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Wer seinen Koffer als erstes abgibt, bekommt ihn auch als erstes wieder. das ist ein Mythos, erklärt Alexander Ulbrich von AeroGround.

Gepäckabfertigung am Flughafen München

Wenn sich Koffer auf die Reise machen

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Urlaubszeit ist Hochsaison am Flughafen. Für die Mitarbeiter der Bodenverkehrsdienste bedeutet das täglich viele Tonnen Gepäck, die verladen werden müssen. Doch welchen Weg nimmt der Koffer eigentlich nach dem Check-In? Wir haben bei Alexander Ulbrich von AeroGround nachgefragt.

Flughafen – AeroGround fertigt am Flughafen München pro Jahr rund 220 000 Flüge für mehr als 120 Airlines ab. Jährlich bewegt die Tochtergesellschaft der Flughafen München GmbH (FMG) und zugleich Marktführer am MUC für Bodenverkehrsdienste etwa 21 Millionen Gepäckstücke – pro Tag sind das fast 60 000 Koffer. Viel Fluggepäck, zu dem es allerlei Fragen gibt. Einige davon klärt Alexander Ulbrich (52), bei AeroGround Leiter Operation im Bereich Ramp & Baggage Handling, auf.

-Mythos oder Wahrheit: Spielt der Zeitpunkt der Abgabe des Koffers eine Rolle, wann er entladen wird?

Ganz klar: Mythos. Für das Aufgabegepäck gibt es verschiedene Sortierkriterien, die die Airlines vorgeben. Beispielsweise wird Lokalgepäck, das am Zielflughafen direkt ausgehändigt wird, oder Transfergepäck, das zu einer Umsteigeverbindung gebracht wird, in getrennten Einheiten verladen. Auch die Unterscheidung nach Buchungsklasse oder Flugstatus spielen eine Rolle. „In der Konsequenz bedeutet dies, dass die Gepäckstücke nicht chronologisch in der Reihenfolge in den Gepäckwagen oder -containern verladen werden, wie sie vom Check-In kommen“, erklärt Ulbrich.

Kennt sich aus mit der Gepäckbeförderung: Alexander Ulrich von AeroGround. 

In sogenannte nicht-containerisierte Flugzeuge, zum Beispiel Regionalmaschinen, werden die Koffer einzeln per Förderband verladen. Prozessbedingt kann sich hier erneut die Reihenfolge ändern. Bei einer containerisierten Zuladung werden die Gepäckcontainer als ganzes Paket eingeladen – auch hier nicht chronologisch, sondern nach Airline-Vorgaben.

Solche gibt es auch am Zielflughafen: First- oder Business-Class-Passagiere erhalten ihre Koffer in der Regel als erstes. Aber noch vor dem Lokalgepäck wird das Transfergepäck abgefertigt, das in der Regel besonders zeitkritisch ist.

„Es kommt also auf dem Weg eines Koffers immer wieder zu einer Abweichung von der ursprünglichen Reihenfolge am Check-In“, sagt Ulbrich. „Von daher kann man im Umkehrschluss auch nicht davon ausgehen, dass man seinen Koffer umso schneller bekommt, je später man ihn aufgibt.“

-Was passiert eigentlich mit dem Koffer, nachdem ich ihn aufgegeben habe?

Beim Check-In bekommt jedes Gepäckstück einen Papieranhänger mit Barcode (sogenannter Gepäck-Tag von Englisch „tag“ = Anhänger/Etikett), der auf der Gepäckförderanlage mehrmals gescannt wird. So findet der Koffer den richtigen Weg. Sollte die Anlage einen Barcode nicht lesen können, werden die Gepäckstücke zu einer Sammelstelle transportiert und dort nachbearbeitet, damit sie an der richtigen Stelle ankommen.

Die einzelnen Gepäckstücke für einen Flug laden die Mitarbeiter nacheinander in einen geschlossenen Wagen oder Container. Anschließend kommen die Einheiten mit einem Zugfahrzeug auf die Abfertigungsposition und von dort in den Flieger.

-Welche Infos verbergen sich hinter dem Barcode?

Im Strichcode sind alle relevanten Infos enthalten: Name des Passagiers, Name des Ziel- oder Umsteigeflughafens, Flugnummer und -datum. Der Anhänger dient nicht nur dazu, dass die Gepäckförderanlage den Koffer dem richtigen Ziel zuordnet. Man kann über den Barcode auch verloren gegangenes Gepäck nachverfolgen.

„Wichtig, aber oft nicht beachtet, sind die kleinen viereckigen Aufkleber, die dem Passagier beim Check-In auf die Bordkarte oder das Ausweisdokument geklebt werden“, erklärt Ulbrich. Dieser Barcode ist mit dem auf dem Gepäck-Tag identisch. Geht ein Koffer verloren, können ihn die Mitarbeiter im Lost and Found nachverfolgen und dem richtigen Besitzer zuordnen. „Deshalb ist es wichtig, dass der Passagier den Gepäck-Tag während des Flugs gut aufbewahrt, um im Falle eines Gepäckverlusts nachweisen zu können, dass er der rechtmäßige Besitzer ist.“

-Urlaubszeit ist Hochsaison am Flughafen. Wie viele Gepäckstücke bewegt ein Mitarbeiter derzeit am Tag?

„Diese Frage lässt sich leider nicht so einfach beantworten, da nicht jeder Flug gleich ausgelastet ist und unsere Mitarbeiter jeden Tag unterschiedliche Flüge bedienen“, sagt Ulbrich. Allerdings seien die Urlaubsflieger in den Ferien extrem gut ausgelastet, sehr viel Gepäck, Kinderwagen, Sonnenschirme und Sperrgepäck, insbesondere Sportequipment wie Surfboards, Fahrräder und Tauchausrüstungen, ist geladen. So können auf einem Ferienflug nach Griechenland oder Spanien mehr als 250 Gepäckstücke ein- und ausgeladen werden. Insgesamt werden bei einer Bodenzeit von 30 bis 40 Minuten auf der Abfertigungsposition rund acht Tonnen Ladevolumen bewegt. „Da ist viel Muskelkraft gefragt“, sagt Ulbrich. Pro Jahr bewegt die AeroGround 21 Millionen Gepäckstücke, pro Tag sind das 60 000 Koffer.

-Wann muss ein Koffer am Boden bleiben?

Es gilt der Grundsatz: Gepäck darf nicht ohne den Passagier mitfliegen. Doch an einem Umsteigeflughafen wie München kann es schon mal vorkommen, dass Umsteiger ihren Anschlussflug nicht erreichen. „Wenn ein Passagier nicht rechtzeitig zum Boarding erscheint oder kurzfristig nicht mitfliegen kann oder möchte, muss das gegebenenfalls bereits verladene Gepäck aus dem Container oder Laderaum rausgesucht und ausgeladen werden“, erklärt Ulbrich. „Wir hoffen immer auf das Verständnis der Fluggäste, wenn es dadurch zu Verspätungen kommt.“ Eine Ausnahme ist, wenn stehengebliebenes Gepäck dem Passagier nachträglich übermittelt werden muss.

-Ich bin gelandet, aber mein Koffer nicht. Was tun?

Gepäckstücke, die auf dem Transportweg nach dem Check-In verloren gehen, werden über die Lost-and-Found-Büros bearbeitet und können in der Regel auch wieder ihrem Besitzer zugeordnet werden. Ulbrich: „Dass Koffer in München zurückbleiben oder ihren Anschluss nicht immer schaffen, kann natürlich passieren. Aber seien Sie versichert, das geschieht statistisch gesehen in München sehr selten.“

-Was kann man schon beim Packen beachten, damit der Koffer ohne große Umstände ans Ziel kommt?

Grundsätzlich sollten alte Barcodes immer entfernt werden, um Fehlsortierungen zu vermeiden. Zusätzlich ist es sinnvoll, bei Rucksäcken oder Taschen Schlaufen und Gurte entsprechend zu befestigen, damit sich das Gepäckstück nicht in der Förderanlage verfängt. „Kofferbänder, die zur Sicherung des Verschlusses um den Koffer gespannt werden, sind ebenfalls zu empfehlen“, sagt Ulbrich. Und: „Die Mitarbeiter am Check-In sind immer dankbar, wenn die Koffer so auf dem Gepäckband platziert werden, dass die Koffergriffe nach oben zeigen, damit der Gepäck-Tag problemlos und schnell angebracht werden kann.“

Nicht zuletzt gibt es eine Reihe verbotener Gegenständen, die im Aufgabe- wie auch im Handgepäck nichts verloren haben – Gas- und Benzinfeuerzeuge beispielsweise. Hier gelten die Sicherheitsbestimmungen der Airlines.

Gepäck in den Terminals

In Sachen Gepäckbeförderung am Flughafen München unterscheiden sich die beiden Terminals. Im Terminal 1 kommt eine Gurtfördertechnik (Fließband) mit Kippschalensortierern zum Einsatz, im Terminal 2 ein Wannensystem. Das hat den Vorteil, dass man immer nachverfolgen kann, wo sich Gepäckstücke befinden. Eventuelle Fehlleitungen lassen sich so schnell korrigieren. Innerhalb eines Terminals ist das Gepäckstück zwischen fünf und zehn Minuten unterwegs. Wechselt es zwischen den einzelnen Terminals, benötigt es maximal 25 Minuten.

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