Weit mehr als 2000 Menschen haben sich im Juli 2013 in der Spenderdatei der Stiftung Aktion Knochenmarkspende Bayern in Wolfersdorf registrieren lassen. 

Stiftung Aktion Knochenmarkspende Bayern (AKB) wertet Typisierungsaktion aus

Aktion in Wolfersdorf rettet bislang 19 Leben: „Nutzen Sie die Chance, ein Superheld zu werden“

  • Andrea Beschorner
    vonAndrea Beschorner
    schließen

„Helfen Sie Vincent“: Unter dem Motto stand am 27. Juli 2013 die Typisierungsaktion für einen damals 22-Jährigen aus Wolfersdorf. Bis zum heutigen Tag konnten aus dieser Aktion 19 Leben gerettet werden. 

WolfersdorfVor sieben Jahren hat der Landkreis Freising mit einem jungen Mannes mitgefiebert: Vincent Kammerloher, damals 22 Jahre alt, war an Leukämie erkrankt. Seine Eltern stellten 2013 zusammen mit dem SV Oberhaindlfing Abens, der Gemeinde Wolfersdorf, vielen ehrenamtlichen Helfern und der Aktion Knochenmarkspende Bayern (AKB) eine Typisierungsaktion auf die Beine, bei der sich rund 2382 Menschen in der Spenderdatei registrieren ließen. Der Riesenerfolg, als der die Aktion schon damals gefeiert wurde, konnte jetzt, sieben Jahre später, mit Zahlen untermauert werden. Zahlen, die unter die Haut gehen: die AKB hat die Aktion ausgewertet.

Weit mehr als 2000 Menschen haben sich im Juli 2013 in der Spenderdatei der Stiftung Aktion Knochenmarkspende Bayern in Wolfersdorf registrieren lassen.

Vincent, du hast zum ersten Mal die Zahlen vorliegen, wie viele Leben wegen der für dich initiierten Spendenaktion vor sieben Jahren gerettet werden konnten. Was ist das für ein Gefühl?

Das ist schon geil. Das gibt einem eine wahnsinnige Rückbestätigung, dass man es damals einfach richtig gemacht hat, weil es im Nachgang so unglaublich viel gebracht hat. Auch wenn ich mich damals mit der Aktion erst gar nicht wirklich anfreunden konnte. Presserummel, mein Gesicht auf Plakaten und Flyern – das war nicht unbedingt meins. Aber als das Ganze dann angelaufen ist, so eine Dynamik übernommen hat, ist aus meinem „Ja dann machen wir’s halt“ am Ende etwas ganz Wunderbares geworden, hinter dem ich zu 100 Prozent stand und stehe. So sehr es mir am Anfang tatsächlich Wurscht war, so sehr hab ich am Ende dafür gebrannt.

19 Patienten konnten dank der großartigen Aktion in Wolfersdorf überleben. 11 sind – trotz eines Spenders – verstorben. Führt dir diese Zahl wieder vor Augen, wie knapp das damals alles war?

Die Geschichte zeigt einem, dass eine Stammzellenspende noch lange nicht heißt, dass man es geschafft hat. Prominentes Beispiel: Guido Westerwelle, wo der Körper die Spende nicht angenommen hat, ist nach einer Lungenentzündung wegen Immunschwäche gestorben. Oder ein Patient aus dem Landkreis, für den auch eine Typisierungsaktion gemacht worden ist: auch an Lungenentzündung gestorben. Im Nachgang zeigt es einem freilich, dass die Spende alleine keine Sicherheit ist. Aber ganz ehrlich: Ich hätte die Zahlen nicht unbedingt gebraucht, um zu wissen, dass es damals verdammt knapp war.

Beschreib doch den Weg nach der Spende. Wann hattest du den Krebs besiegt?

Es war nach der Spende ein langer Kampf, da gab es viele Höhen und Tiefen. Aber grundsätzlich möchte ich sagen: Krebs hast du ein Leben lang. Da kommst du nicht mehr komplett raus. Denn es sind keine Pillen, die du dagegen schluckst wie bei einer Erkältung, und danach ist wieder alles gut. Es sind die Nebenwirkungen der Krebstherapie, die viele ein Leben lang begleiten. Es bleiben oft dauerhafte Schäden. Eine Chemo steckt der Körper nicht so einfach weg. Aber dazu kommen ja auch mein Spender, viele andere tolle Menschen aus Pflege, Reha, Physio, Ärzte, diese Aktion. Nicht alles ist negativ an der Sache.

Du hast das Thema Krebs nie zu den Akten gelegt. Wieso ist dir Aufklärung so wichtig?

Wie gesagt: weil ich immer noch davon betroffen bin. Das ist die eine Seite. Hinzu kommt, dass ich einfach bei jedem Gespräch mit Freunden, Verwandten und Außenstehenden merke, dass über ganz viele Abläufe, Therapien, Folgen  unglaublich viel Unwissenheit herrscht. Ich habe mich gezwungenermaßen damit beschäftigen müssen. Und dieses Wissen für mich zu behalten, fühlt sich nicht richtig an. Ich kenne viele Betroffene, die das alles in einen Schuhkarton packen und nur so lange mitschleppen, wie sie das für sich müssen. Ich bin da anders. Mein Schuhkarton wäre halt auch recht groß geworden. Ich habe mich immer sicherer gefühlt, je mehr ich über die Krankheit und alles Drumherum gewusst habe. Ich wollte einen Befund verstehen, eine Diagnose lesen können, wollte wissen, was die Dinge bedeuten oder bedeuten können. Das Thema ist unglaublich vielschichtig. Ich versuche den Teil, der mich betrifft, bestmöglich zu verstehen. Dabei treten immer viele Fragen auf, deren Antworten vielen Menschen helfen können. Aufklärung ist für Patienten so unbeschreiblich wichtig. Irgendwann geht es nicht mehr nur um dich, sondern darum, das Wissen weiterzugeben.

Und zu dem Wissen hat auch die Einsicht gehört, dass du es ohne Stammzellenspende nicht schaffen wirst?

Ja, das war mir irgendwann einmal klar, meinen Eltern wohl schon früher. Heute weiß ich, dass die faktische Summe derer, die ohne Stammzellenspende nicht überleben können, unterm Strich eine Menge Menschen ausmacht. Das ist meine Motivation, noch heute die zu unterstützen, die dafür sorgen, dass die Spenderdatei wächst, sich möglichst viele Leute typisieren lassen. Das ist das einzige, was ich tun kann: Ich bin kein Arzt, ich bin nicht in der Forschung tätig, ich kann nur darauf aufmerksam machen, wie wichtig es ist.

Passiert das auch aus Dankbarkeit? Ist das der Versuch, etwas zurückzugeben?

Es ist nicht das Gefühl von „Mir ist geholfen worden, jetzt muss ich auch helfen.“ Vielmehr ist es meine Überzeugung: Ich kann helfen, deshalb will ich das auch. So bin ich erzogen worden. Wenn man helfen kann, sollte man das auch tun. Das sollte nicht aus einem Pflichtgefühl heraus erfolgen, sondern weil man das möchte. Davon lebt unsere Gesellschaft.

„Wieso soll ich Angst haben, wenn ich in der gleichen Zeit auch was Schönes machen kann?“

Du gehst regelmäßig auf Reha und zu Vorsorgeuntersuchungen. Begleitet dich dabei die Angst, der Krebs könnte irgendwann zurückkommen?

Ich verschwende keinen Gedanken an einen Rückfall. Mir geht es gut. Ich weiß aber auch, dass es mich genauso wie jeden anderen auf der Straße treffen kann – sei es Krebs oder eine andere Krankheit. Ich kann es nicht beeinflussen. Ich lebe gesund, mache viel Sport – das habe ich vorher auch schon gemacht. Ich lebe jetzt fast wie vor meiner Diagnose – bis auf die regelmäßigen Arztbesuche ist wenig anders. Warum soll ich mich damit beschäftigen, wenn ich in der gleichen Zeit auch etwas Schönes machen kann?

Du hast ja deinen Spender, deinen genetischen Zwilling, bereits kennengelernt. Ihr zwei habt danach viel gemeinsam unternommen. Ist der Kontakt zu Markus Kaufmann immer noch so eng?

Ja klar. Wir sehen uns aufgrund der Entfernung (Nordrhein-Westfalen, 550 Kilometer) nicht so oft. Aber wir sind dennoch unglaublich gute Freunde. Der Kontakt wird bleiben – nicht, weil ich mich zu irgendetwas verpflichtet fühle, sondern weil wir uns megagut vertragen. Wir verstehen uns, als ob wir alte Kindergartenfreunde wären.

Durch viele kreative Aktionen bist du so etwas wie das Gesicht der AKB. Überzeuge jetzt und hier alle Menschen, die noch nicht in einer Spenderdatei registriert sind, das so schnell wie möglich zu tun!

Typisieren ist die einfachste Möglichkeit, ein Superheld zu werden. Weil man für den geringsten Aufwand ein Leben retten kann. Denken Sie an Ihre Kindheit zurück: Jeder liebt Superhelden. Nutzen Sie die Chance, selbst einer zu werden.

Hast du einen Rat für Menschen, die gerade gegen Krebs kämpfen?

Nach der Diagnose ist es wichtig, sich nicht einzugraben. Man ist damit nicht alleine. Aber um das zu fühlen, muss man Hilfe auch annehmen und darf sich nicht einigeln. Als Patient muss man nicht immer alles mit sich selbst ausmachen. Der Glaube an sich selbst auf der einen Seite und der Mut, Hilfe anzunehmen, auf der anderen Seite sind enorm wichtig. Ich habe auf meinem Weg viele Krebspatienten kennengelernt. Das ein oder andere bleibt am Ende immer bei dir selbst hängen, aber die, die versucht haben, diese Lasten mit anderen zu teilen, die hatten mehr Freude am Leben. Selbst in der dunkelsten Nacht leuchten kleine Sterne, man muss nur die Ausschau nach ihnen halten. Das dürfen wir nie vergessen.

Vervollständige den Satz: „Ohne…. hätte ich das damals nicht geschafft.“

Spontan würde ich sagen, ohne meine Familie. Aber das Netzwerk aus Freunden, Ärzten, Therapeuten etc., in das ich damals eingebettet war und immer noch bin, ist viel umfassender. Deshalb lautet meine Antwort: „Ohne die Menschen um mich rum.“ Das Umfeld, das ich hatte und immer noch habe, war und ist so sehr wichtig.

Vincent Kammerloher: „Ich bin dankbar für mein zweites Leben!“

Wofür bist du jeden Tag aufs Neue dankbar?

(lacht)Für vieles! Tatsächlich jeden Tag aufs Neue für kleinen Dinge des Lebens. Für mein zweites Leben aber sicher etwas mehr als für die Sitzheizung (zwinkert). Durch die Erkrankung sind natürlich ein paar Dinge hinzugekommen, aber die grundsätzliche Einstellung hat sie nicht verändert. Ich kann immer noch jeden Tag lachen, das ist vielleicht das wichtigste.

Wirkt sich die Coronakrise auch auf die Spendenbereitschaft aus? Was sagt die AKB dazu?

Normalerweise lassen sich durchschnittlich 20 000 Menschen allein bei der AKB in einem Jahr typisieren. Wir haben jetzt Oktober und sie haben noch nicht einmal die Hälfte des Jahresziels erreicht. Die reale Umsetzung ist einfach unglaublich schwierig. In Wolfersdorf waren weit mehr als 2000 Menschen, denen auf engstem Raum Blut abgenommen wurde. Das ist heute undenkbar. Deshalb hängt man zahlenmäßig massiv hinterher. Und auch grundsätzlich geht die Spendenbereitschaft zurück, weil die Menschen gerade andere Dinge im Kopf haben.

Verena Spitzer von der AKB schreibt bei der Auswertung deiner Typisierungsaktion folgenden schönen Satz: „Für mich sind solche Auswertungen immer wieder ein Zeichen dafür, wie ähnlich, wie verwandt wir alle sind, und führt mich immer wieder zu einem völligen Unverständnis über die zunehmenden Feindlichkeiten, mit denen Menschen sich gerade begegnen.“ Hattest du diesen Gedanken auch?

Ich habe davor wirklich nicht gewusst, dass es so einfach geht, mir nichts dir nichts als Bayer zum Beispiel für einen Schweden, Türken, oder Brasilianer zu spenden. Das hat mich echt überrascht. Aber es beweist einmal mehr: Wir sind alle Menschen, es gibt weniger Unterschiede als manche glauben möchten. Auch wenn wir innerlich und äußerlich oft so verschieden wie Tag und Nacht sein mögen, im Kern eint uns die Basis, „Mensch“ zu sein.

Online registrieren

Weil sich durch die Corona-Pandemie bei der Stiftung Aktion Knochenmarkspende Bayern (AKB) während des Lockdowns keine und danach nur spärlich neue Spender registriert haben, ruft die AKB nun Menschen dazu auf, sich per Online-Registrierung dem Kampf gegen Leukämie anzuschließen. Details dazu finden sich auf der Homepage der AKB unter www.akb.de. Wer die Stiftung finanziell unterstützen möchte, kann dies über eine Spende bei der Kreissparkasse München, Starnberg, Ebersberg, IBAN:DE57 7025 0150 0022 3944 80, BIC: BYLADEM1KMS, Verwendungszweck: Online Spende AKB.

Lesen Sie auch: Die Gewinner des Jugendkulturpreises Freising stehen fest.  

Auch interessant

Kommentare