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Die Mutter des Flughafenbabys mit ihrem Anwalt Adam Ahmed (l.) und einem Justizbeamten in Zivil.

Prozess um Flughafenbaby

Rechtsmedizinerin: Sie hatte ihr Baby in der Hand

Flughafen/Landshut – Im so genannten Flughafenbaby-Prozess hatten am zweiten Verhandlungstag die Sachverständigen das Wort. Die Anklage vor der Schwurgerichtskammer des Landshuter Landgerichts wirft der Kindsmutter versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung vor.

Für die Rechtsmedizinerin gab es keine Zweifel, dass die Angeklagte ihre Tochter, die später in einer Toilette entdeckt wurde, zuvor in der Hand gehalten hatte. Der psychiatrische Gutachter kam zu dem Ergebnis, dass sich die 24-Jährige zur Tatzeit zwar in einem Ausnahmezustand befunden, jedoch voll schuldfähig gewesen sei.

Dr. Bettina Zinka von der Rechtsmedizin der Uni München, stellte fest, dass die kleine Amelie – so heißt das bei Pflegeeltern lebende Mädchen – normal entwickelt gewesen sei, als es auf der Toilette zur Welt kam. Eine Landshuterin, die das Baby in der Toilette steckend entdeckt hatte, habe sofort Hilfe geholt. Der Atemstillstand war schon eingetreten, allerdings sei noch ein Herzschlag vorhanden gewesen. Klinisch sei Amelie tot gewesen. Durch die umsichtige Reanimation des Bundespolizisten, der zu Hilfe gekommen war, und Maßnahmen in der Haunerschen Kinderklinik, wurde sie gerettet.

Dies sei ein kleines Wunder. Denn die Körpertemperatur habe nur mehr 26 Grad betragen. Eigentlich seien 27 Grad schon tödlich. Auf Tötungsversuche durch Gewalteinwirkung habe es keine Hinweise gegeben, so die Gutachterin. Es habe sich nicht mehr feststellen lassen, ob Amelie bereits bei der Geburt die Nabelschnur um den Hals gehabt habe, oder ob sie ihr nachträglich um den Hals gewickelt worden sei; denn Nabelschnurumschlingungen kämen häufig vor.

Hier sei jedoch von Relevanz, dass die etwa 800 Gramm schwere Plazenta noch an der Nabelschnur gehangen und man versucht habe, sie wegzuspülen. Dadurch sei das Kind stranguliert worden. Die Auffindesituation mit der Plazenta im Klo unter dem Baby, lasse keine Zweifel, dass die Mutter das Kind in der Hand gehabt haben musste. Aktuell bestehe bei Amelie der Verdacht einer Hirnschädigung. Wie gravierend diese sei, lasse sich erst mit zunehmendem Alter feststellen.

Laut dem psychiatrischen Gutachter Dr. Bernd Weigel hat ihm die Angeklagte eine unauffällige Biografie geschildert: Nach der Mittleren Reife habe sie eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht, diese jedoch ohne Prüfung beendet. Danach habe sie Gelegenheitsjobs ausgeübt und gehofft, mit einem Au-Pair-Job in Dubai den Wiedereinstieg als Erzieherin zu schaffen.

Strafrechtlich relevante psychische Auffälligkeiten habe es nicht gegeben. Jedoch: „Die Schuld sucht sie immer bei anderen.“ Zur Schwangerschaft, so der Gutachter, habe sie ihm glaubhaft erzählt, nicht gewusst zu haben, wie weit sie sei und sich keine Gedanken über den Geburtszeitpunkt gemacht. An die Geburt könne sie sich nur insoweit erinnern, dass am Kassenautomaten des Parkhauses am Flughafen die Fruchtblase geplatzt sei und dann wieder an die Ankunft im Elternhaus in Heidenheim. Eine Verdrängung der Schwangerschaft liegt nach Angaben der Zeugen – vor allem des Kindsvaters – nicht vor. Gegen eine akuten Belastungsreaktion spreche ihr Verhalten nach der Geburt und die Aussage des Kindsvaters, dass sie beim Eintreffen im Elternhaus „gut drauf“, körperlich und psychisch unauffällig gewesen sei. Unter diesem Aspekt sei auch die partielle Amnesie nicht glaubhaft, so der Sachverständige.

Verteidiger Dr. Adam Ahmet hatte eine „Sturzgeburt“ ins Spiel gebracht und erwägt, ein gynäkologisches Gutachten zu beantragen.Vorsitzender Richter Markus Kring hingegen, legte der Erzieherin, die bisher schweigt, nahe, sich doch noch zu einer Aussage durchzuringen. Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt.  ötl

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