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Auf die dreispurige Straße (r.) am Terminal 1 auf Höhe des Modul D (l.) zwang der Zollbeamte den Nigerianer in der Dunkelheit mitsamt Gepäck. Mitten auf der Fahrbahn wurde er gefesselt. Daraufhin bildete sich ein langer Stau. Der Vorwurf des Beamten, der Reisende habe eine Bombe bei sich, war völlig aus der Luft gegriffen. 

Flughafen München

Zöllner spielt Polizist und kettet Passagier an

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Was mit der lapidaren Frage nach einem Feuerzeug begann, sollte sich am frühen Morgen des 19. September 2016 zu einem Chaos vor dem Terminal 1 ausweiten. Mehr als zwei Jahre danach muss sich der 30 Jahre alte Zöllner nun vor dem Amtsgericht Erding verantworten – wegen Freiheitsberaubung, Störung des öffentlichen Friedens und Amtsanmaßung. Ob der Ostdeutsche aber auch verurteilt wird, ist fraglich. Denn der Beamte ist offensichtlich psychisch krank.

Flughafen/Erding – Die von Thomas Steinkraus-Koch von der Staatsanwaltschaft Landshut verlesene Anklage las sich wie das Drehbuch zu einem Thriller. Der Zöllner fragte gegen 4.30 Uhr einen in Linz/Österreich lebenden Nigerianer, ob er Feuer habe. Das verneinte der Mann auf dem Weg nach Lagos. Wenig später kehrte der 30-Jährige zurück und hielt dem späteren Opfer einen Polizeistern vor die Nase. „Sie haben eine Bombe im Gepäck, kommen Sie sofort mit ins Freie“, herrschte er ihn an.

Der gehorchte. Aus dem Modul D gingen die Beiden nach draußen. Der Zöllner alarmierte seine Kollegen. Als die eintrafen, wies er einen Beamten an, dem Nigerianer Handschellen anzulegen – mitten auf der dreispurigen Straße. Sofort bildete sich ein langer Stau. Der Ostdeutsche wurde nach Aussagen mehrerer Zeugen, darunter Kollegen von Zoll und Bundespolizei, immer aggressiver. Schließlich riss er sich sogar die Kleider vom Leib.

Eine Bundespolizistin sagte als Zeugin aus: „Ich habe schnell geahnt, dass da was nicht stimmt.“ Schließlich wurden dem Afrikaner die Fesseln abgenommen. „Es gab keinen Anhaltspunkt für einen Sprengsatz“, so die Polizistin.

Gleich zu Beginn der Verhandlung hatte der Verteidiger erklärt, sein Mandat habe Erinnerungslücken, denn er sei psychisch krank. Seit sich der Zwillingsbruder des 30-Jährigen im März 2016 das Leben genommen habe, leide er unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Nach der Aktion im September 2016 habe er sich einige Zeit in der Psychiatrie in Haar befunden. Vom gerichtlichen Gutachter ließ er sich bislang aber nicht untersuchen. Über seinen Verteidiger entschuldigte sich der Angeklagte bei seinem Opfer.

Das sagte aus: „Ich habe gar nicht gewusst, was los war.“ Sein Gegenüber habe sich ihm als Polizist ausgewiesen. Der Vorwurf, er habe eine Bombe im Gepäck, sei aus der Luft gegriffen gewesen. „Ich musste lange in Regen und Kälte stehen, mein Handy und meine Kameras wurden dadurch beschädigt. Außerdem habe ich meinen Flug verpasst“, schilderte er. So habe er sich die deutsche Polizei niemals vorgestellt.

Ein weiterer Zeuge, der hinter der merkwürdigen Szenerie im Stau stand, berichtete: „Ich bin nach vorne gegangen, weil nichts weiterging. Plötzlich stand der Mann vor mir. Ihm baumelte ein Polizeischild vor dem Bauch, er hat geschrien und gestikuliert. Auf einmal hat er verlangt, dass ich ihm mein Handy gebe.“ Ihm sei klar gewesen, dass mit diesem Mann etwas nicht stimmt. Sauer war er, „weil es ewig gedauert hat, bis die Polizei da war“.

Ein Kollege des Zöllners, der kurz nach der „Verhaftung“ von dem 30-Jährigen gerufen worden war, sagte aus: „Erst hat er sehr souverän gewirkt, wir kennen uns ja.“ Deswegen sei man seinen Anweisungen gefolgt, einschließlich der Fesselung des Unschuldigen.

Von Beginn der Verhandlung unter dem Vorsitz von Richterin Michaela Wawerla an stand der Verdacht im Raum, dass der Zöllner zum Zeitpunkt seiner Aktion nicht oder nur eingeschränkt steuerungsfähig war. Das heißt: Möglicherweise ist er nicht schuldfähig. Nachdem er nun doch mit dem Gerichts-Psychiater kooperieren möchte, wurde das Verfahren ausgesetzt.

Der 30-Jährige ist übrigens weiter beim Zoll beschäftigt, nach dem Ausraster aber nur noch im Innendienst.

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