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„Damit haben wir in der gesamten Branche einen Meilenstein gesetzt.“ Die inbetriebnahme des Satelliten (vorne) im April war für Flughafenchef Michael Kehrkloh das herausragende Ereignis im zu Ende gehenden Jahr. Zudem freut er sich über wieder steigende Passagier- und Flugzahlen. Noch glücklicher macht ihn seine neue Rolle: Kehrkloh ist gerade Opa geworden.

Interview mit FMG-Chef Michael Kerkloh 

„Gar nicht so weit weg von den Grünen“

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Flughafen - An sich könnte FMG-Geschäftsführer Michael Kerkloh zufrieden sein: Seit zwei Jahren steigen naben den Passagier- auch die Flugzahlen wieder an. Sein wichtigstes Projekt, die dritte Startbahn, kommt dennoch nicht voran. Politisch gibt es keine Mehrheit. Kerkloh versucht es auf die sanfte Tour.

-Herr Kerkloh, wie wird das Flughafenjahr zu Ende gehen?

Michael Kerkloh: Es wird ein gutes Jahr. Schon im Frühjahr haben wir gewusst, dass es sich positiv entwickeln wird – nicht zuletzt dank neuer Fluggesellschaften. Zum Schluss wurde die Dynamik ein wenig vom Lufthansa-Streik gebremst. Ich rechne mit 42,2 Millionen Passagieren und deutlich über drei Prozent mehr Flugbewegungen – also fast 400 000.

-Mit welchem wirtschaftlichen Ergebnis rechnen Sie für die FMG?

Kerkloh: Das wird sich im Bereich des Vorjahresergebnisses bewegen, also etwa 150 Millionen Euro Gewinn nach Steuern.

-Wie hat sich der Lufthansa-Streik ausgewirkt?

Kerkloh: Die Flughafen München GmbH dürfte der Streik etwa fünf Millionen Euro Umsatz gekostet haben. Es sind ja mehrere Tausend Flüge annulliert worden.

-Horst Seehofer will bei den Passagier- und Flugzahlen eine neue Situation erkannt haben. Kommt die dritte Bahn jetzt?

Kerkloh: Der Ministerpräsident hat deutlich gemacht, dass es eine Trendwende bei den Flugbewegungen gibt und vor diesem Hintergrund den Entscheidungsbedarf hervorgehoben. Die Spitzen der Landeshauptstadt München und des Freistaates müssen sich über das Verfahren einigen und haben für das Frühjahr weitere Gespräche dazu angekündigt. Im Moment ist ein zweiter Bürgerentscheid in München nicht auszuschließen.

-Was können Sie denn als FMG im Moment dazu beitragen?

Kerkloh: Sicher ist, dass wir im nächsten Jahr wieder wachsen werden. Wenn es noch Unsicherheiten darüber geben sollte, dass sich der Flughafen weiter entwickelt, dann kann ich nur sagen: Wir rechnen mit einem starken Wachstum, etwa wieder vier Prozent mehr Flüge. Das wären dann rund 15 000 Starts und Landungen und damit etwa 1,5 Millionen zusätzliche Passagiere. Unter anderem will Lufthansa stark ausbauen, nicht nur mit eigenen Maschinen, sondern wohl auch mit der Neuansiedlung der Konzerntochter Eurowings.

-Glauben Sie wirklich, dass ein weiterer Bürgerentscheid in München derzeit ein anderes Ergebnis brächte?

Kerkloh: Ein Bürgerentscheid ist immer ein Risiko, weil die Bürger nicht nur über diese Frage abstimmen, sondern so etwas stets auch als politischer Denkzettel genutzt wird. Sollte es zu einer erneuten Abstimmung kommen, würde ich mir ein Stück Schweizer Rationalität wünschen. Denn es geht um eine Zukunfts- und Generationenfrage nicht nur für München.

-. . . Für wen denn noch?

Kerkloh: Die dritte Bahn ist ein bayerisches, ja nationales Projekt. Nirgendwo in Deutschland kann auf absehbare Zeit eine weitere Bahn gebaut werden. Kommt sie in München nicht, würden wir Zukunftsperspektiven verlieren, weil Verkehre mittelfristig ins Ausland abwandern. Ich versichere hier noch einmal: Auch dieses Projekt werden wir so erstklassig machen wie alle anderen auch. Der Umgang mit den Betroffenen muss gut geregelt sein. Dazu verpflichten wir uns. Ich kann nur appellieren, sich der Größe dieser Entscheidung bewusst zu werden. Dann ist ein Entscheid auch gewinnbar.

-Die Gegner argumentieren weiter damit, dass der Bedarf nicht vorhanden sei. Glauben Sie, dass es einen Punkt gibt, ab dem selbst die Kritiker wie der Grüne Christian Magerl den Bedarf anerkennen?

Kerkloh: Herr Magerl wird dazu niemals Ja sagen, weil er davon ausgeht, dass der Luftverkehr nicht mehr wachsen wird. Aber das hat er auch schon zur Flughafeneröffnung geglaubt. Alle seriösen Prognosen sind jedoch eindeutig – für München, Bayern und Deutschland sowie auch europa- und weltweit: 50 Prozent Wachstum bis 2030. In Europa sieht es genauso aus. Wer das negiert, befasst sich nicht mit den Fakten. Für uns erwächst daraus eine Verpflichtung: Wir müssen dieses Wachstum so verträglich, effizient und grün wie möglich machen. Da sind wir übrigens gar nicht so weit weg von den Positionen der Grünen. Was uns unterscheidet: Wir halten es für kein tragfähiges Konzept, zu glauben, man könnte Mobilität einschränken oder gar verbieten. Fakt ist: Je jünger die Menschen sind, desto mehr fliegen sie. Auf der anderen Seite ist auch die ältere Generation so mobil wie nie zuvor.

-Was würde passieren, wenn die dritte Bahn in den nächsten zehn Jahren nicht kommt?

Kerkloh: Aktuell sind wir an zehn Stunden am Tag dicht. Natürlich gibt es noch Restkapazitäten, aber die sind zum Teil „unverkäuflich“. Das sind Slots, die nicht genutzt werden können. Was bringt beispielsweise eine Landemöglichkeit morgens um halb sieben? Dieser Flug kann in der Regel andernorts gar nicht starten – wegen des Nachtflugverbots. Wenn die dritte Start- und Landebahn nicht kommt, wird sich die Position des Flughafens verschlechtern – anfangs unbemerkt, dann aber mit zunehmendem Tempo. Es wird weniger Verbindungen geben. Die Effekte werden irgendwann alle spüren – bis in die Region hinaus.

-Zeichnet sich das schon ab?

Kerkloh: Leider ja, wir werden dieses Jahr in Bezug auf die Passagierzahlen unseren Platz als siebtgrößter Flughafen in Europa verlieren und wohl auf Platz neun zurückfallen, weil andere europäische Flughäfen schneller wachsen.

-Hätte der Flughafen ein stärkeres Wachstum, wenn es die dritte Bahn schon gäbe?

Kerkloh: Das ist eine theoretische Debatte. Wäre eine positive Entscheidung da, würden auf jeden Fall die Airlines entscheiden, in den Standort zu investieren.

-Wäre der Satellit in einem solchen Fall eine Fehlinvestition?

Kerkloh: Nein, ganz bestimmt nicht. Den brauchen wir jetzt schon. Der Satellit war im Wesentlichen eine Investition in Qualität. Vorfeld-Positionen mit Bus-Transfers, das entspricht nicht einem Fünf-Sterne-Flughafen wie dem unseren. Das gilt gerade für die Langstreckenverbindungen.

-Wie laufen denn die Geschäfte im Satelliten? Uns fällt auf, dass es da oft sehr ruhig zugeht.

Kerkloh: Die Gastronomie läuft gut. Bei den Geschäften könnte es in der Tat besser sein. Viele Kunden decken ihren Bedarf im Terminal 2 ab und fahren erst dann rüber. Das wird sich aber ändern, das ist eine Frage der Zeit. Erinnern wir uns an 2003 zurück: Einen ähnlichen Effekt hatten wir, als das Terminal 2 eröffnet wurde.

-Wie hat sich Transavia im ersten Jahr entwickelt?

Kerkloh: Transavia ist sehr zufrieden mit ihrer ersten Basis in Deutschland und 20 Zielen. Die eigenen Vorstellungen über das erste Betriebsjahr sind deutlich übertroffen worden. Das wundert mich nicht, denn das Low-Cost-Segment ist bei uns noch ein bisschen unterrepräsentiert. Ich sehe beträchtliches Potenzial für Transavia, die Marke muss einfach noch bekannter werden.

-Wie geht es mit Air Berlin weiter? Welche Folgen hat der Umbau für den Flughafen München?

Kerkloh: Für eine Antwort ist es noch zu früh. Da muss noch einiges geklärt werden. Was für Air Berlin gut ist, dass die Saure-Gurken-Zeit außerhalb der Ferien mit einem starken Partner durchgestanden wird. Man muss auch abwarten, was die Kartellbehörden sagen. Zentral ist die Frage, wie nah Air Berlin an Lufthansa heranrückt. Die Märkte, die Air Berlin von München aus bedient, sind jedenfalls erfolgreich – zum Beispiel nach Berlin, Hamburg, Düsseldorf und Köln. Die touristischen Air-Berlin-Fernstrecken sind ja schon längst von München weg und bei uns durch Condor kompensiert worden.

Der bisherige Münchner Lufthansa-Chef Thomas Winkelmann wird Anfang 2017 neuer Kapitän bei Air Berlin. Die angeschlagene Airline vermietet 38 Jets an die Lufthansa-Töchter Eurowings und Austrian. 33 Flugzeuge werden an einen neuen Ferienflieger in Österreich ausgegliedert. Zudem liebäugelt die Kranich-Airline mit den 14 Airbus A 320-Langstreckenjets von Air Berlin – zur Kräftigung von Eurowings.

-Lufthansa wird die A 350-Flotte komplett ins Erdinger Moos holen. Gestern landete die erste Maschine. Was bedeutet das für den Flughafen – qualitativ wie quantitativ?

Kerkloh: Das in jeder Hinsicht ein Quantensprung, gerade auch für die Nachbarn des Flughafens. Der neue Flieger ist effizienter und vor allem leiser, um bis zu 50 Prozent. Der Kerosinverbrauch ist um 25 Prozent niedriger. Die A 350 ersetzt die erheblich lautere A 340-600 mit vier Triebwerken, die natürlich deutlich mehr Kerosin verbrauchen.

-Das Terminal 1 soll um eine Pier erweitert werden. Welche Schritte stehen 2017 an?

Kerkloh: 2017 geht es um die Ausarbeitung der Entwurfsplanung, über die dann Anfang 2018 abschließend entschieden werden soll.

-Wie geht es mit dem Immobilien-Projekt Airsite weiter?

Kerkloh: 2017 geht es los, erste Vorbereitungen laufen schon. Im Vordergrund steht die Erschließung der Baufelder. Wir werden mit Objekten beginnen, die wir selber benötigen, etwa für die eigene Schulung oder die Verwaltung. Sichtbar werden wird die Airsite anfangs im Bereich der Agip-Tankstelle. Der Hochbau wird 2017 aber noch nicht beginnen.

-Was ist aus den Wohnbauprojekten geworden, die Sie vor einem Jahr hier angekündigt haben?

Kerkloh: Das läuft weiter. Wir stehen zu unserer Zusage. Wir reden von 600 Einheiten an mehreren Standorten. Wir sind in Gesprächen mit Hallbergmoos und Oberding. 2017 können wir voraussichtlich mit dem ersten Projekt starten. Zunächst haben wir uns Gedanken gemacht, welcher Bedarf vorhanden ist, welche Wohnformen benötigt werden, etwa für Familien. Ziel ist, dass es günstiger Wohnraum wird, zunächst für eigene Kräfte. Ich darf darauf hinweisen, dass dieses Projekt eine freiwillige Leistung ist, das gehört nicht zum Geschäftsauftrag. Aber wir nehmen unsere gesellschaftliche Verpflichtung ernst.

-Sie haben vor ein paar Tagen angekündigt, CO2-neutral werden zu wollen, durch Einsparungen und den Erwerb von Emmissionszertifikaten. Das ist ein hehres Ziel. Hätten Sie mit so viel Kritik und Spott gerechnet?

Kerkloh: Ich kann mir das nur so erklären, dass sich die Kritiker damit nicht intensiv genug beschäftigen. Wer, wenn nicht wir, soll die grüne Agenda umsetzen? Fordern kann man sehr viel. Sehen Sie, die CO2-Menge, die wir allein am Flughafen einsparen wollen, entspricht der Menge CO2, die etwa in Moosburg oder Dorfen ausgestoßen wird. Wir setzen das, was auf den Klimakonferenzen beschlossen wird, konkret um: durch Einsparungen und Zukauf von Zertifikaten. All das ist kein Pappenstiel. Das wird uns einen ganzen Jahresgewinn kosten, also rund 150 Millionen Euro. Auch die Industrie ist dran, die neuen Triebwerke erzeugen deutlich weniger CO2. Die Häme kann ich deswegen nicht nachvollziehen. Was wir definitiv nicht tun werden: Mobilität verhindern!

-Was werden die Attraktionen im MAC im neuen Jahr sein?

Kerkloh: Da setzen wir auch 2017 auf Bewährtes: Surfwelle, Wintermarkt und Food & Style. Und im Besucherpark bringen wir den neuen Spielplatz zum Abschluss. Nicht zuletzt das Besucherzentrum ist deutlich attraktiver.

-Am 17. Mai 2017 wird der Flughafen im Moos 25 Jahre alt. Was planen Sie?

Kerkloh: Das werden wir richtig groß feiern. Da kann sich die Region drauf freuen. Im Mai wird es eine Festwoche geben – mit Flughafentag, Aktionen im Besucherpark und sogar einem Rock-Festival. Diese Woche ehren wir übrigens 300 Mitarbeiter, die seit 25 Jahren dabei waren – in der Wappenhalle in Riem.

-Wie immer unsere letzte Frage: Ihr prägendstes Erlebnis heuer am Münchner Flughafen?

Kerkloh: Keine Frage, das war die Eröffnung des Satelliten im April. Damit haben wir in der gesamten Branche einen Meilenstein gesetzt. Jeder, der daran beteiligt war, kann stolz sein. Auch privat gab es 2016 ein Highlight für mich: Ich bin zum ersten Mal Opa geworden. Charlotte heißt die Kleine.

Hans Moritz

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