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Viel Kritik musste Bürgermeister Rupert Popp für die Glonnterrassen während der Bauphase einstecken. Seit der Eröffnung gibt es nur noch Lob dafür.

Abschied mit zwei lachenden Augen

Nach 24 Jahren: Amtszeit von Allershausens Rathauschef Rupert Popp endet 2020

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Seit 1996 ist Rupert Popp der Chef der Ampertalgemeinde Allershausen. Am 30. April endet seine Amtszeit als Bürgermeister. Im Interview blickt er auf 24 Jahre zurück.

Allershausen – 1996 kandidierte Rupert Popp erstmals als Bürgermeister für die Freien Wähler in Allershausen. Seither ist er der Chef der Ampertalgemeinde. Er ist ein Macher. In seiner 24-jährigen Amtszeit ist die Gemeinde Allershausen schuldenfrei geworden, mäßig gewachsen und hat die Lösung für den drohenden Verkehrsinfarkt zumindest auf den Weg gebracht. Wenn Popp am 1. Mai 2020 an seinen Nachfolger übergibt, tut er das mit zwei lachenden Augen, wie er sagt. Ein Rückblick auf 24 Jahre Amtszeit.

Herr Popp, wie haben Sie 1996 die Gemeinde Allershausen übernommen?

Mit elf Millionen Mark Schulden und drei Grundsatzbeschlüssen: Dem Bau einer Mehrzweckhalle, dem zweiten Bauabschnitt unseres Kindergartens und der Generalsanierung der Kläranlage, was weitere Investitionen in Höhe von mehr als zehn Millionen Mark bedeutet hat.

Waren Sie sich dessen bewusst, als Sie angetreten sind?

Nach der ersten gewonnenen Wahl habe ich nachts dagesessen und hatte das Gefühl, von der Last dieser Schulden erdrückt zu werden. Da ist mir das zum ersten Mal klar geworden, was ich mir da aufgetan habe.

Sie haben es also schon in der ersten Nacht bereut, zum Bürgermeister der Gemeinde Allershausen gewählt worden zu sein?

Nein, natürlich nicht. Aber bei über 20 Millionen Mark Schulden ist es ganz natürlich, dass einem nicht mehr ganz wohl ist.

Was ja dazu geführt hat, dass eines Ihrer obersten Ziele stets war, dass Allershausen schuldenfrei wird. Wann konnten Sie diese frohe Botschaft erstmals verkünden?

Das war Ende 2008. Ein gutes Gefühl.

Und wie haben Sie das geschafft?

Das ging Schritt für Schritt, da war Geduld gefragt. Im ersten Jahr war für mich das Wichtigste, dass ich die Firma Lekkerland halten kann. Als Lekkerland damals im neuen Baugebiet erweitert hat, war klar, dass nicht nur über 300 Arbeitsplätze, sondern auch einer der wichtigsten Steuerzahler zunächst sicher sind. Das hat die Finanzen der Gemeinde stark entlastet. Grundsätzlich war es freilich das Gewerbe, das uns finanziell gerettet hat: die Lear Corporation zum Beispiel, die einige Jahre sehr hohe Gewerbesteuer gezahlt hat. Motoman-Robotec – heute Yaskawa – war auch damals schon in Allershausen und ist bis zum heutigen Tag sehr wichtig für das finanzielle Wohl der Gemeinde. Mittlerweile hat Yaskawa sogar seine Europazentrale nach Allershausen verlagert.

Ein Herzensding: Die Kinderbetreuung lag Rupert Popp immer am Herzen. Dem Kinderhaus im Ampergrund folgte kurze Zeit später ein zweites an der Kirche. Jetzt ist eine weitere Kinderbetreuungseinrichtung im neuen Baugebiet geplant.

Um die Firmen zu halten, mussten Sie denen auch immer wieder Flächen zum Kauf anbieten können. Fühlt man sich als Bürgermeister oft eher wie ein Immobilienmakler?

(lacht) Eher wie ein Großbauer – rein von der Fläche her. Ich habe in meiner Zeit als Bürgermeister immer alle landwirtschaftlichen Flächen, die mir zu vernünftigen Preisen angeboten wurden, angekauft. Das ist nicht immer auf große Begeisterung bei den Landwirten gestoßen, und auch der Gemeinderat war nicht immer glücklich darüber. Am Ende waren aber auch kritische Gemeinderäte froh drüber, hat es uns als Gemeinde doch oft einen guten Verhandlungsspielraum gegeben. Wenn eine Firma erweitern will und dafür ein Grundstück eines Landwirts nötig ist, kannst du da mit Geld oft nichts erreichen. Wertgleicher Flächentausch ist da das Zauberwort. Und dafür brauchst du Grundstücke.

Für Logistiker ist Allershausen wegen der Nähe zur Autobahn so attraktiv. Empfinden Sie die Autobahn eher als Fluch oder als Segen?

Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Einerseits ist die Nähe zur Landeshauptstadt und die gute Anbindung der Grund, wieso der Standort Allershausen so begehrt ist. Das große Aber ist natürlich der Verkehr. Ein Problem, das immer schlimmer wird.

Auch das hat Ihre Arbeit in den vergangenen 24 Jahren geprägt: Der Kampf gegen den Verkehr. War es ein aussichtsloser?

Zumindest war es kein ergebnisloser. Ich habe die Ortsumfahrung mit aller Macht vorangetrieben. Und auch, wenn ich mittlerweile bezweifle, die Realisierung selbst noch zu erleben: Sie wurde auf den Weg gebracht, die Behördenbeteiligung ist angestoßen. Und dennoch habe ich Bauchweh. Es ist so ein dermaßen massiver Eingriff in die Natur. Aber es hilft nichts. Wenn nichts passiert, ist die Gemeinde durch den Verkehr geteilt. Das hat uns Verkehrsgutachter Prof. Harald Kurzak schon bestätigt.

Die Geschichte der Ortsumfahrung ist ja auch mit Höhen und Tiefen verlaufen.

Erst ist Allershausen aus der ersten Dringlichkeitsstufe, in der wir vor zehn Jahren waren, rausgeflogen. Als die Ortsumfahrung Gröbenzell wegen eines Bürgerbegehrens eingestampft wurde, haben wir einen erneuten Antrag gestellt – und sind jetzt wieder drin.

Sie haben in Bezug auf die Westtangente immer das von Allershausen losgelöste Verkehrskonzept kritisiert. Die Entlastung durch die Westtangente werde auf dem Rücken Allershausens ausgetragen.

Wenn die Westtangente 2021 in Betrieb geht, haben wir eine direkte Verbindung zur Anschlussstelle Allershausen. Bei kleinstem Stau auf der A 9 in Richtung München wird man durch Allershausen nach Thalhausen und in den Westtangententunnel zur Deggendorfer Autobahn abkürzen. Die Westtangente ohne die Ortsumfahrung Allershausen zu bauen, war verkehrstechnisch das Schlechteste, was uns passieren konnte.

Der wichtigste Gewerbesteuerzahler: Die Firma Yaskawa wollte vor einigen Jahren erweitern. Dank Popps „Flächenpolitik“ war das möglich.

Trotz der Dringlichkeit wird die Ortsumfahrung nie Ihr Herzensprojekt. Gibt es ein anderes? Worauf sind Sie besonders stolz?

Persönlich am Herzen lagen mir die Kinderhäuser. In meiner Amtszeit wurden zudem über sechs Millionen Euro in die Schule investiert. Und die neue Ortsmitte war mir auch sehr wichtig, weil sie einen großen Beitrag zu mehr Lebensqualität in Allershausen leistet. Die Realisierung war mit so vielen Problemen verbunden, wir sind auf so viel Widerstand gestoßen. Was ich da alles an Vorwürfen gehört habe. Doch seit die neue Ortsmitte und die Glonnterrassen eingeweiht wurden, gibt es nur noch Lob für das Projekt.

Nochmal zurück zur Kinderbetreuung. Da haben Sie seit 1996 ganz schön Gas gegeben.

Im Gemeindekindergarten sind aktuell fünf Gruppen, der Pfarrkindergarten im Kinderhaus hat drei. Hinzu kommen ein zwei-gruppiger Kinderhort und die Kinderkrippe am Ampergrund. Im zweiten Kinderhaus sind drei Kinderkrippengruppen und das Kinderhaus Pusteblume. Zudem unterstützt die Gemeinde die Betreuungseinrichtung Fridoline, die tageweise besucht werden kann. Im neuen Baugebiet Eggenberger Feld soll eine weitere Kindertagesstätte errichtet werden. Ob nur Kindergarten oder auch eine Krippe, das steht noch nicht fest.

Stichwort neues Baugebiet: Da hat sich ja jetzt einige Jahre nichts getan.

Es ist tatsächlich das erste Baugebiet, das wir seit 2005 ausweisen. Im Eggenberger Feld entstehen rund 100 Bauparzellen. Wir haben schon jetzt eine mordsmäßige Nachfrage.

Wieso hat man so lange nichts ausgewiesen?

Da waren wir uns im Gemeinderat immer einig: Wir wollen wachsen, aber mäßig. 1996 waren wir knapp 5000 Einwohner. Stand jetzt sind es 6200. Wir sind also nicht explodiert, waren nachweisbar sogar zehn Jahre lang die am langsamsten wachsende Gemeinde im Landkreis Freising.

Lassen Sie uns einen kleinen Abstecher in Ihr Privatleben machen. Ist der Beruf des Bürgermeisters gut mit dem Familienleben zu vereinbaren?

Mittlerweile sind meine Kinder erwachsen, haben selbst Kinder. Ich bin vierfacher Opa. Aber zu Beginn meiner Amtszeit war das nicht einfach für meine Frau. Sie hat die Last der Erziehung alleine getragen. Und wenn man als Vater von vier Kindern gerade in der Vorweihnachtszeit eigentlich keinen Abend daheim ist, muss man schon eine Partnerin haben, die das mitträgt. Meine Frau unterstützt mich immer, auch wenn sie mich nicht zu allen Veranstaltungen begleitet.

Seinen Platz am Schreibtisch im Allershausener Rathaus wird Popp nicht vermissen. Vier Enkel werden den Opa gut beschäftigen.

Denken Sie an Ihren letzten Arbeitstag im Rathaus Allershausen: Was wird Ihnen nach dieser Zeit fehlen?

Ich habe vor, dass ich hier wirklich einen Schlussstrich ziehe. Ich werde nicht einfach ins Rathaus reinspazieren und meinem Nachfolger auf die Nerven gehen. Ich komme nur, wenn ich einen neuen Ausweis brauche oder wenn jemand aus der Familie oder dem Bekanntenkreis heiratet und ich eingeladen werde. Oder wenn ich von einem meiner dann ehemaligen Mitarbeitern zum Geburtstag eingeladen werde.

Sie werden also in kein tiefes Loch fallen?

Das hab’ ich nicht vor. Ich werde auch nicht mit einem lachenden und einem weinenden Auge hier rausgehen. Wenn die Bürde der Verantwortung von mir fällt, werde ich das Rathaus mit zwei lachenden Augen verlassen. Mit dem guten Gefühl, mein Bestes gegeben zu haben.

Alle Infos über die Kommunalwahl 2020 in allen Gemeinden finden Sie in unserem großen Überblicks-Artikel.

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