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Kroatien statt Südamerika: Uli, Korbinian und Odette Piller mussten wegen des Flughafen-Chaos am 28. Juli ihren Brasilien-Urlaub stornieren.

Gutschein-Aktion nach Flughafen-Chaos

50 Euro Trostpflaster sind zu wenig: Kanzlei will gegen Münchner Flughafen klagen

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Der Flughafen München entschädigt Passagiere, die unter der Sicherheitspanne am 28. Juli leiden mussten, mit Gutscheinen über 50 Euro. Zu wenig, findet eine Münchner Kanzlei.

München – Schön ist es gerade in Kroatien. Aber noch schöner wäre es in Brasilien, findet Uli Piller (39) aus Unterschleißheim (Kreis München). Er, seine Frau Odette (34) und der vierjährige Korbinian sitzen derzeit in Dubrovnik an der Adria, statt an der Copacabana von Rio de Janeiro – ein unfreiwilliger Ersatzurlaub. Denn im Chaos um die Sicherheitspanne am Flughafen München am 28. Juli blieb das Gepäck der Familie in München hängen, während die Pillers in Lissabon den Weiterflug nach Brasilien hätten nehmen sollen.

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„Mit zwei Plastiktüten und einem vierjährigen Kind eine Rundreise antreten? Das ging nicht“, sagt Piller. Er stornierte die Buchung – und hofft nun darauf, dass die Fluglinie ihm die rund 3000 Euro für die Interkontinentalflüge bald erstattet. Auf knapp 400 Euro weiteren Kosten bleibt die Familie ohnehin sitzen.

Angesichts solcher Summen gerät Uli Piller nicht ins Jubeln, wenn er über den 50-Euro-Gutschein spricht, den der Flughafen München jenen Passagieren anbietet, die von dem Chaos-Tag betroffen waren. „Eher eine symbolische Geschichte“, sagt er. „Aber immerhin eine gute Geste.“

„Geste freiwilliger Natur“

So sei es auch gemeint, betont die Flughafen-Betreibergesellschaft FMG. „Das ist eine Geste freiwilliger Natur, keine Entschädigung“, erklärt Sprecher Ingo Anspach. Für eine solche gebe es keinen Grund. „Wir sehen uns nicht in einer Haftungsverantwortung“, sagt Anspach weiter. Schließlich sei die Regierung von Oberbayern verantwortlich für die verpatzte Sicherheitskontrolle, die im Auftrag des Bezirks die staatliche Sicherheitsgesellschaft SGM übernimmt. Die Räumung des Terminals habe zudem die Bundespolizei angeordnet. Der Flughafen könne nichts dafür, etwaige Erstattungen müssten die betroffenen Passagiere mit ihren Fluglinien oder Reiseveranstaltern klären.

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Ganz anders sieht das jedoch Markus Klamert von der Münchner Rechtsanwaltskanzlei KMP3G. Die bereitet eine Klage gegen den Flughafen vor. Der auf Verbraucherrecht spezialisierte Anwalt sieht nicht die Fluglinien, die wohl angesichts der Terminal-Räumung mit „außergewöhnliche Umständen“ argumentieren würden, in der Haftung – sondern den Flughafen. Vor Gericht will Klamert daher erstreiten, dass die FMG die bis zu 600 Euro Entschädigungspauschale pro Passagier zahlen muss, die die Europäische Fluggastverordnung für Verspätungen von mehr als drei Stunden vorsieht.

„Wir betreten hier sicherlich juristisches Neuland“, räumt der Anwalt ein, gibt sich aber kämpferisch: „Es kann ja nicht sein, dass der Passagier am Ende der Depp ist.“ Im Zweifel werde man eben die Regierung von Oberbayern auch noch „mit ins Boot holen“ – einer müsse zahlen. Dafür will sich die Kanzlei notfalls bis zum Bundesgerichtshof durch die Instanzen klagen. Klamert wittert „eine Grundsatzentscheidung für alle Flughafenbetreiber Deutschlands“.

Mini-Präzedenzfall von 2016

Einen Mini-Präzedenzfall gibt es sogar: 2016 sprach das Erdinger Amtsgericht einer Familie 510,37 Euro Schadenersatz zu, die ihren Flug wegen des immensen Andrangs am Sicherheitscheck verpasste. Damals sah das Gericht eine „fahrlässige Verletzung des Bodenabfertigungsvertrags zwischen dem Flughafenbetreiber und dem Luftfahrtunternehmen“ gegeben. Zahlen musste die FMG. Nun könnte es um einen Millionen-Betrag gehen.

Die 50-Euro-Gutschein-Aktion hält Anwalt Klamert übrigens für eine „geschickte PR-Sache“, mehr nicht. Ihm kommen die bis zu anderthalb Millionen Euro, die das den Flughafen kosten könnte, fast verdächtig vor: „Das alles für ein ,Ich bin nicht schuld’?“ Der Anwalt fürchtet sogar, wer den Gutschein in Anspruch nimmt, könnte dadurch weitere Schadenersatzansprüche abtreten. Das dementierte die FMG auf Nachfrage unserer Redaktion aber entschieden.

Die 50-Euro-Gutscheine

können Passagiere, deren Flüge am 28. oder 29. Juli ausfielen oder mindestens eine Stunde verspätet waren, noch bis zum 31. Dezember im Netz unter www.munich-airport.de/gutscheinaktion beantragen. Sie sind drei Jahre in Geschäften und Restaurants des Flughafens gültig.

Josef Ametsbichler

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