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Autorin aus Allershausen: Glückliche Familien brauchen keine Beobachter

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Von: Andreas Beschorner

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Wie man sich der Sucht nach Aufmerksamkeit entzieht, weiß Bianca Kellner-Zotz.
Wie man sich als Familie der Sucht nach Aufmerksamkeit entzieht, weiß Bianca Kellner-Zotz. © privat

„Happy Family“ ist der Titel des neuen Buches von Gemeinderätin Bianca Kellner-Zotz aus Allershausen. Darin beleuchtet sie den Medialisierungswahn vieler Familien.

Allershausen – Bianca Kellner-Zotz hat einen Doktortitel. Das Thema ihrer Dissertation: „Das Aufmerksamkeitsregime – wenn Liebe Zuschauer braucht“. Jetzt hat die Allershausenerin ihre Doktorarbeit in einem Buch verarbeitet, das das Thema einem breiten Publikum, vor allem Eltern, zugänglich machen will: „Happy Familiy“ ist der Titel des 367 Seiten dicken Werks, das im Goldmann-Verlag erschienen. Untertitel des Buchs der Mutter von zwei Kindern, die nach ihrem Abitur am JoHo in Freising Kommunikationswissenschaft und Politik an der LMU studiert hat und derzeit als freie Autorin und Journalistin und als Hochschuldozentin tätig ist: „Warum die Sucht nach Aufmerksamkeit Familien unter Druck setzt und wie wir uns davon befreien können“. Das FT hat bei Kellner-Zotz, die für die CSU im Allershausener Gemeinderat sitzt, nachgefragt.

Sind Sie und Ihre Familie denn eine „Happy Family“?

Ich denke, wir sind eine durchschnittliche oberbayerische Familie. Wir lachen und weinen miteinander, sind manchmal genervt, aber meistens sehr zufrieden und wirklich glücklich. Der Buchtitel „Happy Family“ samt Hashtag beim „H“ ist so gewählt, weil es mir um das Demonstrative der öffentlich gelebten, medialisierten Familie geht. Die Inszenierung des modernen Familienlebens in den sozialen Medien und die neuen Praktiken, die auf möglichst viel Abwechslung, Außergewöhnliches und Visualisierbares angelegt sind, halte ich für kontraproduktiv.

Happy Family: Eine glückliche Familie braucht keine Beobachter.
Happy Family: Eine glückliche Familie braucht keine Beobachter. © Beschorner

Entziehen Sie sich dem Stress der medialen Aufmerksamkeit? Und wie?

Ich habe kein Facebook und kein Instagram und WhatsApp habe ich lange boykottiert, bis heute habe ich kein Profilbild und wofür Statusmeldungen gut sind, konnte mir keiner nachvollziehbar erklären. Natürlich freue ich mich über gelegentliche Nachrichten meiner Freunde und Messenger Dienste machen Terminabstimmungen leichter, aber ich finde es erschreckend, wie viel Zeit und Nerven uns die sozialen Medien kosten. Deshalb gibt es in unserer Familie klare Regeln: kein Handy im Restaurant, am Ess- und Wohnzimmertisch oder im Schlafzimmer, begrenzte Nutzungszeiten, Altersgrenzen für die Handy-Nutzung meiner Kinder. Und natürlich lade ich nirgends Fotos aus unserem Familienalltag hoch.

Fühlt man sich ohne Facebook- und CO.-Freak dann nicht als Außenseiter?

Ich persönlich hatte dieses Gefühl nie. Meine Kinder empfinden das eher so, sie sind Digital Natives und entsprechend sozialisiert. Trotzdem gibt es WhatsApp erst ab der siebten Klasse und bis zur neunten Klasse kein Datenvolumen außer Haus. Die Netzwerkeffekte sind mir natürlich bewusst. Bei WhatsApp bin ich nur aus einem Grund eingeknickt: Meine kleine Tochter stand eines Tages mutterseelenallein in voller Montur am Eislaufplatz. Die Schlittschuhstunde war via Messenger abgesagt worden, wir wussten nichts davon. Dennoch glaube ich, dass ich meinen Kindern etwas Gutes tue, wenn ich sie vor zu viel Medienkonsum bewahre. Die negativen Auswirkungen sehe ich jeden Tag an meinen Studenten: extrem kurze Aufmerksamkeitsspannen, niedrigere Frustrationstoleranz, großes Bedürfnis nach Abwechslung, schwindende Diskurskultur.

Wie ist das in Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis? Wie sind da Ihre Erfahrungen?

Meine Freunde wissen natürlich, wie ich zum Phänomen der Medialisierung stehe und setzen sich deshalb mit der Thematik auseinander. Je öfter wir darüber sprechen, desto sensibilisierter sind sie. Ich denke schon, dass es hilft, die eigenen Praktiken zu hinterfragen. Warum braucht es ein Motto für einen Kindergeburtstag? Wofür ist eine Drohne für die Hochzeit gut? Und müssen wirklich alle wissen, was wir im Urlaub gemacht haben? Generell beobachte ich aber, dass selbst am Land medialisierte Routinen Einzug halten und die echte Familienzeit verknappen. Die Mütter sind wahnsinnig gestresst, rennen von einem Termin zum anderen und spüren trotzdem, dass ihre Leistung, die tägliche Familienarbeit nicht gewürdigt wird. Deshalb würde ich jeder Mutter raten: Handy weg und mit den Kindern Mensch-ärgere-Dich-nicht spielen.

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Und kennen Sie jemanden, der sich bereits entmedialisiert hat?

Wirkliche Medienverweigerer sind selten. Letztlich brauchen wir Informationen, um Teil der modernen Gesellschaft zu sein, um unseren Beruf ausüben und eine verantwortliche Wahlentscheidung treffen zu können. Wir alle sind medialisiert, weil wir wissen, dass Medien auf Aufmerksamkeitsmaximierung ausgelegt sind, das Spektakuläre und Einzigartige betonen. Das ist ihr Geschäft. Aber ich kenne einige, auch junge Leute, die sich bewusst auf das Notwendige reduzieren. Bei einer Lesung zu meinem Buch erklärte ein junger Mann, dass er vor kurzem alle Social Media Accounts gekündigt habe. Plötzlich hatte er viel mehr Zeit und seine Freunde fragten ihn wieder, wie es ihm geht und was er im Urlaub macht. Denn jetzt hatten sie nicht schon alles in seiner Instagram-Story gesehen. Dieser junge Mann wirkte extrem erleichtert.

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