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Der Flughafen zieht um: Lastwagen fahren Fluggasttreppen am 16. Mai 1992 im Konvoi von Riem zum Flughafen im Erdinger Moos.

Von Riem ins Erdinger Moos

Flughafen München: Wie sein Umzug Geschichte schrieb

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Am 17. Mai 1992 zieht der Flughafen München um – in nur einer Nacht von Riem ins Erdinger Moos. 1600 Laster, rund 5000 Mitarbeiter. Eine Meisterleistung, die Geschichte schrieb.

Erding/München– Spencer Craig hat ein gewaltiges Problem. Es ist 5 Uhr morgens, pünktlich steht er im Terminal in München-Riem, er will heim nach Los Angeles, aber die Abflugtafel ist dunkel. Schlimmer noch: Auf dem Rollfeld steht kein einziger Flieger. Und am Check-in-Schalter gibt’s weder Mitarbeiter noch Tickets, da schrauben gerade zwei junge Männer Schilder ab. Langsam begreift der Amerikaner: Von hier aus geht es nicht mehr in die USA. Nie mehr. Statt bei der Passagierabfertigung steht er mitten in einer Abrissparty. Der Flughafen und seine Flieger sind vor sechs Stunden ins Erdinger Moos gezogen.

Ein Mitarbeiter mit Abschiedshut in Riem.

Geschichten wie die von Spencer Craig sind bedauerlich – aber höchst selten. Denn obwohl in der Nacht von 16. auf 17. Mai 1992 ein ganzer Flughafen durch München wandert,gibt es keine größeren Pannen außer ein paar verirrte Passagiere. Das ist unglaublich, wenn man überlegt, wie viel Ärger schon der Umzug aus einer 30-Quadratmeter-Bude macht. Heute vor 25 Jahren reiste der Flughafen von Riem ins Erdinger Moos. Mit 5000 Helfern, 1600 Lastwagen und 80 Speditionen. 40 Kilometer Wegstrecke, 16 Stunden Zeit, geplante Flugausfälle: null. Ein Wahnsinnsunterfangen, das Umzugshelfer nüchtern „Betriebsverlagerung“ nannten und die Presse den „größten Umzug seit der Völkerwanderung“. In dieser sternklaren Nacht wurde Luftfahrtgeschichte geschrieben.

Die ersten Laster sind schon losgefahren, da heben immer noch Flieger in Riem ab. Um 22.55 Uhr startet Lufthansa-Pilot Michael Sikora mit seiner Boing 737, getauft auf den Namen „Freising“. „Bye-bye, es war schön mit Euch in Riem“, funkt er an den Tower. Eine Dreiviertelstunde später, nach 52 Jahren und acht Monaten, erlischt die Anflugbefeuerung auf der Landebahn. Eine Ära ist zu Ende. Die Arbeit für die Spediteure geht jetzt richtig los. Gepäckwagen, Fluggasttreppen, Schlepper – alles muss in nur fünf Stunden zum neuen Flughafen Franz Josef Strauß. Der hat über acht Milliarden Mark gekostet, da kann man nicht auch noch alles neu kaufen. Manche der Gegenstände sind heute noch im Einsatz.

Als sich die Spediteure auf dem Rollfeld einreihen und Dinge funken wie „Schwertransport A 751 steht schon seit über zwei Stunden mit Fracht bereit. Wann geht’s endlich los?“, hat Gabriella Regenbrecht Feierabend. Sie und ihr Team hatten die Nacht der Nächte drei Jahre lang geplant, zig Pläne geschrieben und 6000 Termine vergeben. Jetzt kann sie nur noch hoffen, dass ihnen kein Fehler unterlaufen ist. Um Mitternacht blättert sie auf die letzte Seite ihres extra gedruckten Umzugs-Abrisskalenders. „17.05.92“ steht dort. „Noch 0 Tage. Das war doch nichts Besonderes.“

Die Planerin: Gabriella Regenbrecht, 60, aus München-Schwabing hat den Flughafenumzug drei Jahre lang mitgeplant. Sie arbeitet auch heute, 25 Jahre später, am Flughafen. Ihr Büro ist direkt bei der Abflugtafel im Terminal. In der Umzugsnacht machte sie kein Auge zu: Erst war sie auf dem Rollfeld, dann löste sie Probleme. Um 6 Uhr frühstückte sie mit Freunden im ersten Flughafen-Hotel, drumherum war damals noch Prärie.

Gabriella Regenbrecht muss über den Spruch lachen, auch heute noch, 25 Jahre später. Sie arbeitet jetzt in der Flughafenverwaltung, Büro im Terminal 1, erster Stock. Sie hat alles aufgehoben: den Abrisskalender und alle Pläne mit den Terminen. Sie kann heute noch sagen, wann die Umzugskisten geliefert werden mussten und die Schaufeln der Schneeräumer.

Planerin zum Umzug des Flughafen München: „Diese Nacht war damals etwas ganz Wunderbares“

„Diese Nacht damals war etwas ganz Wunderbares“, sagt sie. Einerseits, weil wirklich alle Angestellten da waren. „Ich hab’ jeden gleich am Telefon erwischt, das habe ich nie mehr erlebt.“ Und andererseits wegen dieser Stimmung. In Riem gibt es spontane Partys, es geht ein bisschen zu wie an Fasching. Ein Flughafen-Mitarbeiter trägt einen Hut mit aufgepappter Lufthansa-Figur, die Feuerwehr beerdigt ihren Flughafen mit einem Sarg. Zwischen Freising und Erding wird es betriebsamer – aus der Baustelle wird ein Flughafen. Gabriella Regenbrecht fährt damals mit ihrem metallic-grünen Dreier-BMW aufs Rollfeld, parkt neben einem Flieger und startet den Selbstauslöser ihrer Kamera. Eine einzigartige Erinnerung.

Unterwegs wird nichts dem Zufall überlassen. Damit die Lkw (der schwerste Tieflader zieht einen 60 Tonnen schweren Flugzeugschlepper) die Autobahnbrücken nicht beschädigen, baut die Polizei einen provisorischen Kontrollbogen: Sie stellt in Riem zwei Fluggasttreppen nebeneinander und legt einen Stecken in 4,70 Meter Höhe dazwischen. Nur wenn die Laster untendurch passen, dürfen sie los. An der Autobahn stehen außerdem Pannenfahrzeuge für Unfälle bereit. Sie werden zum Glück nicht benötigt. Derweil kraxeln zwei Trupps des Münchner Baureferats auf den Straßenschildern in der Stadt herum und enthüllen die neuen Wegweiser, damit es nicht mehr Fälle gibt wie den von Spencer Craig, dem Amerikaner am falschen Flughafen.

Die Leitzentrale: Jeder Lkw musste sich vor dem Transport von Riem ins Erdinger Moos an- und abmelden. Nur so behielten die Planer den Überblick. Die rechte Spur der A 9 war die ganze Nacht komplett belegt. Aus Angst vor Protestaktionen wurde im Vorfeld auch eine Alternativroute erarbeitet. Es blieb aber ruhig.

Der Umzug und die Inbetriebnahme sind logistische Meisterleistungen. Noch heute werden die Münchner von anderen Flughäfen deswegen angerufen und um Rat gefragt, zum Beispiel aus Bangkok. Ein Erfolgsgeheimnis: ausgiebige Tests vor der Eröffnung. „Sonst fallen die Fehler nicht auf“, sagt Gabriella Regenbrecht. „Und es gibt viele Fehler.“

Um 5.55 Uhr hebt die Maschine „Stadt München“ mit geladenen Gästen zum Alpenrundflug ab

Heute sind nicht nur Probebetriebe Standard, sondern auch Computersimulationen. Damals gibt es nur viel Papier und ein paar Handys so groß wie Aktenkoffer. Auch Gabriella Regenbrecht bekommt einen Anruf, um 2 Uhr morgens, da ist sie gerade mit ihrer Freundin auf dem Rollfeld unterwegs. Das System, das die Sitzplätze zuweist, ist ausgefallen. Ein lösbares Problem, genau wie der Lkw, der beim Umzug verloren geht. Genau genommen haben das die Planer nur geglaubt, weil sich der Fahrer nicht ab- und angemeldet hatte. Auch die Schiebetüren im Terminal schließen in der Nacht vor der Eröffnung noch zu schnell, und die Brandmeldeanlage zickt. Heute wäre das eine Katastrophe, ein Schließungsgrund. Zeiten ändern sich.

Um 3.58 Uhr ist es soweit: Die erste S-Bahn kommt an, schon damals eine S 8, und die Schranke an der Zufahrtsstraße hebt sich. Tausende Schaulustige drängeln auf dem Besucherhügel, unsere Zeitung schreibt, „es wimmelt wie auf einem Ameisenhaufen“.

Passkontrolle: Die Polizei empfing die Fluggäste provisorisch in einer Halle. Die Sicherheitsvorkehrungen waren längst nicht so streng wie heute, nur Bauzäune versperrten den Weg. Anfangs nannten den Flughafen Franz Josef Strauß alle „München 2“, aber das gefiel der Betreibergesellschaft nicht – München hatte ja nur einen, aber eben neuen

Den Premieren-Abflug übernimmt die Lufthansa, um 5.55 Uhr hebt die Maschine „Stadt München“ mit 218 geladenen Gästen zu einem Alpenrundflug ab. Alles nach Plan – ganz anders als bei der ersten Landung eine Stunde zuvor: Eigentlich will die Lufthansa mit ihren Maschinen „Erding“ und „Freising“ parallel auf den beiden Startbahnen aufsetzen. Aber eine Aero-Lloyd-Maschine aus Izmir, angekündigt für 5.05 Uhr, hat auf ihrem Flug so viel Zeit hereingeholt, dass sie aus Versehen als Erstes in München ankommt. Der Pilot kann es gar nicht fassen, als ihn 1200 Journalisten umringen und er gefeiert wird wie ein Star. Manche Dinge lassen sich eben doch nicht planen, auch nicht beim größten Umzug der europäischen Fluggeschichte.

25 Jahre Flughafen - „Jetzt red i“ ist zu Gast in Attaching

Zum Flughafen-Jubiläum gastiert die BR-Sendung „Jetzt red i“ in Attaching. Alles was Sie dazu wissen müssen, haben wir für Sie hier zusammengefasst. Am Mittwochabend werden wir die Sendung live tickern.

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