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Wie der Vater, so der Sohn: die Hausärzte Dr. Gert Geiger und Dr. Fabian Geiger. Viele Jahre war auch Gert Geigers Frau Jutta als Assistentin in der Praxis tätig, so wie jetzt Fabian Geigers Frau Tanja. Ebenfalls im Team: Dr. Stefan Leuschner, Weiterbildungsassistent zum Facharzt für Allgemeinmedizin, und Allgemeinmedizinerin Dagmar Felder. 

Interview mit Vater und Sohn Dr. Gert und Dr. Fabian Geiger

Allgemeinmedizin? „Die schönste Art der Medizin“

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Nach fast 35 Jahren übergibt der Wörther Allgemeinarzt Dr. Gert Geiger seine Praxis an seinen Sohn Dr. Fabian Geiger. Wir sprachen mit beiden über die Situation der Hausärzte im Kreis Erding, über die Allgemeinmedizin im Allgemeinen und darüber, wie sie sich in den vergangenen 35 Jahren verändert hat.

Wörth – Fast 35 Jahre lang hat Dr. Gert Geiger seine Hausarztpraxis in Wörth geführt. Nun geht der zweifache Familienvater, der nächste Woche 71 Jahre alt wird, in den Ruhestand. Um die Zukunft seines Lebenswerks muss sich der Altenerdinger Mediziner keine Sorgen machen: Sein Sohn Dr. Fabian Geiger, 45 Jahre alt und ebenfalls Familienvater von zwei Kindern, übernimmt die Praxis am Wörther Platzl.

Davon können manche Kollegen nur träumen. Denn einen Nachfolger für eine Hausarztpraxis auf dem Land zu finden ist schwierig. Derzeit sind laut Kassenärztlicher Vereinigung Bayerns (KVB) 34 Prozent der niedergelassenen Hausärzte im Freistaat älter als 60 Jahre. Im vergangenen Jahr beendeten 414 bayerische Hausärzte ihre Praxistätigkeit. 87 Praxen konnten trotz aufwändiger Suche nach einem Nachfolger nicht nachbesetzt werden. Dabei ist dieser Beruf „die schönste Art der Medizin“, findet Dr. Fabian Geiger. Wir sprachen mit Vater und Sohn über die Situation der Hausärzte im Kreis Erding, über die Allgemeinmedizin im Allgemeinen und darüber, wie sie sich in den vergangenen 35 Jahren verändert hat.

-Herr Dr. Geiger, wie sieht die hausärztliche Versorgung im Landkreis Erding aus?

Gert Geiger : Wir im Speckgürtel Münchens sind eigentlich ganz gut versorgt. In der Region Erding-Nord liegt der Versorgungsgrad bei 105 Prozent, in Erding-Süd bei 108 Prozent. Zum Vergleich: In manch anderen Regionen liegt dieser Wert nur bei rund 80 Prozent.

-Also steht es um die Hausärzte in Bayern gar nicht so schlimm, wie man oft hört?

Gert Geiger: Nachdem die Hausärzte eine Zeit lang drastisch unter Nachwuchsmangel gelitten haben, scheint es in Bayern ein bisschen bergauf zu gehen. Man sieht das unter anderem an den Facharztprüfungen. Dennoch sind viele Hausärzte aktuell über 60 Jahre alt. Und ohne Nachwuchs können ihre Praxen nicht weitergeführt werden.

-Was wird getan, damit sich mehr junge Kollegen niederlassen?

Gert Geiger : Es wurden zum Beispiel Lehrstühle für Allgemeinmedizin in Erlangen, Würzburg und München eingerichtet. Die Staatsregierung stellt Gelder für die Neubesetzung von Praxen in strukturschwachen Gebieten zur Verfügung. Auch die Kassenärztliche Vereinigung hat die Situation entschärft – durch die Abschaffung des Arzneimittel-Regresses. Die Angst vor Strafzahlungen bei der Verordnung von Arzneimitteln hat viele davon abgehalten, in die Selbstständigkeit zu gehen.

Fabian Geiger :Es wurde auch das System des Bereitschaftsdienstes geändert. Dienstgebiete wurden zusammengezogen, es gibt Bereitschaftspraxen an Kliniken, zum Beispiel in Erding, einen Fahrdienst und freiwillige Ärzte, wodurch die einzelnen Kollegen entlastet werden.

Gert Geiger: Das ist auch ein bisschen ein Politikum, weil man sagt: Wenn man die Ärzte auf dem Land entlastet, entscheiden sich wieder mehr dazu, sich dort niederzulassen.

-Also ist die Arbeitsbelastung für viele angehende Ärzte eine Niederlassungshürde?

Fabian Geiger : Einerseits ja. Aber auch das Honorar spielt für viele Jung-Mediziner eine Rolle. Man kann gut davon leben, keine Frage. Aber es gibt sicherlich andere Sparten, in denen man für weniger Arbeit wesentlich mehr verdient.Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen müssen einfach passen, damit sich jemand als Hausarzt niederlässt.

-Einige Hausarztpraxen nehmen keine Patienten mehr auf, weil sie keine Kapazitäten mehr frei haben. Wie sehen Sie das?

Fabian Geiger : Erding ist in den vergangenen Jahren immens gewachsen, und die Kollegen sind relativ ausgelastet. Vielleicht müsste der Versorgungsschlüssel geändert werden, damit es ein paar Stellen mehr gibt.

-Nehmen Sie noch neue Patienten an?

Fabian Geiger : Aus unserem Einzugsbereichs nehmen wir jeden auf, weil wir das als unsere Pflicht sehen. Aber wir haben inzwischen sehr viele Anfragen aus Erding und darüber hinaus. Wenn andere Praxen näher sind, sagen wir ab.

-Stand für Sie von vornherein fest, dass Sie Hausarzt werden?

Fabian Geiger : Nein, diese Entscheidung ist relativ spät gefallen. Ich habe keinen klassischen Werdegang. Nach der zehnten Klasse habe ich Zivildienst gemacht, danach in Amerika meinen College-Abschluss. Erst in den dortigen Anatomie- und Biologiekursen habe ich Interesse an der Medizin bekommen.

Gert Geiger :Allgemeinmedizin war mein Ziel, die eigene Praxis in Wörth hat sich allerdings durch einen Zufall ergeben. Das war am Anfang schon ein bisschen abschreckend, weil es sehr ländlich war. Ich hatte zu Beginn im Quartal gerade 500 Patienten – heute sind es mehr als 2000. Aber ich habe es nie bereut.

-Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit so gut?

Fabian Geiger : Während des Studiums hat sich herauskristallisiert, dass das für mich die schönste Art der Medizin ist. Man hat einen engen und konstanten Kontakt zu den Patienten. Man sieht Familien groß werden. Die ersten Kinder, die ich vor zehn Jahren behandelt habe, sind jetzt schon erwachsen. Ich kenne die Leute, ihre Familiensituation und ihre Vorerkrankungen. Das ist das Schöne an der Hausarztmedizin, und deshalb ist sie meiner Meinung nach auch so wichtig.

Gert Geiger : Das Interessante für mich ist: Ich muss möglichst schnell aus den Schilderungen des Patienten zu einer Diagnose kommen. Ein gewisses detektivisches Interesse muss da schon vorhanden sein. Wir haben wirklich tolle, angenehme Patienten, und auch die Zusammenarbeit mit Fachärzten und Krankenhaus ist vorbildlich.Es gab keinen Tag, an dem ich nicht gerne in die Praxis gegangen wäre.

-Schauen Sie zurück: Wie hat sich die Allgemeinmedizin in den vergangenen 35 Jahren gewandelt?

Gert Geiger : Zunächst hat sie sich vor allem vom Technischen her verändert. Als ich meine Praxis am 1. Februar 1983 eröffnet habe, musste ich alles von Hand ausfüllen, vom Rezept bis zur Krankmeldung. Anamnese, Befunde und Diagnosen waren auf Karteikarten vermerkt, die man musste raussuchen und wieder einsortieren musste. Heute hat man alles per Mausklick in einem Sekundenbruchteil da.

Fabian Geiger : Außerdem hat sich die Versorgung gewandelt. Herzinfarkte oder Lungenembolien zum Beispiel mussten früher nach München gebracht werden, heute werden sie auch im Klinikum in Erding behandelt.

Gert Geiger : Überhaupt ist die Entwicklung der Medizin enorm fortgeschritten. Da kann man der Wissenschaft nur dankbar sein. Heute können wir vor Ort eine umfassende Basisdiagnostik machen, von Langzeit-EKG bis Ultraschall. Das gab es früher nicht. Da musste mit Stethoskop und Fingerspitzen die Diagnostik machen.

-Welche Rolle spielt die Pharmaindustrie bei dieser Entwicklung?

Gert Geiger : Die Pharmaindustrie hat uns sehr viel an die Hand gegeben, was heutzutage eine Selbstverständlichkeit ist und was viele Operationen überflüssig gemacht hat. Ich denke da nur an die Asthma-Patienten. Früher bin ich zu x Asthma-Anfällen gefahren, das gibt es heute gar nicht mehr.

Fabian Geiger : Der Laie macht sich gar keine Vorstellung, was da alles passiert ist. Vor 30 Jahren ist man nach einem Herzinfarkt zum Beispiel sechs bis acht Wochen im Bett gelegen. Heute kann man nach einer Woche schon wieder arbeiten.

-Derart rasante Entwicklungen – wie bleibt man da am Ball?

Gert Geiger: Es besteht für alle Ärzte eine Fortbildungspflicht, die sehr viel Engagement erfordert. Man muss in fünf Jahren 250 Fortbildungspunkte sammeln. Für eine der Veranstaltungen, die wir monatlich in Erding besuchen, bekommt man zum Beispiel drei Punkte. Außerdem gibt es Kurse an Wochenenden. Der Weiterbildungsaufwand ist nicht unbeträchtlich.

-Dieser Tage gehen Sie in den Ruhestand. Wie fühlt sich das an?

Gert Geiger : Ich habe schon in den vergangenen Jahren peu à peu meine Stunden reduziert. Aber erst nun wird mir bewusst, dass ich meine Patienten jetzt womöglich gar nicht mehr sehe. Da merkt man, dass in der Zeit persönliche Beziehungen gewachsen sind. Man kriegt eben auch viel zurück von den Patienten. Doch ich bin auch froh, die ganze Verantwortung los zu sein, denn die kann immens sein. Es ist oft sehr mühsam, dem Vertrauen der Patienten gerecht zu werden. Dennoch war ich immer gerne Hausarzt und kann mir nicht vorstellen, etwas anderes gemacht zu haben.

-Würden Sie jungen Kollegen raten, Hausarzt zu werden?

Gert Geiger : Auf jeden Fall. Das sage ich jedem: Mach Allgemeinmedizin!

Fabian Geiger :Man muss es schon mögen, sich zu unterhalten und sich in den Patienten hineinzuversetzen. Er muss zufrieden aus der Praxis gehen, sich gut aufgeklärt und verstanden fühlen. Wer gerne zuhört, dem würde ich das auf alle Fälle empfehlen. Wenn man kein Interesse an den Menschen hat, sollte man vielleicht besser Pathologe werden.

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