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34 von 4000: Alle zehn bis 14 Tage organisiert die Bundespolizei eine Sammelabschiebung abgelehnter Asylbewerber vom Balkan. Diese Maschine flog nach Tirana.

Sammelabschiebungen vom Flughafen München

Heimflug ins Ungewisse

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Flughafen - Voriges Jahr wurden über den Flughafen München 4000 Menschen in ihre Heimat abgeschoben. Technisch funktioniert das meist reibungslos. Doch wenn Menschen Deutschland verlassen müssen, platzen auch Träume. Wir waren bei einer Abschiebung dabei.

Der Traum von einem neuen Leben in Freiheit, Friede und Wohlstand in Deutschland platzt um 17.40 Uhr. Vor dem Terminal 1 des Münchner Flughafens rollt ein Airbus A319 in Richtung südliche Startbahn. An Bord: 34 Menschen aus Albanien und etliche Polizisten. Das Wetter - schön, der Himmel weiß-blau. Die Stimmung - grau, kühl, trist. Die 34 Passagiere fliegen nicht, wie Hunderttausende andere in diesen Sommerferientagen, vom Erdinger Moos in die schönste Zeit des Jahres. Nein, von einer Position auf dem Vorfeld geht es zurück in ein Leben, das die Familien mit Kindern, die jungen Männer und die Ehepaare hinter sich lassen wollten. Sie sind 34 von etwa 4000 abgelehnten Asylbewerbern, die pro Jahr von Deutschlands zweitgrößtem Flughafen abgeschoben werden. Ihr Flugzeug ist eines von etwa 40, die pro Jahr von den Behörden für Sammelabschiebungen ab München gechartert werden. Es sind 34 von 13.000 Ausländern, die seit Jahresbeginn das Land verlassen mussten. Eine gute Stunde später werden sie in Tirana landen. Was danach passiert? Ungewiss!

Der Flughafen ist eine Drehscheibe - für mittlerweile über 40 Millionen Passagier pro Jahr, aber auch für Tausende von Flüchtlingen. Der Flughafen ist eine Bühne, auf der man zuschauen kann, wie die deutsche beziehungsweise europäische Flüchtlingspolitik funktiert. Oder wie sie menschlich scheitert. 172 Menschen, darunter 35 Syrer, 18 Afghanen und 25 Iraker, haben zwischen September 2015 und Juni 2016 im Erdinger Moos Asyl beantragt. Diese Zahlen kann Albert Poerschke, Sprecher der Bundespolizei am Münchner Flughafen, im Schlaf aufsagen. Seine Kollegin Anna Voigt nennt die vom gleichen Zeitraum ein Jahr zuvor: Damals waren es 437, darunter 194 Syrer, 34 Afghanen und 19 Iraker. Poerschke und Voigt heben diese Nationen hervor, weil Staatsangehörige aus diesen Ländern gute Chancen haben, länger Schutz in Deutschland zu bekommen.

Bei den 34, deren Maschine in der tief stehenden Abendsonne verschwindet, war von Anfang an klar, dass sie so gut wie keine Chance haben, in Deutschland bleiben zu dürfen. Neben der EU, den anderen Westbalkanstaaten, aber zum Beispiel auch Ghana und dem Senegal gilt Albanien als sicherer Herkunftsstaat. Flüchtlinge aus den Balkanstaaten werden gesammelt - in Bayern, in Deutschland, in anderen europäischen Staaten. Sind genug beisammen, wird eine Sammelabschiebung organisiert. Der Flug nach Tirana ist so eine kollektive Rückführung. „Zurzeit wird alle zehn Tage bis zwei Wochen eine Maschine gechartert“, erklärt Poerschke.

Hier funktioniert die europäische Flüchtlingsverwaltung. Jede Sammelabschiebung ist ein logistischer und bürokratischer Kraftakt mit langem Vorlauf. Die Rückführung der Albaner ist eine Frontex-Maßnahme, erklärt Poerschke. Frontex, das ist die Grenzschutzbehörde der EU. Diesmal werden die Menschen aber nicht aus mehreren Ländern eingesammelt. Die Gruppe besteht ausschließlich aus Albanern, die nach Deutschland gekommen sind und hier ihr Aufenthaltsrecht verloren haben. „Viele werden von der Ankunfts- und Rückführungseinrichtung in Manching hierher gebracht“, berichtet der Bundespolizeisprecher. Von Beamten werden sie an den Flughafen eskortiert.

Nach außen erweckt nichts den Anschein, dass hier im Kleinen versucht wird, das Flüchtlingsproblem in den Griff zu bekommen. Der Airbus, der die Menschen in ihre Heimat zurückbringt, ist ein ganz normaler Ferienflieger. Die Fluggesellschaften achten peinlich darauf, dass ihr Name im Zuge einer Abschiebung nicht genannt werden. Ist wohl schlecht fürs Image. Christian Köglmeier, ein weiterer Sprecher der über 1000-köpfigen Bundespolizei am Flughafen München, erzählt: „Diese Flüge werden von einem Broker nach einer europaweiten Ausschreibung gechartert. Wenn genügend Ausreisepflichtige beisammen sind, rollt der Flieger an.

Die Passagiere werden in einen gesonderten Bereich des Flughafens gebracht. „An sich ist es das gleiche Prozedere wie bei jedem anderen Flug“, erklärt Poerschke. Auch die 34 Albaner geben ihr Gepäck auf, checken ein, gehen durch die Sicherheitskontrolle. Um kurz nach 17 Uhr holt ein weißer Gelenkbus die Fluggäste ab und bringt sie aufs Vorfeld. Seitlich am Bus: die Flugnummer und das Ziel - Tirana. Es könnte ein ganz normaler Flug sein.

„Die meisten Abschiebungen finden in regulären Linienmaschinen statt“, sagt Poerschke. „Muss ein Ausländer die Bundesrepublik verlassen, ist der erste Weg in der Regel der der unbegleiteten Rückführung.“ Das heißt: Der Ausreisepflichtige wird von der Bundespolizei zum Flieger gebracht. Schließen sich die Türen, ist der Fall für die deutschen Behörden erledigt. „Es gibt auch Fälle, in denen eine unbegleitete Alleinreise ausscheidet“, klärt Köglmeier auf. „In jedem Fall findet eine Gefahrenanalsyse statt. Es kommt schon mal vor, dass ein einzelner Abschiebehäftling von bis zu drei Beamten und sogar einem Arzt begleitet wird.“ In den Balkan setzen Bund, Länder und Europa vermehrt Chartermaschinen ein.

Bei dem Tirana-Trip ist freilich nichts normal, auch wenn die Stewardessen gleich Getränke und einen Snack servieren werden. Es handelt sich um eine Zwangsmaßnahme. Und deswegen sitzen nicht nur die 34 Abzuschiebenden in der Kabine, sondern auch weit über ein Dutzend Bundespolizisten. Sie sind in Zivil und tragen keine Waffe. „Beides ist an Bord immer ein absolutes Tabu“, erklärt Köglmeier. Lediglich eine blaue Armbinde mit der Deutschlandfahne und dem Aufdruck Police sowie ein Basecap mit dem Bundesadler und der Aufschrift Bundespolizei weist sie als Sicherheitskräfte aus. Vor und in der Maschine befinden sich weitere Polizisten.

Und wer zahlt das alles? Poerschke blickt in die tief stehende Sonne. „An sich gilt das Verursacherprinzip.“ Das heißt: Eigentlich müssten die Albaner zahlen. „Aber fassen Sie mal einem Nackten in die Tasche“, schiebt der Oberkommissar hinterher. „Am Ende kommt in der Regel der Steuerzahler dafür auf.“ Ob dieser Aufwand sein muss, wollen Poerschke und Köglmeier nicht diskutieren. Sie sagen nur so viel: „Sicherheit geht vor. Man hat als Staat eben eine gewisse Verantwortung und Garantenpflicht. Bei uns ist es noch nie zu einem Zwischenfall gekommen.“ Im Gegenteil: Viele Menschen brauchen vor der Abschiebung besonders viel Zuwendung und Aufmerksamkeit. Spätestens in der Abflughalle wir ihnen klar. Aus der Traum.

Die Bundespolizisten erleben aber auch das Gegenteil: „Es gibt Menschen, die freiwillig zurückkehren, weil sie mit falschen Erwartungen geflohen sind, weil ihnen leere Versprechungen gemacht wurden“, sagt Poerschke. Und Köglmeier hat es schon erlebt, „dass sich die Menschen am Ankunftsort in den Armen liegen, weil die Familie nach vielen Jahren wieder komplett ist, weil sie endlich ihre Oma wieder sehen“.

Die Gefühlslage der 34 Albaner lässt sich nur erahnen. Wer’s als Außenstehender zum ersten Mal erlebt, bekommt eine Gänsehaut. Als erstes verlassen Familien den Bus. Es scheint, als wüssten die kleinen Mädchen und Buben - ein Teddy in der einen Hand, Mama oder Papa an der anderen - gar nicht, was da vor sich geht. Eine Jugendliche wird mühsam im Rollstuhl die Gangway hochgebracht. Ein junger Mann winkt von der Treppe. Doch da ist niemand, dem der Gruß gilt. Es sind aber auch Männer darunter, die ihr Gesicht hinter dem Aktendeckel des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge verbergen. Vielleicht nicht ihre erste Ausweisung.

An den europäischen Flughäfen enden jeden Tag hochfliegende Pläne von einem Leben in Wohlstand und Sicherheit. Die großen Drehkreuze beflügeln aber auch die Gedanken so mancher Politiker. Etwa die von Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer, der im Oktober 2015 die so genannten Flughafenverfahren und die an den Airports angesiedelten Transitzonen als Vorbild dafür pries, wie man der massenweise Zuwanderung über die Balkanroute Einhalt gebieten könne. Indem man die Menschen gar nicht ins Land lässt, sondern sie durch die Transitzone schleust, und sie rasch wieder heimschickt, ohne dass sie je deutschen Boden betreten haben.

Am Flughafen platzen nicht nur die Träume vieler Flüchtlinge, sondern auch die der Politik. Wer die Transitzone am Moos-Airport sucht, muss sich gut auskennen. Denn den heruntergekommenen eingeschossigen Flachbau, der von hässlichem Maschendraht umgeben ist, findet man auf einem riesigen Parkplatz zwischen dem Testgelände von Audi, der Lufthansa Technik und der Hubschrauberstaffel der Bayerischen Polizei nicht leicht. Wartungsallee 6 lautet die Adresse. Viel kann hier nicht los sein.

Die Bundespolizisten stören sich bereits an dem Begriff Transitzone. Den Begriff gibt es so nämlich nicht, er ist vielmehr eine Wort-Erfindung Seehofers. Ein Transitbereich ist an sich nämlich ein streng abgegrenzter Bereich auf der Non-Schengen-Ebene in den nicht-öffentlichen Bereichen der beiden Terminals. Köglmeier, Poerschke und Voigt sprechen korrekt von der „Asylunterkunft am Flughafen“. Betrieben wird sie von der Regierung von Oberbayern, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) ist als Nutzer lediglich Gast.

Wenn es denn mal da ist. Ob Seehofer weiß, dass diese Unterkunft nur ein bis zweimal im Jahr belegt ist? Zugegeben, die Adresse Wartungsallee 6 ist im Erdinger Moos ein elementarer Bestandteil des so genannten Flughafenverfahrens nach Artikel 18a des Asylgesetzes. Angewendet wird dieser Paragraf - in den 90er Jahren bei der jüngsten größeren Flüchtlingswelle eingeführt - nach den Worten Köglmeiers ausschließlich an Flughäfen auf Flüchtlinge, die aus einem sicheren Herkunftsstaat kommen, oder die keinen gültigen Pass vorweisen können. Alle anderen kommen sofort in einer Erstaufnahmeeinrichtung, um dort ihren Asylantrag zu stellen.

627 Flüchtlinge im Flughafenverfahren waren es im gesamten vorigen Jahr in München, Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg und Berlin. Im Kern sieht der Paragraf 18a vor, dass das Bamf binnen zwei Tagen prüfen muss, ob ein Anrecht auf Asyl besteht. So lange wird dem Antragsteller untersagt, deutschen Boden zu betreten. Im Amtsdeutsch heißt das“faktische Nichteinreise“. Darf er nicht bleiben, kann er umgehend außer Landes gebracht werden.

Dass diese Form der Schnellabfertigung in der Praxis quasi keine Rolle spielt, hat einen einfachen Grund: Der Ansturm aufs Bamf ist zu groß. Denn Paragraf 18a Asylgesetz sieht mehrere Gründe vor, wann eine Einreise doch gestattet werden muss - etwa wenn das Bamf die Zwei-Tages-Frist nicht einhalten kann. So sieht die Realität aus: Es macht sich so gut wie nie jemand die Mühe, an der Wartungsallee 6 auch nur aufzusperren. In der Regel lässt das Bamf alle Flüchtlinge direkt nach München kommen.

Nach der Erstregistrierung durch die Bundespolizei mit Foto, Abnahme der Fingerabdrücke und vorläufiger Beschlagnahmung der Dokumente geht es aber nicht etwa im Streifenwagen zum Bamf, sondern in aller Regel mit der S-Bahn. Dass viele Flüchtlinge diese Gelegenheit nutzen, um unterzutauchen, um etwa zu Verwandten in Nordeuropa zu kommen, lassen die Bundespolizisten Poerschke, Köglmeier und Voigt unkommentiert. Ihnen ist wichtig: „Die Bundespolizei prüft keine Asylanträge“, versichert Köglmeier. Poerschke sekundiert: „Wir sind nur die ausführende Behörde.“ So werde etwa die Aufenthaltserlaubnis ausschließlich von den Ausländerbehörden beendet.

Und auf noch eine Unterscheidung legen die Grenzschützer Wert: Abgeschoben werden nicht nur Flüchtlinge. Auch jeder Tourist oder ausländische Arbeitnehmer, der sein Visum überzogen hat, muss die Bundesrepublik verlassen. Die Bundespolizisten können sich nicht in jedes Schicksal einfühlen. Dennoch liegt ihnen diese Feinheit am Herzen: „Nicht jeder Ausländer, der abgeschoben wird, ist ein Krimineller. Im Gegenteil: Oft sind es die ärmsten Hunde.“ Menschen, deren Traum von einem neuen Leben zerplatzt, diesmal an einem Abend im August - um 17.40 Uhr. Eine Viertelstunde später als geplant, denn die Hydraulik der Flugzeugtreppe versagt plötzlich ihren Dienst. Die Albaner werden sie dennoch nicht mehr heruntersteigen.

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