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Der Flughafen und seine Nachbarn: Die Mehrheit der Menschen in der Region steht dem Moos-Airport positiv gegenüber und nutzt ihn auch überproportional. Lärm, Wohnpreise und Ausbau werden jedoch kritisch bewertet.

Vierte Umland-Umfrage der FMG 

Ein guter, aber recht lauter Nachbar

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Flughafen – Wie steht die Region zum Flughafen München? Nach 1995, 2003 und 2010 ließ die Flughafen München Gesellschaft (FMG) nun zum vierten Mal ihre Nachbarn befragen. Quintessenz: Aus Nachbarn sind Freunde geworden. Doch es gibt auch Kritik.

So groß war das Untersuchungsgebiet noch nie, in dem die FMG die Stimmung ihrer Nachbarn messen ließ. Das Institut TNS Infratest befragte voriges Jahr knapp 2500 Menschen aus 43 Gemeinden in den Landkreisen Erding, Freising, Landshut, Ebersberg, Dachau und München. Nun liegen die Ergebnisse vor – in einer 70-seitigen Studie.

Auffällig ist: Das Gros der Bevölkerung steht dem Flughafen nicht nur wohlwollend gegenüber, sondern nutzt ihn auch überdurchschnittlich häufig. 80 Prozent geben an, die Airport-Ansiedlung „sehr positiv“ beziehungsweise „überwiegend positiv“ zu sehen. 64 Prozent geben auch der Drehkreuzfunktion gute Noten. Der so genannte Hub ist nicht unumstritten, bringt er doch viele Menschen ins Erdinger Moos, wo diese dann in Maschinen in alle Teile der Welt steigen. Besonders gut gestimmt sind die Befragten, wenn es um die Funktion des Flughafens für die Wirtschaft geht.

Ein kritischer Punkt ist der Lärm. TNS Infratest kommt in seiner als repräsentativ geltenden Studie zu dem Ergebnis, dass zwar zwei Drittel die Lärmsituation an ihrem Wohnort als gut oder sehr gut bezeichnen. Einige der Ortschaften liegen aber weit vom Airport beziehungsweise den gängigen An- und Abflugrouten entfernt.

Große Verbundenheit mit der Heimat

Als stärkste (und lästigste) Lärmquellen werden der Straßen- (59 Prozent) und der Luftverkehr (55 Prozent) angegeben. Grundsätzlich gilt: Die „Lärmzufriedenheit“ nimmt ab, je näher man den Start- und Landebahnen kommt. Mehr als jeder Zweite, der Schallimmissionen beklagt, sagt aus, stark beziehungsweise sehr stark von Fluglärm belästigt zu werden. Nur zwölf Prozent sehen darin überhaupt kein Problem. Hoch sind die negativen Werte in den kombinierten Tag-/Nachtschutzgebieten in unmittelbarer Nachbarschaft der Pisten. Dort geben 83 Prozent an, sich stark oder sehr stark belastet zu fühlen. Außerhalb der Kernzonen liegt der Wert bei 47 Prozent.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass „im Zeitvergleich im Kerngebiet seit 2003 ein starker negativer Trend bei der Beurteilung der Lärmsituation festzustellen ist“. Die positive Bewertung der Situation sank von 51 Prozent im Jahr 2003 auf 49 im Jahr 2010 auf nun 24 Prozent.

Abgefragt wurde auch das Empfinden der Luftqualität. 83 Prozent äußern sich positiv, in direkter Nachbarschaft sinkt der Wert auf 74 Prozent.

Bemerkenswert: Umgekehrt nutzen die Bewohner der Flughafenregion den Moos-Airport überdurchschnittlich: Mehr als die Hälfte, 62 Prozent, gibt an, innerhalb der vergangenen zwölf Monate mindestens eine Flugreise unternommen zu haben. Deutschlandweit sind es nur 30 Prozent. Die Nachbarn unternehmen pro Jahr im Schnitt drei Flugreisen.

Nicht nur das: Sie nutzen den Flughafen auch als Einkaufs- und Veranstaltungsort. Mehr als jeder Zweite (57 Prozent) war im vergangenen Jahr mindestens einmal vor Ort, ohne sich in einen Flieger zu setzen.

Weitgehend Konsens besteht in der Einschätzung, dass Deutschlands zweitgrößter Flughafen ein Wirtschaftsmotor ist. Neun von zehn Befragten bewerten die wirtschaftliche Lage an ihrem Wohnort positiv.

Zukunft wird eher negativ gesehen

Der Wert hat mit den Befragungen stets zugenommen. Das gilt besonders für die Einkaufsmöglichkeiten, die von 72 Prozent gelobt werden. Kleine Gemeinden mit geringerer Infrastruktur kommen nur auf 65 Prozent.

Über drei Viertel stufen die Wohnsituation als gut ein. Auch hier gilt: Je größer die Nähe, desto geringer zu Zufriedenheit. Nur 61 Prozent der unmittelbaren Anrainer sind zufrieden – kein Wunder angesichts explodierender Kauf- und Mietpreise sowie eines nahezu leergefegten und auch deswegen überteuerte Immobilienmarkts.

Auch in die Zukunft richteten die Telefoninterviewer den Blick. Fazit: Die weitere Entwicklung wird mehrheitlich kritisch gesehen. 58 Prozent erwarten sich eher Nachteile. 66 Prozent sind es im Nahbereich. 42 Prozent glauben gar an eine „sehr negative Entwicklung“. Dabei sind die Freisinger spürbar pessimistischer als ihre Erdinger Nachbarn. Für beide gilt: Die dritte Startbahn findet hier keine Mehrheit. Die Bürger antworten aber differenziert: Wohlstand, geringe Arbeitslosigkeit und immer mehr Jobs finden Anklang.

Durchwegs sehr gut eingestuft wird das Angebot an Kindertagesstätten, Horten und Schulen. 91 Prozent sehen die kommunale Infrastruktur positiv. In der Summe führt das zu einer sehr großen Heimatverbundenheit. Über 90 Prozent geben insgesamt an, gerne in der Flughafenregion zu leben. Selbst bei den direkten Nachbarn sind es 88 Prozent. Betrachtet man die frühere Erhebungen, hat die Liebe zur Heimat unter dem Wachstum des Flughafens nicht merklich gelitten.

FMG-Chef Michael Kerkloh ist mit den Zahlen zufrieden. „Der Flughafen ist der Region ein vertrauter Nachbar geworden.“ Vielfache Verbindungen und Verflechtungen seien entstanden. Die Umfrage diene auch dem Bestreben, die Region gemeinsam zu entwickeln.

Hans Moritz

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