Der längste und letzte Luftikus aller Zeiten

Schluss mit luftig

Der Luftikus alias Dieter Priglmeir hat sich für die Flughafenseite um Themen gekümmert, die völlig aus der Luft gegriffen waren. Jetzt sagt er AIRrividerci.

Die dritte Start- und Landebahn gibt es schon längst. Sie liegt unter einem Rollrasen, der sich per Fernbedienung entfernen lässt.

Im postfaktischen Zeitalter dürfen wir das behaupten. Und auch jetzt schon, da wir uns am Flughafen noch in der rostfaktischen Ära befinden. Oder wie lässt sich sonst das 220 Tonnen schwere dahinkorrodierende Stahlkunstwerk von Alf Lechner erklären? Bevor auch noch die Witze in dieser Kolumne noch mehr Patina ansetzen (und weil der Autor den Tower gestern als „Leuchtturm“ bezeichnet hat), sagen wir lieber „Schluss mit luftig“. Deshalb: Anschnallen, Sicherheitshinweise durchlesen, Handy ausschalten – jetzt kommt der längste und letzte „Luftikus“ aller Zeiten.

Zu unserer Vorgehensweise: Wir haben sehr viel geraucht. Das Zeug aus den 68 000 Leitz-Ordnern voller Startbahn-Planfeststellungsunterlagen, die wir dazu verbrannt haben, hatte einen extrem hohen Teergehalt. Aber, hey Mann, wir haben es uns reingezogen, dazu „Come on baby, Leitz my fire“ gelallt und Airkenntnisse gewonnen, die wir den drei Teernören Kerkloh, Söder und Spohr zugespielt haben.

Fangen wir ausnahmsweise mal mit dem Anfang an.Ob früher alles besser war? Keine Ahnung. Aber lustiger. Selbst beim Absturz der Fokker 70 der Austria Airline sangen wir fröhlich „Ein Jet im Kornfeld“. Ist ja zum Glück nicht viel passiert. War ja nur so, dass der Pilot von AUA (offizielle Abkürzung, da können wir nichts dafür) entweder beim Blick auf die Spritanzeige relativ unhektisch reagierte („Dös göd sie no aus“) oder einfach nur eingangs erwähnte Geheimpiste ausprobieren wollte. Genau wissen wir es nicht. Nur eins ist klar: Ösi in Fokker – schlechte Idee; Ösi im Fiaker – schon besser; Döner-Ali in Boeing - perfekt. 

Das ist der Künstlername jenes Imbissladen-Besitzers, der einen Bösewicht per Tritt in den Hintern von Bord kickte und damit eine Flugzeugentführung noch auf dem Rollfeld beendete. Wir feierten mit und hätten beinahe Caesar zitiert. „Ali iacta est“– jaja, das ist falsch, weil ja nicht der Gefallene Ali hieß. Aber was tut man nicht alles für einen schlechten Wortwitz.

An dieser Stelle ein aufrichtiger Dank an Walter Villfür seinen Namen. Wir wissen nicht, ob er aus Villadelphia stammt oder aus Villach oder von den Strawberry Villds. In Spanien soll sogar ein Streit zwischen Villarriba und Villabajo über den Geburtsort des Airline-Gründers (Airy Ultra)  entbrannt sein. Aber eins hat er als Vizechef der FMG stets bewiesen. Er beherrscht die Klaviatur des Luftfahrtmanagements – von den Village People über Vill Collins bis zur Villharmonie.

Schwieriger hat es uns sein Chef gemacht. Michael Kerkloh? Was bitte soll man damit anfangen? Schlimm genug, dass es der Computer so trennt, wie er es gerade getan hat. Klo(h)? So weit wollten wir nicht abtauchen. Doch dann stürzten die Flugbewegungszahlen in den Keller. „Das Kerkloch“ nannten wir das. Hat sich aber nicht durchgesetzt, sondern „Wachstumsdelle“ – 1:0 für die FMG-Pressestelle. Das war die cleverste Untertreibung seit der so genannten „Tagesrandzeit“, jene Wortschöpfung aus der Willi-Hermsen-Ära.

Ach ja, der Airport-Willi (Willi; vgl. georgisch „Sohn des“) kam gern auf dem Fluglärmteppich dahergeflogen, erzählte uns Märchen aus tausend und einer Tagesrandzeit und kam mit der Krachledernen daher. Soll heißen: Er brachte Krach und lederte dann gegen das Umland ab, die S-Bahn könne nicht an jeder Milchkanne halten. Und dann hatte er jene Idee, die Edmund Stoiber verfeinerte („Sie steigen in den Hauptbahnhof hinein…“) und letztlich von der Chinesischen Schwebebahn-Union (CSU) abgekauft wurde. Warum der Transrapid in China läuft und bei uns nicht? Die hatten einen Chef namens Commander Wu. Das klingt nach James Bond, nach Abenteuer, nach großem Kino. Der Geschäftsführer der Bayerischen Magnetbahngesellschaft dagegen hieß: Gerhard Zeiselmaier – noch Fragen? Commander Wu vs. Zeiselmeier – Hund san’s scho, die von der CSU, von der chinesischen.

Womit wir bei den Vorstandsvorsitzenden der FMG wären.Es ist ein Zusatzamt der bayerischen Finanzminister, die lange nur bei offiziellen Anlässen auftraten. Vom ersten Spatenstich Gerold Tandlers für die geheime Rollrasen-Startbahn fehlt sogar jedes Bildmaterial. Inzwischen herrscht aber der Söderalismus. Es geht zu wie in Söder und Gomorrha. Ist nur halbwitzig, denn man sollte den Franken nicht unterschätzen – das wäre södlich.

Charismatiker gab es schon immer im Moos. Rudolf Wöhrl zum Beispiel, der die Deutsche BA in seinen Wöhrl-Pool aufnahm. Ein Euro hat er sich das damals kosten lassen. So san’s die Manager: Mit einem Euro setzte er eine ganze Boeing-Flotte in Bewegung – unsereiner bringt damit gerade einmal einen Einkaufswagen zum Laufen.

Übrigens: Für einen Euro kann sich jeder, der sich bei Internetbuchungen auskennt, Flüge nach halb Europa buchen. Wer allerdings den falschen Link anklickt, hat plötzlich einen Ein-Euro-Job bei Ryan-Air am Hals.

Deren Boss heißt Michael O’Leary – für Captain Kirk (wir fanden doch noch was für Kerkloh) ein ähnliches Rotes Tuch wie Christian Magerl. Warum? Der eine will im Moos landen, ohne dafür zu blechen. Der andere blenden, ohne dabei zu lachen. Hohoho, das war jetzt schon gemein. Schließlich ist der Mann angeblich schon Flughafengegner, seit er sich in den 1980ern geweigert hat, einen Krötenwanderungszaun neben einer tiefer gelegten Piste (wir sprachen davon) zu bauen. Seitdem überschwemmt er die Staatsregierung mit Anfragen (intern Magerl-Quark genannt).

Dafür nominieren wir ihn für den Oscar als wichtigsten Pistengegner.Hier die weiteren Kandidaten: die Stieglmeierin, die Helga, die Mutter Beimer des Startbahn-Widerstands, die die Aufgemuckt-Familie zusammenhält. Oder Hartmut Binner, The Voice. Der Mann, der jahrelang sagte, wo’s lang geht. Er ist ausgestiegen und bespricht jetzt angeblich Auto-Navis.

Und die Politik? Gibt’s da echte Kanten im Startbahnwiderstand? In Erding? Naja, die Herren kommen jetzt zumindest pünktlich zu den Sitzungen der Fluglärmkommission. In Oberding? Ähnlichkeiten von Mücke (so heißt der Bürgermeister) und AufgeMUCkt sind rein zufällig und schon gar nicht beabsichtigt. Dass es Berglern und nicht Berglärm heißt, verdanken wir dem dortigen Bürgermeister a. D., Herbert Knur, der allerdings mit seinem Vorschlag, auf jedes Flugticket einen Euro für das lärmgeplagte Umland draufzuschlagen, scheiterte. „Lärmtaler“ hatte er sie genannt. Krach-men wäre besser gewesen. Oder als Hommage an den Pionier des Flughafenwiderstands: VinCENTi. Den donnernden Oskar aus Eitting fürchtete die Luftfahrt mehr als jedes andere Tiefdruckgebiet. Ähnlich viel Respekt verdiente sich nur noch der Freisinger Ex-Landrat Manfred Pointner, Erfinder des Laserpointners, der die Dinge exakt auf den Punkt brachte.

Kein Vertrauen in die Politik? Angst, uns könnte vor lauter Wachstum tatsächlich mal der Himmel auf den Kopf fallen? Kein Grund zur Sorge, sooo schnell geht das auch wieder nicht. Die Luftfahrt bremst sich gern mal selbst aus – etwa der Betriebsrat mit seinem Evergreen „Let’s zwist again“. Oder isländische Vulkanasche stoppt die Fliegerei dermaßen, dass Jules Vernes „In 80 Tagen um die Welt“ eine ganz andere Bedeutung bekommt. Hektisch wurde die Security, als sich eine Katze am Airport verirrte. Man stelle sich nur vor, ein technisch gut ausgestatteter Hund schafft es dank Google Mops auf die Bahn. Unwahrscheinlich, dass landende Piloten das mit dem Andoggen falsch verstehen. Aber was, wenn der Köter zu buddeln beginnt und die Geheimstartbahn – hatten wir sie schon erwähnt? – ausgräbt? Und nicht nur die, sondern die komplette Infrastrukutur mit dazu. Die wurde natürlich in den früheren 1980ern auch schon miteingebaut: also die Kabel fürs Bildtelefon, die CD-Wechselstation fürs Bordprogramm („Kuschelrock 135“, „Pacman classic“), die Ablaufrinne für alle Aschenbecher im Flieger und die Andockstellen fürs Hoverboard?

Liebe Leser, Sie haben es gleich geschafft. Das Ende naht, aber zum Schluss noch ein Geständnis: Wir lieben die Luftfahrt, ihre Flugzeuge – Jet t’aime, wie wir Halbfranzosen sagen. Aber jetzt wird es Zeit, das mit der Geheimbahn endlich zu klären.

Deshalb tauscht der Luftikus nun die spitze Feder mit einem Spaten und wird ins Moos stechen. Als erster Airchäologe wird er die Piste freilegen – und das ganze Gedöns drum rum, also die Werbebanner, das Bundesgrenzschutzhäuserl, wo die Visa nach Jugoslawien und die Sowjetunion schon bereitliegen. Und dann entdeckt er den Knopf für das Taferl am Ende der Bahn. Das haben die Informatik-Streber vom Gymmi – 30 Jahre vor Erfindung des P-Seminars – mit Fischer Technik gebastelt. Ein Knopfdruck, und es leuchtet – in grüner Elektronikschrift – der coolste Abschied der 1980er: TSCHÜSSIKOWSK!I

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