+
Kümmern sich am Flughafen um Odachlose: Jessica Gürtler und Markus Jaehnert (2. v. l.). Einer der Initiatoren dieses Streetworkings ist der evangelische Flughafen-Seelsorger Stefan Fratzscher (l.). Rechts im Bild: Martin Neukamm (r.), Leiter der Rummelsberger Brüderschaft und Vorstand der Rummelsberger Diakonie, wo Diakon Jaehnert ausgebildet wurde.  

Neues Streetworker-Projekt 

Gestrandet am Flughafen: Hilfe für Obdachlose

  • schließen

Der Mann zieht seinen Trolli durchs Terminal. Er trägt Jackett und Hemd, die Schuhe sind geputzt, über dem Arm hängt ein Trenchcoat. Ein Geschäftsreisender, wie man sie an jedem Flughafen der Welt zu Tausenden beobachten kann? Erst als er an einem Abfallbehälter anhält, blitzschnell den Arm hineinsteckt und eine leere Pfandflasche in seinem Koffer verschwinden lässt, weiß man, dass der Mann wohl nirgendwo hinfliegt. Er gehört zu den Obdachlosen, die den Flughafen als sicheren Ort gewählt haben.

Flughafen – Das Klischee, dass Menschen ohne festen Wohnsitz mit schmutziger, zerrissener Kleidung herumlaufen, passt am Flughafen München nicht immer. „Viele sind unauffällig gekleidet“, weiß Diakon Markus Jaehnert (46). Es ist der letzte Rest von Würde und oft Scham, die sie dazu bewegt, ihre Kleidung sauberzuhalten und auf die Körperhygiene zu achten. Der Flughafen bietet dafür gute Möglichkeiten – es gibt Toiletten, warmes Wasser, Waschgelegenheiten.

Wie viele Menschen den Airport als Heimat auf Zeit gewählt haben, weiß niemand genau. „Wir schätzen, dass 15 bis 20 Leute permanent hier leben“, erklärt Jaehnert. Hinzu kommen pro Jahr 80 bis 150 Menschen, die je nach Saison zeitweise hier unterkommen.

Ihretwegen ist Jaehnert am Flughafen. Mit Sozialarbeiterin Jessica Gürtler kümmert er sich seit November um die Gestrandeten. Nun wurden beide in einem Gottesdienst in der Flughafenkapelle offiziell mit ihren Aufgaben betraut.

Auftraggeber ist der Flughafen, dessen Sicherheits-Chef Alexander Borgschulze mit dem evangelischen Flughafen-Seelsorger Stefan Fratzscher das Streetworker-Projekt Mose ins Leben gerufen hat. „Mose steht für die Anfangsbuchstaben von ,Menschen ohne Obdach sozial eingliedern‘“, erklärt Fratzscher. Gleichzeitig erinnert der Name an den Propheten Moses, der in seinem Leben Höhen und Tiefen gleichermaßen erleben musste.

Die Kooperation zwischen kirchlichem Träger und Flughafenbetreiber in die Wege zu leiten, war nicht einfach. „Im Herbst 2014 mussten wir überlegen, wie wir die zunehmende Zahl an Obdachlosen bewältigen können“, blickte Borgschulze zurück. Man wollte sie nicht einfach des Areals verweisen, sondern sie unterstützen und ihnen im Idealfall zu einer neuen Bleibe verhelfen. Im April 2015 keimte die Idee auf, gemeinsam mit der evangelischen Kirche Streetworker einzusetzen. Bis zur Stellenausschreibung vergingen zwei Jahre. Ursprünglich sollten es zwei Diakone sein, die, wie Jaehnert, in der Rummelsberger Diakonie ausgebildet wurden. „Doch mit der Bewerbung von Frau Gürtler ist uns was viel Besseres passiert“, freute sich der Pfarrer.

Die 29-jährige Sozialpädagogin füllt eine halbe Stelle als Streetworkerin, die andere Hälfte übernimmt sie kirchliche Dienste in der Flughafenunterkunft für Asylbewerber. Ihr Kollege ist Erzieher, hat eine theologisch-pädagogische Sonderausbildung absolviert und blickt auf 17 Jahre Gemeindearbeit mit dem Schwerpunkt Streetworking mit Minderjährigen zurück.

Beide wissen, dass ihre Aufgabe nicht leicht ist. „Wir müssen Vertrauen aufbauen, bevor wir helfen können“, sagt Gürtler. Hilfe – das heißt eine Unterbringung außerhalb des Flughafens vermitteln oder Betroffene überzeugen, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Auch Migrationsberatung ist zuweilen nötig.

Die Arbeit trägt bereits Früchte: „Seit November konnte mit 27 Betroffenen Kontakt aufgenommen werden, zehn sind für eine Unterbringung oder Übernachtung nach außen vermittelt worden, vier ließen sich medizinisch versorgen“, so Borgschulze. Gürtler und Jaehnert stehen am Anfang ihrer Arbeit. „Für mich ist das eine neue Herausforderung“, sagt die junge Frau, „ich freue mich drauf“.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Flughafen München: Zöllner entdecken als Querflöte getarnten Degen
Illegale Fracht wird oft als Geschenk getarnt. Jetzt haben Zöllner am Münchner Flughafen wieder etwas Ungewöhnliches entdeckt.
Flughafen München: Zöllner entdecken als Querflöte getarnten Degen

Kommentare