+
Für die Kinderkrebshilfe hat die Wasserwacht Wörth bei der Cold Water Grill Challenge gesammelt. 500 Euro sind dabei zusammengekommen. Die gleiche Summe legte Linner Reisen drauf – der Kontakt kam über Johannas beste Freundin Julia zustande, deren Mama Claudia Frau des Geschäftsführers Wolfgang Linner ist. Mit dem Geld kann krebskranken Kindern ein bisschen Alltag geschenkt werden. Es werden zum Beispiel Spiele gekauft, man kocht gemeinsam und unternimmt Ausflüge. Aber auch für ehemalige Patienten und solche in Dauertherapie sowie Personal werden Spenden gebraucht, ebenso wie für Musik-, Sport- oder Kunsttherapie. „Da ist man einfach dankbar in jeder Hinsicht“, sagt Johanna Krippendorf. „Es hilft, um ein bisschen Normalität und Ablenkung zu haben.“ Unser Bild zeigt (v. l.) Lisa Stritzl-Goreczko von der Kinderkrebshilfe München, Claudia Wanderer von Linner Reisen sowie Johanna Krippendorf, Claudia Krippendorf und Florian Siegl von der Wasserwacht Wörth. In den Reihen der ehrenamtlichen Wasserretter gab es im vorigen Jahr neben Johannas Erkrankung noch weitere Schicksalsschläge zu verkraften. Ein Mitglied erkrankte an einer Autoimmunerkrankung und ein weiteres Mitglied verstarb wenige Wochen nach Renteneintritt an Leukämie.

Johanna Krippendorf (17) erkrankte an Leukämie

Mit Kämpferherz zurück ins Leben

  • schließen

Johanna Krippendorf (17) aus Breitötting ist eine Kämpferin. Als sie kurz vor ihrem Schulabschluss die Diagnose Leukämie bekommt, schreibt sie die Prüfungen eben im Krankenhaus. Und sie kämpft gegen den Krebs – mit Erfolg.

Breitötting– Mit 16 Jahren denken Mädchen ans Ausgehen mit Freunden. An die erste große Liebe. An die bevorstehenden Abschlussprüfungen. Sie sollten nicht über Lumbalpunktionen, Erythrozyten und Chemotherapien nachdenken müssen. Doch für die heute 17-jährige Johanna Krippendorf aus Breitötting (Gemeinde Wörth) sind genau diese medizinischen Fachbegriffe zum Alltag geworden.

Es ist ein Jahr her, da verändert ein Anruf des Hausarztes das Leben des Mädchens. Kurz vor den Pfingstferien 2017 klagt Johanna über erhebliche Konditionsprobleme. „Schon beim Federballspielen oder beim Heimradeln vom Weiher war ich komplett aus der Puste“, erzählt Jojo, wie sie von Familie und Freunden genannt wird. „Mir ist die Kraft ausgegangen, obwohl ich schon immer viel Sport gemacht habe.“

Abschlussprüfungen im Krankenhaus

Ihr Hausarzt checkt sie durch, vermutet zunächst allergisches Asthma. Bis die Blutwerte aus dem Labor kommen. Johanna sieht, wie ihre Mama Claudia (46) am Telefon mit dem Arzt spricht – und ihr dabei Tränen über die Wangen laufen. „Da war mir klar, dass es was Schlimmes sein muss“, sagt die heute 17-Jährige.

Gefragt hat sie ihre Mutter trotzdem erst einmal nicht, bis auch ein Internist die schreckliche Diagnose bestätigt: akute lymphatische Leukämie (ALL). „Als ich die Nachricht bekommen habe, bin ich in Tränen ausgebrochen“, erzählt Johanna. „Aber schon am nächsten Tag habe ich in mein Tagebuch geschrieben: ,Ich schaffe das, ich werde kämpfen‘“, sagt das Mädchen mit feuchten Augen.

Zwei Tage nach der Diagnose kommt Johanna ins Schwabinger Krankenhaus. Achteinhalb Monate dauert die Intensivtherapie auf der Kinder-Onkologie – nicht durchgehend stationär, „aber bis auf wenige Tage war Johanna fast jeden Tag dort“, erzählt ihre Mama Claudia.

20 Tage lang muss Johanna sogar komplett isoliert verbringen. Andere Menschen dürfen den Raum nur mit Kittel, Haube und Mundschutz betreten. „Man fühlt sich nicht nur körperlich schlecht wegen der Krankheit, sondern auch so unglaublich eingesperrt“, sagt sie.

Zu Beginn der Therapie habe sie 100 Prozent schlechte Zellen gehabt, erklärt Mama Claudia. Bei Johanna schlägt die Chemotherapie gut an. Eine Stammzellenspende war deswegen glücklicherweise nicht nötig.

„Man kann es am Anfang gar nicht recht glauben, denn Blutkrebs tut ja nicht weh“, sagt Johanna. Und man blende aus, dass man jeden Tag mit Leuten zusammen ist, die gegen eine lebensbedrohliche Krankheit kämpfen – darunter viele kleine Kinder. Doch die Krankheit verbinde. Man lache und weine zusammen. „Es war eine ganz schön lange Zeit, und das prägt einen. Das ist jetzt ein Teil meines Lebens“, sagt Johanna, und: „Wir sind eine Gemeinschaft.“ Dazu gehört auch, dass alle keine Haare mehr haben. Johanna selbst schneidet ihre hüftlange blonde Mähne erst auf Schulterlänge ab, bevor die Strähnen durch die Chemo ausfallen.

Doch die Zukunftspläne und Träume wegen der Erkrankung einfach aufgeben? Für Johanna keine Option. Sie schreibt ihre Abschlussprüfungen an der Realschule kurzerhand in der Klinik. „Ich wollte das unbedingt“, sagt die junge Frau, und sie kann dabei auf die Unterstützung von Direktor und Klassenlehrerin zählen. Letztere kommt mit den Prüfungsunterlagen morgens extra in die Klinik, damit Johanna die Aufgaben zur gleichen Zeit bearbeiten kann wie ihre Mitschülerinnen in der Mädchenrealschule Heilig Blut. Ob im Gymnastikraum oder in einem Büro zwischen Umzugskartons – Johanna absolviert jede Prüfung, und besteht am Ende auch noch mit einer Traumnote von 1,6. Sogar ihre Abschlussfeier kann sie mitverfolgen. Zwar nicht direkt, dafür aber am Bildschirm, denn die Abschlussfeier wird für sie aufgezeichnet. Dies anzusehen, ist ein Erlebnis, das sie heute noch zu Tränen rührt.

Zehn-Jahres-Nachsorgeplan

Nach ihrem Abschluss meldet sich Johanna auf Anraten ihres Direktors für die Einführungsklasse am Korbinian-Aigner-Gymnasium (KAG) in Erding an. Anfangs hat sie Unterricht von Kliniklehrern, Hausunterricht mit Lehrern des KAG und Videounterricht über Skype. In den Hauptfächern schafft sie so einen guten Anschluss. „Das war wichtig für mich“, erzählt die selbstbewusste Blondine. Ihre letzte intravenöse Chemo bekommt sie Anfang Februar, seit Ende März nimmt sie am regulären Unterricht am Gymnasium in Erding teil.

Doch eigentlich will Johanna schon im vorigen Schuljahr auf die FOS gehen und dort ihr Fachabitur machen. „Ich hatte mich so auf mein Praktikum in der Grundschule am Grünen Markt gefreut“, sagt sie. Doch aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben: Diesen Herbst beginnt sie an der FOS, denn „irgendwie will man sich seine ganzen Pläne nicht kaputt machen lassen“. Der Praktikumsplatz wurde ihr freigehalten, und so kommt Johanna ihrem Traumberuf Grundschullehrerin schon bald ein Stückchen näher.

Bis Juni 2019 muss sie täglich Chemotherapie-Tabletten nehmen, einmal pro Woche geht’s zum Blutwerte-Check. Danach gibt es einen Zehn-Jahres-Nachsorgeplan. Da sich nach einer Leukämie und durch die Chemotherapie andere Krebserkrankungen wie Knochenkrebs entwickeln können, ist eine lückenlose Kontrolle notwendig, klärt Johanna.

„Man hat schon Angst, dass wieder was sein könnte, wenn man sich an einem Tag mal schlappt fühlt. Aber man lernt auch, in sich reinzuspüren und auf sich zu achten“, sagt Johanna und klingt sehr erwachsen für einen Teenager. Der Gedanke ans Sterben sei jedoch nie das Präsenteste gewesen, gibt sie zu, sondern der Gedanke an die anstrengende Therapie – eine Belastung auch für die Angehörigen.

Mama Claudia, Papa Torsten (47), Bruder Anton (15) und ihre Freunde haben Johanna immer Kraft gegeben, sie im Krankenhaus besucht, ihr Nachrichten geschickt – „Halte durch, wir denken an dich.“ Das habe ihr sehr geholfen, „denn man hat einfach Angst, dass keiner an einen denkt, wenn man isoliert ist“.

Doch die Gedanken ihrer Lieben sind immer bei Johanna – und sie zeigen das auch mit vielen schönen Gesten. Von Klassenkameradinnen bekommt sie Pakete mit Süßkram und Filmen, eine Freundin lässt im Urlaub in Taiwan eine Himmelslaterne mit der Botschaft „Jojo, du schaffst das!“ aufsteigen, und die Rennteam-Kameraden vom Skiclub Buch basteln ihr zu Weihnachten ein riesiges Plakat mit Sprüchen.

„Ich bin dankbar für alle Freunde, Verwandten und Bekannten, die mich und uns während dieser Zeit unterstützt, immer liebe Nachrichten gesendet und mir über die Ereignisse in der Welt da draußen berichtet haben“, sagt Johanna. „Das ist viel wert, wenn man merkt, dass die anderen an einen denken, selbst wenn man gerade nicht dabei sein kann.“

Jetzt, ein Jahr nach der Diagnose, heißt es für Johanna und ihre Familie, zurück ins Leben zu kommen. Vieles hat sich verändert im Hause Krippendorf. Mutter und Tochter zum Beispiel hat die viele Zeit, die sie gemeinsam verbracht haben, sehr stark zusammengeschweißt: Aus der Mama wurde die Freundin.

In der Wasserwacht wieder vorne dabei

„Man freut sich einfach, hier zu sein. Die Blumen, die Vögel, der Blick über den Wörther Weiher – das ist ein ganz tolles Gefühl, wenn man die Chance bekommt, seine Träume zu verwirklichen. Man wächst daran“, sagt Johanna, während sie an einem sonnigen Frühsommertag im elterlichen Garten sitzt.

Und auch wenn es für Außenstehende vielleicht unverständlich klinge: „Ich will auf die Erfahrung nicht mehr verzichten, und vor allem nicht auf die Begegnungen mit den Leuten, die man kennenlernt. Sie sind alle so besonders, wie eine zweite Familie.“

Inzwischen geht Johanna wieder ins Schwimmbad, zum Turnen oder Radfahren. Auch bei der Wörther Wasserwacht, bei der die Familie aktiv ist, ist sie wieder vorne dabei. Die 17-Jährige will demnächst mit anderen jungen Leuten sogar eine eigene Wasserwacht-Jugendgruppe gründen.

„Sie soll ihr Leben einfach genießen“, sagt Mama Claudia. Und das tut Johanna. Sie ist wieder mittendrin im Leben. Und ihre blonden Haare, die sind wieder nachgewachsen Die Kurzhaarfrisur trägt die starke junge Frau mit Stolz.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Marodes Loch in Untergrund: Anlieger müssen vier Millionen Euro aus eigener Tasche zahlen
Eigentlich freute man sich auf die gute Nachricht, dass die geförderte Dorferneuerung starten kann, stattdessen wartet unter dem Boden das teure Grauen.
Marodes Loch in Untergrund: Anlieger müssen vier Millionen Euro aus eigener Tasche zahlen
Ohne Telekom: Der Dorfener Weg ins Turbo-Internet
Alle weißen Flecken im Gemeindegebiet Dorfen sollen durch die Breitbandoffensive von Bund und Freistaat erschlossen werden. Damit soll jedem Anwesen ein schneller …
Ohne Telekom: Der Dorfener Weg ins Turbo-Internet
Wildschweinjagd im Maisfeld
Hohenpolding - Neun Wildschweine haben Jäger in Hohenpolding in spontanen Aktion erlegt. Die Waidmänner sehen dies auch als Baustein zur Abwehr der Afrikanischen …
Wildschweinjagd im Maisfeld
Boardinghaus neben Baumarkt
Ein Boardinghaus für insgesamt rund 400 Gäste will die Dorfener Grundstücksentwicklungsgesellschaft (DGE) direkt an der A 94 im Gewerbepark Dorfen Südwest gegenüber dem …
Boardinghaus neben Baumarkt

Kommentare