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Helfen Nichtsesshaften am Flughafen: Diakon Markus Jaehnert und Jessica Gürtler vom Projekt Mose sowie Pfarrer Stefan Fratzscher (v. l.) im Terminal 1.

Obdachlose am Flughafen München

Gestrandet am Tor zur Welt

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Beim Streetworker-Projekt Mose der evangelischen Landeskirche  werden am Flughafen Obdachlose betreut.

Flughafen – Ein Flughafen ist ein Sehnsuchtsort, das Tor zur Welt, zu neuen Weiten. Diese Sehnsucht befällt nicht nur Reisende. Auch für Menschen ohne Obdach und Heimat ist ein Flughafen ein Anziehungspunkt, der viele Assoziationen weckt. Doch sie stranden hier – und mit ihnen geplatzte Träume.

Seit etwas mehr als einem Jahr werden Nichtsesshafte nicht mehr allein gelassen. Um sie kümmern sich seit November 2017 die Sozialpädagogin Jessica Gürtler und Diakon Markus Jaehnert. B

eide verkörpern das Projekt Mose – „Menschen ohne Obdach sozial eingliedern“. Hinter Mose steht die evangelische Landeskirche Bayern. Die Kosten übernimmt die Flughafen München GmbH.

Die Wohnungsnot nimmt immer mehr Menschen das Dach über dem Kopf. Einige Obdachlose suchen dann den Flughafen auf. „Im Winter ist es hier warm, und es gibt saubere Sanitäranlagen“, berichtet die 30-Jährige Sozialpädagogin, die vor Mose in der Flüchtlingshilfe gearbeitet hat. „Auch für Obdachlose ist ein Flughafen ein Sehnsuchtsort“, schildert sie. Einige genössen es, mit dem Strom der Reisenden zu schwimmen und so dazuzugehören. Viele hielten sich mit Flaschensammeln über Wasser. Gürtler hat aber auch die Erfahrung gemacht, dass gerade Frauen am Moos-Airport Schutz suchen. „Hier sind sie sicher, denn in den Terminals herrscht eine hohe Polizeipräsenz.“ Das Gros sei aber männlich.

Dennoch kann man den Flughafen nicht einfach als Wohnort wählen. Mitunter muss die FMG Platzverweise aussprechen und irgendwann Anzeige wegen Hausfriedensbruchs erstatten.

Doch auch bei der FMG reifte die Erkenntnis, dass es weder nachhaltig noch befriedigend ist, Wohnsitzlose zu vertreiben. So wurde im November 2017 Mose gegründet. Es ist, berichtet Gürtlers Kollege Markus Jaehnert, ein „niederschwelliges, aufsuchendes Angebot“.

Gürtler berichtet, dass man Nichtsesshafte in den Terminals oft nicht auf den ersten Blick erkenne. „Sie passen sich an und mischen sich unter die Passagiere.“ Darum beobachte man die Menschen eine ganze Zeit. „Wenn man jemanden immer wieder sieht, gehen wir auf ihn zu.“ Die Bandbreite, so Gürtler, sei groß. „Da gibt es Opfer zerbrochener Familien oder Arbeiter aus Osteuropa, deren Traum von einem neuen Leben geplatzt ist. Wir haben es aber auch mit Menschen zu tun, die alle paar Monate den Ort wechseln und durch die Welt ziehen.“ Ihnen bietet Mose Hilfe an.

Der Diakon erzählt, dass man dabei sehr behutsam vorgehen müsse. „Wir betrachten die paar Quadratmeter, auf denen sich ein Mensch befindet, als dessen Wohnzimmer. Das ist seine Privatsphäre“, so Jaehnert. Diesen Rat haben sie von den Kollegen der Teestube KOMM aus München bekommen. „Deswegen setzt man sich nicht einfach dazu und duzt sie. Es ist wichtig, den Obdachlosen Respekt entgegenzubringen.“ Dazu gehöre auch, sie nicht im Beisein von Passagieren anzusprechen.

Kommt der Kontakt zustande, spüren die beiden immer, dass kein Fall dem anderen gleicht. Gürtler berichtet, dass sie es immer wieder mit Suchtkranken zu tun hätten. „Wir bieten ihnen dann Beistand an, schauen, dass wir sie dort unterbringen können, wo ihnen geholfen wird. Das kann eine Suchtklinik, eine Therapieeinrichtung oder ein Wohnheim sein“, sagt die Sozialpädagogin. Häufig würden die Gestrandeten in umliegende Einrichtungen gebracht, wo sie ein festes Dach über dem Kopf bekommen. Manchmal reiche schon ein Notschlafplatz, etwa beim Kälteschutz. Auch Behördengänge würden unternommen. Deswegen, so Gürtler, habe man anfangs vor allem Kontakte geknüpft.

Mose steht für nachhaltige Hilfe. „Wir erleben oft einen Drehtüreffekt, den wir durchbrechen wollen“, so Gürtler. „Wer immer wieder wegen Hausfriedensbruchs angezeigt wird, landet irgendwann im Gefängnis. Und danach beginnt sich die Spirale von Neuem zu drehen.“

Anspruch sei, die Menschen dauerhaft aus der Obdachlosigkeit zu bringen und sie stabil die Gesellschaft zu reintegrieren.“

Auch wenn Obdachlosigkeit am Flughafen nicht so offensichtlich ist wie etwa am Hauptbahnhof, so ist sie doch ein alltägliches Problem. Jaehnert berichtet, „dass wir im ersten Mose-Jahr mit rund 100 Menschen Kontakt aufgenommen haben“. Das klappt nicht immer auf Anhieb. „Manchmal muss man zwei, drei Anläufe unternehmen“, so der Diakon, der früher Jugendzeltlager organisiert hat. Der 48-Jährige gibt aber auch zu: „Nicht jeden erreicht man.“ Aber dass jemand von der Polizei abgeführt wird, sei eher die Ausnahme.“

Jeahnert und Gürtler beklagen, dass es in der Flughafenregion zu wenig Unterkünfte für Obdachlose gebe und diese meist voll belegt seien. Sehr zufrieden sind sie mit der Zusammenarbeit mit der FMG. Mose sei gemeinsam mit der Konzernsicherheit aufgebaut worden. „Da sind wir auf offene Ohren gestoßen“, sagt der Streetworker. Man könne die Menschen nicht einfach vertreiben.

Diesen christlichen Ansatz hebt Flughafenpfarrer Stefan Fratzscher – Mose ist Teil der kirchlichen Dienste – hervor. Die Mose-Streetworker streifen von Montag bis Freitag von 8.30 bis 17 Uhr durch das Tor zur Welt. Sehnsüchte können sie nicht zur Realität machen, wohl aber Starthilfe in ein neues Leben geben.

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