Haben ihren Laden im Griff: Ludwig Wörmann und Michaela Ogorelica. foto: Claudia Bauer

25 Jahre Jugendtreff Allershausen

25 Jahre Jugendtreff Allershausen: Größte Herausforderung ist der nächste Tag

Seit 25 Jahren gibt es den Jugendtreff Allershausen offiziell. Zum Ende des Jubiläumsjahres hat sich das FT mit dem Leiter des Jugendtreffs, Ludwig Wörmann, und seiner Kollegin Michaela Ogorelica über ein Vierteljahrhundert Jugendarbeit unterhalten.

Allershausen – Herr Wörmann, Sie sind seit 25 Jahren Leiter des Jugendtreffs. Was waren rückblickend die Meilensteine für Sie?

Wörmann: Die ersten Jahre habe ich eine offene Jugendgruppe geleitet, die war damals im Pfarrheim untergebracht. Nach einer Versuchsphase von zwei Jahren wurde der Jugendtreff offiziell und ich hauptamtlich als Sozialarbeiter eingestellt. Das war der erste Meilenstein und der offizielle Startschuss für den Ausbau der Jugendarbeit in der Gemeinde.

-Und dann ist der Jugendtreff in das alte Rathaus umgezogen, wo er ja auch heute noch beheimatet ist.

Wörmann: Das war 1994. Zuerst hatten wir nur zwei Räume. Als dann die Gemeinde ins neues Rathaus gezogen ist, haben wir das ganze Erdgeschoss bekommen. Etwa zeitgleich entstanden die ersten Mini-Job-Stellen, damals auf 630-Mark-Basis. Mit dieser Entwicklung war ganz klar, dass die Gemeinde den Jugendtreff etablieren will. Das war ein zweiter wichtiger Meilenstein aus meiner Sicht.

-Es folgte eine zweite hauptamtliche Stelle.

Wörmann: Richtig, im Jahr 2000 hat die Gemeinde entschieden, mir Verstärkung an die Seite zu stellen. Mit der räumlichen Erweiterung Ende der 1990er Jahre wuchsen auch die Möglichkeiten in der Jugendarbeit, die ich als Einzelkämpfer nicht hätte ausschöpfen können.

-Welchen Unterschied macht es, dass Sie heute zu zweit sind?

Wörmann: Man kann das fast mit einem alleinerziehenden Elternteil vergleichen. Es geht alleine, aber zu zweit ist es doch leichter. Man kann sich austauschen, es hilft einem, sich und seine Arbeit zu reflektieren, man kann Kritikern besser begegnen und den Jugendlichen in ihren Bedürfnissen besser gerecht werden.

-Spielt dabei auch eine Rolle, dass Sie ein Mann-Frau-Duo sind?

Ogorelica: Ich denke das macht einen großen Unterschied. Es gibt einfach Themen, die die Jugendlichen lieber mit Frauen besprechen. Das erleben wir immer wieder. Und das sind nicht nur die Mädchen. Außerdem können wir so die männliche und weibliche Sicht auf Probleme und Konflikte abdecken.

Wörmann: Es geht natürlich auch mit einem Geschlecht, aber so ist es schon eine große Bereicherung.

-Ich könnte mir vorstellen, dass das auch hinsichtlich der hohen Trennungsrate von Eltern eine Rolle spielt, die väterliche und die mütterliche Seite abzudecken.

Ogorelica: Wir können die Elternteile natürlich nicht ersetzen. Aber vielleicht ein bisschen ergänzen und ein wenig von den Bedürfnissen abdecken, die bei Trennungskindern manchmal zu kurz kommen.

Wörmann: Und manchmal gibt es Jugendliche, die wollen zum Beispiel nicht mit einem Mann reden, weil sie Probleme mit ihrem Vater haben und umgekehrt. Da bekomme ich zum Beispiel manchmal die Wut ab, die eigentlich dem Papa gilt. Aber das ist ok. Wenn ich da an früher denke: Da war eine getrennte Familie die Ausnahme. Heute sind fast weniger als die Hälfte unserer Jugendlichen aus intakten Familien.

-Was hat sich denn aus ihrer Sicht sonst noch stark verändert und nimmt Einfluss auf ihre Arbeit?

Wörmann: Die neuen Medien, das Handy, das Internet. Das hat auf jeden Fall Einfluss, und damit umzugehen, ist auch in der Jugendarbeit eine Herausforderung.

Ogorelica: Manchmal sitzen sie zu fünft nebeneinander und spielen am Handy.

Wörmann: Ja, früher war es einfach etwas geselliger. Man muss heute die Jugendlichen konkreter zu gemeinsamen Aktivitäten auffordern. Wenn sie dann mitmachen, haben sie auch Spaß dran. Und natürlich muss man sich auch mit den Informationen und Angeboten im Internet auseinandersetzen, um die Jugendlichen schützen zu können. Wir haben uns in Absprache mit der Gemeinde gegen einen Hot Spot vor unserer Einrichtung entschieden. Über unser hauseigenes Wlan habe ich aber weiterhin die Kontrolle.

-Sie sagten, es war geselliger. Es hat sich also auch etwas am Umgang miteinander verändert?

Wörmann: An der Kommunikation, ja. Heute wird ja alles sofort gepostet und geteilt. Wenn die Jugendlichen Stress oder Streit haben, teilen sie das im Netz mit. Zwei Tage später tut ihnen das vielleicht leid, aber dann ist es zu spät. Unsere Aufgabe ist auch, die Kommunikation untereinander zu fördern und ein gutes Beispiel zu sein.

-Die Jugend steht ja gern einmal in der Kritik und bekommt zu hören, sie sei schlimmer als je zuvor. Ihre Meinung dazu?

Wörmann: Die Jugend ist und war schon immer die Gleiche. Sie haben die gleichen Ängste, die gleichen Fragen, die selben Sorgen. Das ist bei unserer Jugend heute nicht anders. Im Gegenteil, heute haben sie mit viel mehr Einflussfaktoren zu kämpfen, wie eben das Internet. Und auch die Anforderungen an die jungen Menschen sind größer geworden.

Ogorelica: Wenn ich da an die Umstellung auf die Ganztagsschule denke, merke ich das schon in den drei Jahren, die ich jetzt hier bin.

-Wie macht sich das bemerkbar?

Ogorelica: Die Jugendlichen sind einfach ausgepowert. Ganztagsschule, Nachhilfe, all das nimmt die Kids mehr in Anspruch. Sie kommen weniger zu uns und sie wollen weniger geplante Termine und feste Angebote. Da ist schnell die Luft raus. Ich habe den Eindruck, dass das Bedürfnis nach echter „Freizeit“ größer geworden ist. Wir wollen den Bedürfnissen der Jugendlichen Rechnung tragen.

-Apropos Kritik: Wie steht es denn um das Ansehen ihrer Arbeit in Politik und Gesellschaft?

Wörmann: Da hat sich viel getan. In meinen Anfängen gab es wenige Befürworter und viele Kritiker. Heute ist das umgekehrt. Und mit dem Rückhalt der Gemeinde kann man Kritikern auch ganz anders begegnen. Für die Gemeinde steht die Sinnhaftigkeit unserer Einrichtung heute außer Frage. Das zeigt sich auch an der Budget-Erhöhung, die wir heuer erstmals bekommen haben. Heute ist klar, dass offene Jugendarbeit nicht bedeutet, dass die Jugendlichen nur rumhängen, rauchen und saufen.

-Die gesellschaftlichen Veränderungen haben, sicher auch Einfluss auf ihre Arbeit, oder?

Wörmann: Der Flughafen, die Flüchtlinge – wir haben es heute mit vielen Lebenshintergründen zu tun. Das bringt neue Anforderungen und Aufgaben mit sich. Aber unsere Jugendlichen sind dem gegenüber offen.

Ogorelica:Integration aber auch Inklusion sind ein wichtiges Thema. Wir haben eine Kooperation mit der Lebenshilfe. Eine Jugendgruppe besucht uns regelmäßig.

-Und wie klappt das?

Ogorelica:Problemlos. Unsere Jugendlichen sind offen, interessiert und einfühlsam. Selbst die eher anstregenderen unter ihnen verhalten sich gegenüber den Jugendlichen mit Behinderung respektvoll und neugierig. Da sind wir auch stolz auf sie.

-Zum Abschluss ein Blick in die Zukunft. Welche Herausforderungen sehen Sie da auf sich zukommen?

Wörmann:Die größte Herausforderung ist immer der nächste Tag. Verwaltung, Konfliktlösung, die Sorgen der Jugendlichen, die Sorgen der Eltern. Das ist der tägliche Wahnsinn wie in jeder Familie.

-Und was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihres Jugendtreffs?

Wörmann: Dass die Kids weiterhin einen Draht zu uns finden und zu uns kommen. Wir wollen die Möglichkeiten, die wir hier haben, nutzen und wir bieten viele Chancen zu lernen und zu erfahren, vor allem im zwischenmenschlichen Bereich. Und ich wünsche mir, dass sich mehr Erwachsene einmal den Jugendtreff und unsere Arbeit anschauen. Wir sind immer offen für Besucher. Das baut Berührungsängste ab und würde Kritikern eine neue Perspektive geben. Die Zusammenarbeit mit Vereinen und Institutionen hat sich deutlich verbessert in den vergangenen Jahren, ich wünsche mir, dass das noch weiter wachsen kann.

Ogorelica: Der Jugendtreff soll einfach lebendig sein und weiter bestehen und wachsen. Ich fühle mich hier nämlich sehr wohl.

Interview: Claudia Bauer

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