Eine Woche war Bihler zu Gast in einer Jugendeinrichtung in Kiew, wo Kriegswaisen betreut werden.

20 Jahre Flughafenverein

Vom Weltrekordler zum Lebensretter

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Flughafen - Was mit einem Eintrag ins Guinness-Buch begann, ist zu einer Initiative geworden, von der Menschen auf der ganzen Welt profitieren.

Nicht alles fängt klein an, denn der Start war gleich ein Weltrekord. Nach einem Besuch in der Behindertenwerkstatt im Kloster Attl knüpften 60 Flughafenbedienstete den größten Fleckenteppich der Welt. 78 Meter – der Teppich wurde so hoch wie der Tower und dann stückweise für über 17 000 Mark versteigert. Das brachte einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde und die Akteure auf die Idee, einen Verein zu gründen. Er hieß „Mit Sicherheit für eine gute Sache“ und war laut Thomas Bihler weltweit der erste Benefizverein an einem Flughafen. Inzwischen ist er der Vorsitzende jenes Vereins mit 500 Mitgliedern, der sich der Einfachheit halber kurz „Flughafenverein München e.V.“ nennt.

Ansonsten machen es sich Thomas Bihler und sein Team – darunter Marianne Huber, Nadja Fellermeier, Eva-Maria Mittermaier, Theodor Kunze und Christine Steinlehner – nicht leicht. In den vergangenen 20 Jahren haben sie eigenen Angaben zufolge über 3,5 Millionen Euro an Sach- und Geldspenden für Hilfsprojekte und Einzelfallhilfen in der Flughafenregion und an internationalen Brennpunkten zur Verfügung gestellt.

„Unbürokratisch und schnell“ – das sind laut Bihler die Stärken des Flughafenvereins. Das fange mit der Waschmaschine an, die der Verein einer älteren Frau aus der Region besorgt. „Am Nachmittag hat der Ehemann einer Mitarbeiter von uns die Geräte schon angeschlossen“, erzählt Bihler, der schon mal „mit einem Koffer voll Geld“ in ein Krisengebiet fliegt, wie etwa nach dem Hochwasser an der Elbe, als er 65 000 Euro an die verteilte, die alles verloren hatten.

50 Euro – „Das ist für meinen Sarg“

In den vergangenen Wochen war sein Team in Simbach unterwegs, übergab zehn Familien je 500 Euro – „das ist immerhin ein Drittel von dem, was der Freistaat an Soforthilfe leistet“, sagt Bihler. 200 000 Euro sammelte der Verein alleine für die Opfer der Flutkatastrophe in Bayern im Juni 2013.

Auslandseinsätze sind fast schon Tagesgeschäft. Für Maßnahmen wie die Hilfsaktionen zu den Flutkatastrophe in Sri Lanka und Haiti richtet der Verein Sonderkonten ein. Seit acht Jahren gibt es die Lettland-Hilfe. „Wir werden noch im Juni rund 20 Tonnen Hilfsgüter in strukturschwache Regionen transportieren und dort an Bedürftige sowie Alten- und Pflegeheime verteilen.“ kündigt Bihler an, der von einem ehemaligen Nuklear-Ingenieur erzählt. „Der schwerkranke, halbblinde Mann war vom Staat schlichtweg vergessen worden. Er bekam keine Rente“, erzählt Bihler. „Als er von mir Scheine im Wert von umgerechnet rund 50 Euro bekam, steckte er das Geld in seine Matratze und sagte: ,Das ist für meinen Sarg und die Beerdigungskosten.‘ Wochen später ist er tatsächlich gestorben.“ Neben insgesamt 100 Tonnen Hilfsgütern für Lettland unterstützt der Verein auch die Ukraine – insbesondere das Kinderkrankenhaus der „Vergessenen Kinder“ in Kiew mit medizinischem Gerät.

Auch Erol Sander packt mit an

Immer wieder bekommt Bihler auch Unterstützung von Prominenten. Als Erol Sander von der Hilfsaktione für die vom Erdbeben stark betroffenen Menschen in Van/Türkei hörte, packte er gleich selbst mit an. Kai Pflaume besucht für den Benefizverein Erdinger Schulen, um für die Stiftung Sehnsucht zu trommeln. Denn auch in der Flughafenregion engagiert sich der Verein beispielsweise in den Bereichen der Alten- und Flüchtlingshilfe sowie auch der Jugendpflege.

Aber für auch Einzelschicksale wird gesammelt: zum Beispiel als ein Flughafenfeuerwehrmann an Leukämie erkrankt und der Verein eine Typisierungsaktion organisierte. Auch für einen 17-Jährigen, der seit einem Unfall beim Kitesurfen vom Hals weg gelähmt ist, war Bihlers Team da. Jüngst erfüllte der Flughafenverein dem sechsjährigen Jonas, der wegen einer Immunkrankheit in der Münchner Hospiz ist, einen Herzenswunsch. „Er wollte unbedingt einmal fliegen“, erzählt Bihler, der ihn dann an Bord einer Maschine nach Hamburg nahm. „Und eine Hafenrundfahrt gab’s gleich noch dazu.“

80 Prozent ihrer Aktionen seien stille Hilfen. „Wenn wir jemanden einen Arbeitsplatz beschaffen, eine Wohnung für eine misshandelte Frau suchen oder Beerdigungskosten übernehmen, dann hängen wird dies nicht an die große Glocke“, sagt der Vorsitzende. Aber natürlich solle die Öffentlichkeit schon erfahren, was mit den Geldern passiert. Dass der Verein vertrauensvoll damit umgeht, bekam er vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) mit dem DZI-Spenden-Siegel bescheinigt. „Es handelt sich um das anerkannteste Qualitäts- und Vertrauenssiegel für seriöse Spendenorganisationen im deutschen Spendenwesen“, heißt es in einer Pressemitteilung des Vereins. Damit sei nun auch offiziell, „dass wir einen sorgfältigen, transparenten und zweckgerichteten Umgang mit den Spendengeldern gewährleisten“.

Dieter Priglmeir

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