Durch Wasserwalze gespült: Junger Mann stirbt in der Isar

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Herbert Knur (70) mit Michael Kerkloh (63) am Flughafen München.

25 Jahre im Erdinger Moos: Streitgespräch zum Jubiläum

„Bei der 3. Startbahn überschreitet der Flughafen eine rote Linie“

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Am 17. Mai 1992 – vor 25 Jahren – war es soweit: Der Flughafen zog von München-Riem ins Erdinger Moos. Noch heute können sich viele in der Region nicht anfreunden mit dem Airport, der zugleich Jobmaschine ist. Zum Jubiläum baten wir Flughafen-Chef Michael Kerkloh und Flughafen-Gegner Herbert Knur zum Streitgespräch.

Herr Knur, der Flughafen feiert seinen 25. Geburtstag mit einem Festakt und einer mehrtägigen Party. Gehen Sie hin?

Herbert Knur: Ich habe mehrere Einladungen bekommen, bedanke mich auch dafür. Aber ich werde nicht hingehen. Das Jubiläum ist für mich kein Grund zum Feiern.

Michael Kerkloh: Schade. Ich hätte mich gefreut. Trotz der Gegensätze waren wir ja immer im Gespräch. Unser Bestreben ist es, mit den Nachbarn des Flughafens, die ihn ja auch ertragen müssen, vernünftig zu reden. Das ist schon wichtig.

Herr Knur, war es für Sie eine Niederlage, als der Flughafen 1992 ins Erdinger Moos zog?

Knur: Nein. Der Umzug hatte sich ja schon lange abgezeichnet. Das zeigt ja schon ein Datum: Am 6. Dezember 1967 wurde die Schutzgemeinschaft Erding Nord, Freising und Umgebung gegründet. Sie ist jetzt 50 Jahre alt, der Widerstand ist also doppelt so alt wie der Flughafen selbst. Dass der Flughafen kommen würde, war seit den 1970er-Jahren klar. Es war damals nur noch die Frage, wie lange man durch juristische Auseinandersetzungen die Inbetriebnahme hinauszögern könnte.

Erinnern Sie sich noch an den Eröffnungstag?

Knur: Am Donnerstag vor der Eröffnung stand ich bei meiner Tochter in der Baugrube in Mitterlern. Da flog das erste Flugzeug von Osten her auf die Nordbahn zu. Da wusste ich: Jetzt ist es mit der Ruhe vorbei. Am Eröffnungstag selbst war ich in Eitting bei einer Protestveranstaltung, während die ersten Flugzeuge ankamen. Meine Frau musste zu Hause die Anrufe aushalten. Eine Anruferin meinte: „Des is ned zum Aushalten. Dei Mo muas si unbedingt dafür einsetzen, dass der Flughafen wieda wegkommt.“ Das habe ich nicht geschafft.

Knur: „Der Flughafen hat die wesentlich stärkeren Partner“

Haben Sie resigniert?

Knur: Es gibt eine gewisse Resignation, wenn man dauernd gegen die Wand läuft. Wenn sich der Flughafen etwas vornimmt, setzt er das auch durch. Rücksichtslos möchte ich nicht sagen, aber er setzt es durch. Er hat die wesentlich stärkeren Partner.

Sie denken an die dritte Startbahn.

Knur: Nicht nur. Ich denke auch an die Nachtflugregelung, die heute sehr viel großzügiger ist als einst gedacht. Es ist doch so: Immer wenn der Flughafen merkt, dass eine Regelung zu eng ist, sie nicht ausreicht, beantragt er eine Änderung. Und bekommt sie dann auch. Bei der Startbahn war es letztlich genauso.

Kerkloh: Der Treiber solcher Kapazitätserweiterungen ist ja nicht der Flughafen, sondern der wachsende Mobilitätsbedarf. In Bayern hat man in den vergangenen Jahrzehnten die Weichen stets so gestellt, dass ein dynamisches Wachstum möglich wurde. Es ist ja kein Zufall, dass ein Jahrhundertprojekt wie ein neuer Flughafen hier gebaut wurde, während das gleiche Vorhaben zum Beispiel in Hamburg scheiterte. Damals hieß es, was in Deutschland nicht funktioniert, kann in Bayern dennoch gelingen.

Das hat sich gedreht.

Kerkloh: Es hat sich etwas geändert. Früher dachte man, wenn man ein Projekt rechtlich durchbekommt, mit Planfeststellungsbeschluss und richterlichem Beschluss, dann ist das Thema auch durch. Das war letztlich eine technokratische Denkweise. Bei der dritten Bahn waren wir da schon sehr viel weiter. Da wurde von Anfang an ein Nachbarschaftsbeirat eingerichtet, um die Öffentlichkeit und vor allem die Anrainer über alle Planungsschritte zu unterrichten.

Knur: Na ja, so weit her war das nicht mit der Beteiligung. Im Nachbarschaftsbeirat durfte ja gar nicht mehr über das Ob einer dritten Bahn geredet werden, sondern nur über die Infrastruktur in der Region.

Blick aufs Rollfeld: die Gesprächsrunde mit den Redakteuren.

Herr Kerkloh, verstehen Sie, dass viele heute sagen: Es reicht jetzt, wir ersticken noch am Erfolg?

Kerkloh: Ich bin Volkswirt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ein prosperierendes Land ohne Wachstum geben kann. Wir müssen ein gutes, qualitatives Wachstum anstreben. Kein Mensch will, dass wir uns zurückentwickeln. Der Flughafen wird weiter wachsen, davon profitieren München und die Region.

Profitiert Berglern?

Knur: Gewerbesteuer zahlt der Flughafen an uns nicht. Keinen Euro. Ein tüchtiger Finanzbeamter hat einmal festgestellt, dass es bei uns eine Fluglärmmessstation gibt, und das als Betriebsstätte gewertet. Der Flughafen wäre dann auch gegenüber unserer Gemeinde gewerbesteuerpflichtig. Das ging aber nicht durch.

Wer bekommt die Gewerbesteuer?

Knur: Vier Kommunen: Freising, Marzling, Oberding und Hallbergmoos. Ich erinnere mich an eine Konferenz im Freisinger Rathaus, in der es um eine andere Verteilung der Steuer ging – aber da war nichts zu machen.

Knur: „Solidarität hat Grenzen“

Ist das solidarisch?

Knur: Ach wissen Sie, Solidarität hat Grenzen. Es ist ja nie eine Masse von Leuten, die von konkreten Einzelregelungen betroffen sind und sich zur Wehr setzen. Wenn sich auf der Nordbahn etwas ändert, ist das den Erdingern, mit Verlaub gesagt, relativ wurscht.

Auch Ihre Gemeinde hat doch vom Flughafen profitiert – Stichwort Arbeitsplätze?

Knur: Natürlich. In meiner Amtszeit als Bürgermeister hat sich die Einwohnerzahl verdoppelt, auf heute knapp 3000. Das bringt mehr Einkommensteuerbeteiligung. Aber wir mussten auch zwei neue Kindergärten bauen, wir haben die Grundschule erweitert und anderes mehr.

Kerkloh: Bei manchem helfen wir ja auch: 2016 hat der Aufsichtsrat beschlossen, dass wir selber in Wohnungsbauprogramme einsteigen – wir werden rund 600 Wohneinheiten bauen, das erste Projekt wird voraussichtlich in Hallbergmoos realisiert, auch Oberding ist angedacht. Eins ist aber auch klar:

Nämlich?

Kerkloh: Es kann nicht angehen, dass der Flughafen wächst, die Infrastruktur drum herum aber nicht. Es ist ein Unding, dass die Flughafen-Tangente Ost erst 20 Jahre nach dem Flughafen fertig geworden ist – und dann auch noch mit einer Kapazität, die nicht mehr ausreicht.

Knur: Es ist im Grunde genommen ein Skandal. Ich habe schon einige Verkehrsminister erlebt, die uns versicherten, dass sie sich nun aber wirklich mit voller Kraft für den Ringschluss einsetzen werden.

Kerkloh: Es wurden zehn Jahre verschlafen.

Knur: Da fehlt der politische Wille. Eins will ich aber auch ansprechen: Es gibt ja die Zusage, dass die Flughafen GmbH im Fall des Startbahnbaus einen Umlandfonds mit 100 Millionen Euro auflegt, aus dem dann Härtefälle, aber auch der Bau kommunaler Straßen finanziert werden sollen. Ich sehe nicht ein, warum das Geld nicht unabhängig vom Bau der Startbahn freigegeben werden kann. Das wäre eine edle Geste.

Kerkloh: „Eine koordinierte Entwicklung wäre wirklich wichtig“

Geht das?

Kerkloh: Das müssten die Gesellschafter beschließen. Etwas von der Kritik muss ich zurückgeben: Ich vermisse oft eine koordinierte Vorgehensweise der Landkreise und der Gemeinden ringsum. Es macht keinen Sinn, dass jede Gemeinde ihr eigenes Gewerbegebiet ausweist und völlig unabgestimmt Gewerbe ansiedelt. Da gab es schon Fehlinvestitionen, etwa der Bau von Büroparks am Markt vorbei. Eine koordinierte Entwicklung wäre wirklich wichtig.

Knur: Ich kann mir das nur schwer vorstellen. Dafür ist Kommunalpolitik zu kleinteilig. Aber wir sollten darüber nachdenken, den Landkreisen Erding und Freising einen Beobachterstatus in der Gesellschafterversammlung und im Aufsichtsrat zuzubilligen. Dann könnten die Interessen der Hauptbetroffenen bereits zu Beginn von Planungen geltend gemacht werden.

Wollen Sie so die dritte Startbahn verhindern?

Knur: Schön wär’s. Die dritte Startbahn wird bei mir nie auf Zustimmung stoßen. Niemals. Da überschreitet der Flughafen eine rote Linie.

Kerkloh: Die dritte Bahn ist ein Generationenprojekt, es ist für unsere Kinder. Der Zuwachs an Mobilität entsteht nicht durch uns, sondern durch die Menschen, die fliegen wollen. Das ist ein stetiges Wachstum.

Muss man unbedingt für Junggesellenabschiede nach Mallorca fliegen?

Kerkloh: Das müssen Sie mit Ihren Kindern diskutieren, nicht mit uns.

Knur: Wenn Sie’s nicht anbieten würden, käme niemand auf die Idee. Es ist schon fraglich, ob man 250 Ziele weltweit anfliegen muss.

Kerkloh: Es ist die Investitionsentscheidung der Airlines, nicht des Flughafens. Als ich 2002 kam, hatte der Flughafen jährlich 22 Millionen Passagiere. Jetzt sind es 44 Millionen am Ende dieses Jahres. Ist das kein Wachstum?

Knur: Ich will qualitatives, nicht quantitatives Wachstum.

Kerkloh: Da sind wir schon dabei. Saubere Flugzeuge, leise Flugzeuge.

Knur: Ach. Saubere und leise Flugzeuge – das gibt es nicht.

Kerkloh: Weniger schmutzige und weniger laute Flugzeuge, vielleicht können Sie damit leben. Was technologisch geht, wird hier gemacht. Wir investieren 150 Millionen Euro in die Klimaneutralität des Flughafenbetriebs. Da kann man drüber lachen ...

Knur: Das tue ich nicht.

Kerkloh: Es ist aber eine ernst gemeinte Anstrengung.

Während Sie feiern, organisieren die Startbahn-Gegner ein Gegenfest. Ärgert Sie das?

Kerkloh: Nein. Ich möchte mal eines sagen: Der Widerstand, so wie er stattgefunden hat, war durchweg zivilisiert. Ich habe dafür hohen Respekt. Mir ist wichtig, dass wir im Dialog bleiben. Und jetzt sage ich Ihnen etwas:

Wir hören.

Kerkloh: Ich würde die Kritiker gerne zum 17. Mai zu Kaffee und Kuchen einladen. Aber ich weiß ja, dass die Einladung nicht akzeptiert werden würde.

Das Streitgespräch moderierten Dirk Walter und Hans Moritz

Lesen Sie zum Flughafen München auch: Die Flughafen-Erklärerin - Hilde Wenzl betreut seit vielen Jahren die Besucherrundfahrten.

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