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Von der Entstehung der Menschheit singen die 19 Darsteller in „This New Ocean“.

Außergewöhnliches Projekt

Hier singen Flugbegleiter und Kapitäne eine Oper

München - Normalerweise sind sie Flugbegleiter und Flugkapitäne. Nun schlüpfen sie in andere Rollen: 19 Mitarbeiter internationaler Fluglinien und des Flughafen Münchens haben eine Oper einstudiert.

Monggie Thlapane ist 46 Jahre alt, lebt in Südafrika und kommt seit September jeden Samstag nach München. Nicht etwa der Liebe wegen, und auch ihr Beruf als Stewardess bei der South African Airways hat damit nur bedingt zu tun. Monggie Thlapane steht heute Abend auf der Bühne im Cuvillié-Theater, sie singt in einer Oper – gemeinsam mit 18 Kapitänen, Purser und Stewardessen aus Deutschland, Südafrika, Japan und Russland sowie Mitarbeitern der Flughafen München GmbH (FMG). „This New Ocean“ heißt das globale Projekt.

„Die Idee dafür kam ursprünglich aus dem Künstlerischen“, sagt Nélida Béjar, die sich als Komponistin für das knapp zweistündige Werk verantwortlich zeichnet. „Wir wollten schon immer etwas über die Entstehung der Menschheit und des Weltbildes machen“, erzählt die 34-Jährige. Gemeinsam mit den Klängen, den verschiedenen Darstellungen, den verschiedenen Menschen sei der Dreiakter etwa die „Poetisierung“ der Weltgeschichte.

„Wir“ – damit meint Béjar sich und Regisseur Björn Potulski, mit dem zusammen sie seit längerem zusammenarbeitet und 2009 das „undercoverfiction ensemble“ für Neue Musik und neues Musiktheater gründete. „Und wir wollten mit Sängern und Darstellern zusammenarbeiten, die das nicht beruflich machen“, sagt Béjar. Trotzdem sei die Wahl der Protagonisten nicht zufällig. Denn was passe besser zum Kosmos als Mitarbeiter von Fluglinien. Der Name leitet sich von John F. Kennedys Rede vor der Mondlandung 1961 ab, in der der US-Präsident sagte, der Weltraum solle wie „ein neuer Ozean“ erforscht werden.

Hier gibt es ein Video

Während Béjar sich hauptsächlich um die künstlerische Umsetzung kümmert, ist Potulski für die Koordination zuständig. Er ist bei der FMG angestellt, hatte den ersten Kontakt hergestellt. Doch nicht etwa erst für „This New Ocean“. Die Oper ist nicht die erste Kooperation mit dem Flughafen. Vor zwei Jahren standen für die Flughafenoper „Schwerer als Luft“ Flugzeugabfertiger des Flughafens auf der Bühne. „Wir wussten dieses Mal also schon, dass sie es schaffen“, sagt Flughafensprecher Ingo Anspach. Airport-Chef Michael Kerkloh sei begeistert von den außergewöhnlichen Projekten, engagiert sich persönlich dafür.

Die FMG stellte nicht nur Räumlichkeiten zur Verfügung, sie finanziert das Projekt – und vor allem: Sie stellte die Kontakte zu den Fluglinien her. Die 19 Protagonisten, die als gemischter Chor, teilweise auch als Solisten auftreten arbeiten für die Lufthansa, die japanische All Nippon Airways (ANA), South African Airlines (SAA), die russischen S7 Airlines sowie bei der FMG. „Die Musiker des 15-köpfigen Instrumentalensemble sind aber alle Profis“, sagt Béjar. Genauso wie Dirigent Anton Zapf.

Von Potulski über das Projekt informiert, begannen die Fluglinien, nach der richtigen Besetzung aus ihren Reihen zu suchen. Nach Johannesburg flog der Regisseur sogar selbst, um die Verantwortlichen der Airline von „This New Ocean“ zu überzeugen. Bei der Lufthansa suchte man intern nach Teilnehmern. „Wir haben nach ausgebildeten Sängern gesucht, die sich vorstellen könnten, Teil des Projekts zu sein“, sagt Lufthansa-Sprecherin Bettina Rittberger. Gemeldet hatte sich beispielsweise Jan Kollmar. Der Purser tritt als Countertenor auf. „Die Stimme war eigentlich gar nicht geplant“, erzählt Béjar. Sie war aber so von ihm begeistert, dass sie ihn „reingeschrieben“ hat.

Die Koordination sei nicht so schwierig gewesen wie vermutet, sagt Béjar. Gemeinsam legten die Beteiligten fest, dass man sich ab September einmal wöchentlich in München trifft – zur gemeinsamen Probe. Jeder versuchte dann seinen Arbeitsplan so zu gestalten, dass er Zeit für „This New Ocean“ hatte, „Und sie waren fast immer da“, erzählt Béjar begeistert. Monggie Thlapane beispielsweise vereinbarte es mit ihrer Arbeitszeit. Als Stewardess stieg sie in Johannesburg in den Flieger, umsorgte die Fluggäste zehn Stunden lang – „every day business“. In München ging es ins Hotel, nach einer Dusche und zwei Stunden Schlaf ging es zur Probe. Am nächsten Tag lächelte sie dann die Kunden wieder in ihrer Uniform an.

Die 46-Jährige singt zuhause Gospel sowie traditionelle afrikanische Musik, „aber Opern kannte ich bisher nicht“, sagt die dreifache Mutter. Ihre Kinder kommen nicht nach Deutschland zur Premiere. „Aber in Johannesburg werden sie mich sehen“, freut sich Thlapane. Dort wird die Oper im Juli aufgeführt.

Andrea Steiler

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