, Vorlesen, Gesellschaftsspiele, Rätselraten und vieles mehr.

Helferin Bauersachs findet es ungeheuer wichtig, bei den Kranken „die Sinne wieder zu erwecken“. Dazu gehört etwa, mit den Erkrankten Fingerübungen zu machen, einfach einmal auch deren Hände zu streicheln. Die Motivation von Bauersachs und ihren Kolleginnen der Nachbarschaftshilfe ist einfach – und gerade daher so wertvoll: Sie wollen den Erkrankten die letzten Jahre ihres Lebens leichter machen – und auch den Angehörigen zumindest zeitweise ein halbwegs normales Leben ermöglichen.

Dafür wenden die Betreuerinnen und Betreuer viel Freizeit auf. Und auch wenn es für manche schwer nachvollziehbar ist: Menschen wie Elzbieta Bauersachs ziehen aus ihrer Tätigkeit auch innere Zufriedenheit und Glück.

Anton Renner

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