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Marcus Thiele, 35, aus Moosinning arbeitet von morgens bis abends als Werttransporteur, danach im Fitnessstudio.

Schulz und die Agenda: Wie gerecht ist Deutschland?

Er hat zwei Jobs – und trotzdem ist das Geld knapp

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Jeder siebte Münchner hat laut einer Studie einen Zweitjob, um sein Leben zu finanzieren, deutschlandweit ist es jeder Zehnte. Einer von ihnen ist Markus Thiele aus Moosinning. Er sagt: seine Jobs fressen sein Privatleben.

Moosinning – Marcus Thiele, 35, arbeitet lang und hart. Immer um 7 Uhr morgens steigt er in seinen gepanzerten Transporter, fährt rund um München frische Euroscheine zu Geldautomaten und holt Münzen aus Fahrscheinautomaten ab. Er ist zehn Stunden pro Tag unterwegs, manchmal länger. Ein Vollzeitjob, bei dem der Werttransporteur ständig mit hunderttausenden Euro hantiert. Aber genug eigenes Geld zum Leben in München verdient er nicht.

Um über die Runden zu kommen, arbeitet Thiele nebenher als Trainer im Fitnessstudio. Weil es Spaß macht, aber auch, weil er muss. Damit ist er nicht allein: Jeder siebte Münchner hat laut einer Studie einen Zweitjob, deutschlandweit jeder Zehnte. Besonders betroffen sind Arbeitnehmer ohne Tarifvertrag und solche, die zwar nach Tarif bezahlt werden, aber keine regionalen Zuschläge erhalten. Das ist ein Problem in München, wo Miete und Lebenshaltungskosten viel teurer sind als zum Beispiel in Sachsen.

Die Hälfte vom Nettogehalt frisst die Miete

In der Firma von Marcus Thiele hat sogar die Hälfte der Angestellten zwei Jobs, sagt er. Tagsüber fahren sie Geld und Wertsachen durch die Gegend, abends und am Wochenende arbeiten sie an Tankstellen und als Umzugshelfer, als Maler und Sicherheitsangestellte, einer sogar beim Bestatter. „Ja, das ist ungerecht“, sagt Thiele. „Wenn du nicht studiert hast, musst du in Deutschland hart arbeiten für dein Geld. Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich länger zur Schule gegangen.“ Eigentlich hat er Tischler gelernt, aber da hätte er noch weniger verdient als als Werttransporteur. Sein Nettogehalt: etwa 1600 Euro. Die Miete frisst davon fast die Hälfte auf. Um zu sparen, zog er von Ismaning im Kreis München 15 Kilometer östlich nach Moosinning im Kreis Erding. Da kostet die Wohnung 720 Euro warm.

Was Thiele im Fitnessstudio verdient, ist sein Notgroschen – falls die Waschmaschine mal kaputtgeht oder das Auto neue Bremsen braucht. Und er gönnt sich einen Urlaub im Jahr. Für eine Familie reicht es nicht. „Ich würde nie ein Kind in die Welt setzen, das wäre verantwortungslos“, sagt Thiele. Er hätte kein Geld für das Kind, sagt er, aber vor allem keine Zeit, „weil ich ja ständig in der Arbeit bin“. Die fehlende Zeit: Wegen ihr ist auch seine letzte Beziehung zerbrochen. Thiele sagt: „Die Arbeit frisst das Privatleben.“

Das Privatleben leidet unter der Arbeitsbelastung

Selbst das Kennenlernen einer neuen Frau ist schwierig, denn die Geldtransporte sind auch samstags unterwegs, und sonntags steht er schon wieder im Studio. Da bleibt keine Zeit für einen Besuch in der Disko. In Deutschland muss sich was ändern, sagt Thiele. Die Arbeitnehmer müssen mehr Geld bekommen, aber das wollen die Arbeitgeber natürlich nicht zahlen. „Obwohl sie gut verdienen und das Geld da wäre.“ Um für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, engagiert er sich im Betriebsrat und der Gewerkschaft. Ende des Jahres läuft der Manteltarifvertrag seiner Branche aus, er hofft auf gute Verhandlungen. Vielleicht steigen dann wenigstens die regionalen Lohnzuschläge.

Lesen Sie dazu auch:  Hat die Agenda 2010 Deutschland ungerecht gemacht?

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