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Terminal 1 wird auch ohne Air Berlin ausgebaut

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Flughafen-Chef Michael Kerkloh im InterviewDie Insolvenz von Air Berlin und Niki trifft  auch den Flughafen München - vermutlich bis weit in 2018 hinein. Das zu Ende gehende Jahr war geprägt von der 25-Jahr-Feier im Mai. Was die Flughafen München GmbH künftig an Events plant, wo gebaut wird und wie sich der Moos-Airport hinsichtlich der dritten Start-und Landebahn hin entwickelt, verriet Flughafenchef Dr. Michael Kerkloh (64) im Jahresinterview. 

-Herr Kerkloh, wo wird der Münchner Flughafen bei Passagier- und Flugzahlen heuer landen?

Michael Kerkloh:Wir rechnen unterm Strich für 2017 mit deutlich mehr als 44 Millionen Passagieren und etwas über 400 000 Starts und Landungen.

-Entspricht das den Prognosen?

Kerkloh: Bei den Passagieren durchaus, aber bei den Starts und Landungen werden wir etwas unter den Erwartungen liegen. Hier macht sich vor allem das Aus der Air Berlin, aber auch die Niki-Insolvenz bemerkbar.

- Wie deutlich spüren Sie denn den Crash der beiden Airlines?

Kerkloh: Bei der Anzahl der Flüge ist es schon deutlich spürbar. Wir haben eine Delle. Bei Air Berlin werden es übers Jahr gerechnet 3000 bis 4000 Flugbewegungen sein, bei Niki deutlich weniger. Nun geht es darum, wie schnell neue Mitbewerber übernehmen können. Es wird aber einige Zeit dauern . . .

-. . . wann ist die Delle wieder ausgebeult?

Kerkloh: Bis andere Airlines alles kompensiert haben, können schon neun bis zwölf Monate vergehen. Die Angelegenheit ist nicht ganz unkompliziert – wegen der Kartell- und Wettbewerbsthemen auf europäischer und deutscher Ebene. Die neuen Eigentümer müssen auch erst Personal aufbauen und die Verbindungen organisieren. Bei Linienverbindungen ist das deutlich komplizierter als bei Charterflügen. Und Air Berlin war hauptsächlich ein Linienflieger. Aber klar ist auch: Die Nachfrage ist weiter vorhanden.

-Inlandsflüge sind wegen Kapazitätsengpässen zurzeit deutlich teurer. Schadet das dem Flughafen?

Kerkloh: Was wir derzeit besonders deutlich erleben, ist der Markt – Angebot und Nachfrage. Lufthansa setzt aber etwa nach Berlin deutlich größerer Flugzeuge wie die A 340 ein, auch wenn das nicht immer wirtschaftlich ist. Das Preishoch dauert noch ein bisschen an. Aber ab Januar dürfte es wieder zurückgehen.

- Wie schmerzhaft ist der ICE auf der Schnellstrecke München-Berlin für Sie?

Kerkloh: Die wichtigste Botschaft ist doch, dass in Deutschland mal eine Infrastrukturmaßnahme fertig geworden ist. Dass es da noch ein paar Kinderkrankheiten gibt, ist auch klar. Es ist ein zusätzliches Angebot. Wir haben es in unseren Prognosen mit berücksichtigt. Ja, es wird einen Effekt auf den Luftverkehr geben. Aber der wird nicht so groß sein, wie manche glauben. Die Zahl der Flüge zwischen München und Berlin wird auf dem bestehenden Niveau bleiben.

-Welche Konsequenzen hat die Pleite von Air Berlin für Ihre Pläne, das Terminal 1 zu erweitern?

Kerkloh: Der Ausbau ist davon unberührt. Ohne das Aus von Air Berlin hätte es zumindest in einer Übergangsphase Kapazitätsprobleme gegeben, da der Ausbau neben dem Modul A erfolgen soll, das von dieser Fluggesellschaft genutzt wurde. Die Planungen sind weitgehend abgeschlossen. Wir reden hier von einem neuen Flugsteig, der insgesamt zwölf Andockpositionen bietet, zwei davon für die A 380 . . .

-. . . und das brauchen Sie jetzt alles noch?

Kerkloh: Im Mittelpunkt steht nicht der Kapazitätsausbau. Vieles von dem was, ein modernes Terminal heute können muss, kann das T1 nicht mehr. Die Hallen sind zu klein, wir haben heute ganz andere Sicherheitsanforderungen. Es geht um einen Qualitätssprung, auch bei Lounges und Geschäften. In den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten haben wir uns vor allem um das Terminal 2 gekümmert, das jetzt als das beste der Welt gilt.

-Wie sieht der Zeitplan aus?

Kerkloh: In der ersten Hälfte des kommenden Jahres brauchen wir erst einmal die Entscheidung unserer Gesellschafter. Dann können wir loslegen.

-Apropos Terminal 2. Laut Lufthansa ist die Kapazitätsgrenze im Satelliten mit elf Millionen Passagieren bereits so gut wie erreicht. Planen Sie schon die zweite, T-förmige Ausbaustufe?

Kerkloh: Dieser Schritt ist in der baulichen Planung bereits mitgedacht. Ob die Erweiterung bereits notwendig ist, müssen wir prüfen. Das braucht aber einigen Vorlauf, weil wir dann auch die Gepäckförderanlage erweitern müssen. Das Terminal 1 hat jetzt Priorität.

-Zuletzt war immer wieder die Kritik zu hören, die Passagiere müssten zu lange aufs Gepäck warten.

Kerkloh: Im Sommer hatten wir leider in der Tat Probleme. Da hatten wir zu wenig Leute. In der Sommerspitze sind wir vom Ansturm überrascht worden – auch bei der Abfertigung, den Sicherheitskontrollen und in den Parkhäusern. Damit hatten wir so nicht gerechnet. Das Kofferproblem ist weitgehend gelöst. Was die Sicherheitskontrollen betrifft, muss man natürlich auch die aktuellen Bedrohungslagen berücksichtigen. Es wird bei uns sehr, sehr sorgfältig kontrolliert. Das begrüße ich explizit.

-Eurowings, Easyjet, Ryanair – erleben wir im Moos eine Trendwende hin zu Billigfliegern?

Kerkloh: Nein, das ist kein Paradigmenwechsel. Diese Entwicklung gibt es schon länger. Die Low-Cost-Carrier werden stärker, sie generieren – europaweit betrachtet – das stärkste Wachstum. Bei uns läuft das analog zur Expansion der Lufthansa. Das wird man ab dem Frühjahr erleben, wenn Lufthansa mit der A 380 zu uns kommt. In München wird der Anteil der günstigen Anbieter erstmals über zehn Prozent steigen. Es gibt in Deutschland Flughäfen mit 40 Prozent wie Hamburg oder gar 70 Prozent wie Köln.

-Reden wir über die dritte Startbahn. Ihr Lufthansa-Kollege Wilken Bormann meint, es reiche, wenn die Piste Mitte des nächsten Jahrzehnts fertig ist. Sehen Sie das auch so?

Kerkloh: Der Bedarf ist jetzt schon da. In zehn von 16 täglichen Betriebsstunden sind wir voll. Aber selbst, wenn es jetzt losginge, bräuchte es fünf Jahre, bis uns die Bahn zur Verfügung steht. Wir argumentieren ja nicht für eine Lösung für die nächsten zwei, sondern mindestens für die nächsten 30 bis 50 Jahre.

-Die FDP hat neulich von einer vierten Bahn gesprochen . . .

Kerkloh:  . . . ich weiß nicht, ob das ernst gemeint war, aber daran denken wir nicht einmal.

-Wie lange gilt die Baugenehmigung denn noch?

Kerkloh: Da sehe ich keine Schwierigkeiten. 2015 bekamen wir vom Bundesverwaltungsgericht eine bestandskräftige Genehmigung. Ein Planfeststellungsbeschluss gilt zehn Jahre.

-Was halten Sie denn vom Gedanken Horst Seehofers, die FMG in eine AG umzuwandeln, um die Startbahn am Widerstand der Stadt München vorbei realisieren zu können?

Kerkloh:Das ist Sache der Politik. Bisher sind wir als GmbH gut gefahren. Blickt man in die Geschichte, konnten wir uns auch so entwickeln, wie es gut für den Flughafen war.

-Freuen Sie sich auf den neuen Ministerpräsidenten Markus Söder? Geht’s dann schneller mit dem Ausbau?

Kerkloh: Markus Söder war immer ein klarer Befürworter des Ausbaus, und ich bin davon überzeugt, dass er das auch bleibt.

-Die Gegner haben ein neues Feld: Die Belastung mit Ultrafeinstaub. Wie wollen Sie damit umgehen, zumal es wissenschaftlich unterschiedliche Sichtweisen über das Gefährdungspotenzial gibt?

Kerkloh: Das betrifft ja nicht nur Flughäfen. Es gibt auch viele andere Quellen. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse reichen jedenfalls noch nicht aus. Es fehlen Grenzwerte und anerkannte Messverfahren. Man kann das natürlich schnell und gut skandalisieren. Wir brauchen mehr Untersuchungen. Aber grundsätzlich gilt: Auch bei der Luftreinhaltung wollen wir ein Five-Star-Airport sein.

-Was geschieht 2018 beim S-Bahn-Ringschluss?

Kerkloh: Klar ist, 2018 wird sich im Osten was tun. Wir werden mit der Tunnelverlängerung beginnen. Jeder spürt: Allen ist es ernst, dass diese Lücke geschlossen wird. Dafür nimmt der Flughafen über 100 Millionen Euro in die Hand. Das Interview in einem Jahr können wir im Zug führen, der über die Neufahrner Kurve direkt in den Flughafen einfährt – eine historische Premiere.

-Bis 2030 soll der Flughafen CO2-neutral sein. Wo stehen Sie heute?

Kerkloh: Wir haben beispielsweise in den vergangenen zwei Jahren mehr als 25 000 Tonnen CO2 eingespart. Da passiert sehr viel: Beim Satelliten sparen wir 40 Prozent Energie ein. Wir haben einen Großteil unserer Beleuchtung auf LED-Systeme umgestellt. Der Klimaschutz ist ein strategisches Unternehmensziel für uns. Wird zu wenig gespart, gibt es für die Verantwortlichen weniger oder gar keine Boni. Wir binden alle Beteiligten ein. Zum Beispiel sind die Airlines angehalten, bei den Standzeiten am Boden die Stromversorgung und Klimatisierung des Airports zu nutzen, um nicht unnötig Kerosin zu verbrennen.

-Was war Ihr Höhepunkt bei den Jubiläumsfeierlichkeiten?

Kerkloh: Das war zunächst mal das Campusfest für alle Mitarbeiter am Flughafen, sei es bei Airlines, Behörden oder bei uns. Hier hat man besonders schön erlebt, wie viele Rädchen am Flughafen ineinandergreifen damit alles funktioniert. Aber sehr schön war auch unser Nachbarschaftsfest.

-Auf was können wir uns 2018 freuen?

Kerkloh: Es wird wieder ein Musikfestival und die Family Days im Besucherpark geben. Wenn die A 380 kommt, werden wir das natürlich auch feiern. Und dann ist da noch die Fußball-WM, die wir mit einem Public Viewing im MAC begleiten werden.

-Was machen die Wohnbauprojekte in Hallbergmoos und Oberding?

Kerkloh: Hallbergmoos ist entschieden. Da mieten wir in einem neu entstehenden Bürogebäude rund 130 Apartments an,die allerdings nur befristet als Wohneinheiten vermietet werden dürfen Auch in München mieten wir ein Objekt an. Interessant ist, dass die Wohnungsnot in aller Munde ist, aber wenn wir uns als Flughafen dann konkret engagieren wollen, schlägt uns oft große Skepsis entgegen. Es ist komplizierter als wir dachten. Es scheitert nicht am guten Willen, sondern an den Debatten in den Gemeinden. Grundsätzlich gilt: Durch Nichtstun werden wir das Wachstum nicht aufhalten.

-Wie weit ist die Airsite gediehen, die Flughafenstadt entlang der Nord- und der Zentralallee?

Kerkloh: Wir haben das Baufeld bereitet, was sicher nicht zu übersehen ist. Als erstes werden die Versorgungsleitungen verlegt. Der eigentliche Startschuss ist im März, Es geht um Forschungs und Innovationseinrichtungen mit namhaften Beteiligten, die sich mit Mobilitäts- und Digitalisierungsthemen beschäftigen. Unsere eigene Akademie holen wir aus Schwaig zurück. Neben dem Novotel schließen wir eine Nachfragelücke – ein günstiges Hotel. Ibis wird zum Zuge kommen. 2019 soll es losgehen. Und westlich des Besucherparks wird eine Flying World entstehen. All das zeigt: Es sind keine Ansiedelungen, die Konkurrenz zur Region darstellen, sondern Ergänzungen.

-Zum Schluss noch ein paar Zahlen: Wie sehen die Prognosen für 2018 aus?

Kerkloh: Die Flugbewegungen werden sich auf dem Niveau von 2017 bewegen, vielleicht etwas darüber. Das liegt, wie gesagt, an Air Berlin und daran, wie schnell deren Flüge von Anderen übernommen werden. Bei den Passagieren rechne ich 2018 mit einem erneuten Wachstum zwischen drei und vier Prozent auf über 46 Millionen.

Das Gespräch führte Hans Moritz.

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