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Krisengespräch: Dietmar Narr, Stefan Dreibholz und Rupert Popp vor der Pressekonferenz über den Plänen der neuen Ortsmitte.

Neue Ortsmitte Allershausen

Belastendes Erbe aus der NS-Zeit

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Allershausen - Bei den Tiefbauarbeiten zur neuen Ortsmitte ist man auf kontaminiertes Erdreich gestoßen. 6000 Tonnen der Deponieklasse 1 müssen entsorgt werden. Mehrkosten, im schlimmsten Fall: 450.000 Euro. Woher das verseuchte Material stammt, darüber wird gerade spekuliert. Die Spur führt zurück in die NS-Zeit.

Es ist der 4. Mai, als auf der Baustelle der neuen Ortsmitte klar wird, dass „da was nicht stimmt“, wie es Bauleiter Stefan Dreibholz bei einer Pressekonferenz gestern im Allershausener Rathaus vorsichtig formuliert. Das Erdreich, das man für die Verlegung des Flussbettes der Glonn abtragen will, ist auffällig dunkel, und es geht ein beißender Geruch nach Lösungsmitteln davon aus. Sofort werden Proben genommen, fünf Tage später bestätigt sich der Verdacht, den man umgehend auch dem Landratsamt mitteilt: Das Gelände, die ehemalige Maibaumwiese, ist mit polyzyklischen, aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) verseucht – hohe Mengen Teer sind im Boden. Deponieklasse 1 – das bedeutet hochbelastetes, die Grenzwerte weit übersteigendes Material.

Bei dem Pressegespräch am Freitag ist neben Bürgermeister Rupert Popp und Bauleiter Dreibholz auch der Chef des Planungsbüros NarrRistTürk, Dietmar Narr, anwesend. Die drei geben einen chronologischen Abriss über den Fund, der Popp schlaflose Nächte bereitet. Sofort als der Verdacht im Raum steht, dass es sich um belastetes Material handeln könnte, wird es zum Teil seitlich am Grundstück gelagert – auf entsprechend vorbereitetem Untergrund. Das Erdreich ist laut Dreibholz so verpresst, dass keine Gefahr besteht, Regen könne Schadstoffe austragen. Der Großteil des Materials wird zu einer schnell geschaffenen Zwischenlagerfläche an der Kiesgrube in Göttschlag gebracht. Die kontaminierte, etwa 30 bis 50 Zentimter dicke Schicht verbirgt sich unter einer etwa 50 Zentimeter starken Humusschicht – auf einer Gesamtfläche von rund 6000 Quadratmetern zwischen Glonn und Münchner Straße. 6000 Tonnen müssen abgetragen und auf Sonderdeponien entsorgt werden. Aktuell ist das mit etwa zwei Dritteln des verseuchten Erdreichs passiert. Der Rest steht noch aus – inklusive der aufwändigen Untersuchungen. Auf den Kosten wird die Gemeinde Allershausen wohl sitzen bleiben, denn hier gilt, wie Popp erläutert, das Verursacherprinzip: Der Eigentümer ist gesetzlich verpflichtet, den kontaminierten Boden auf eigene Rechnung auszutauschen und sämtliche Folgekosten zu tragen. Aber woher stammt dieses hochbelastete Material? Eine Frage, die nun alle umtreibt. Rupert Popp hat sich auch schon aktiv auf Ursachenforschung begeben. Und er ist kürzlich bei einem Jubilar, den er zum Geburtstag gratuliert hat, auf eine mögliche Antwort gestoßen. Der Allershausener erinnert sich, wie Popp erzählt, dass vor dem Zweiten Weltkrieg für Aufmärsche der Hitlerjugend und der SA diese Fläche neben der Glonn aufgeschüttet worden sei. Aufgrund der Zusammensetzung der Proben könne das Material tatsächlich auf die Zeit vor dem Krieg bis in die 1950er Jahre hinein eingegrenzt werden.

Bodenproben im Vorfeld brachten nichts zu Tage

Wie Dreibholz erklärt, sei vor Beginn der Arbeiten eine Bodenuntersuchung durchgeführt worden. An 40 Stellen habe man dem Baugrund Proben entnommen, um zu sehen, ob er für die Maßnahme geeignet ist. Wieso man da nichts gefunden habe? „Weil man nicht danach gesucht hat“, wie Dreibholz betont. Was erstmal komisch klingt, erklärt er so: In einer Aue an einem Flussufer habe keiner mit kontaminiertem Erdreich gerechnet. Deshalb haben sich diese Voruntersuchungen ausschließlich auf die Beschaffenheit des Bodens beschränkt. Da der Teer nicht eine durchgehende Decke bildet, sondern auf dem gesamten Areal etwa sechs Zentimeter große Stücke im Boden verteilt waren und sind, hätte man bei den Bohrungen genau so einen Teerbrocken treffen müssen, um Verdacht zu schöpfen und weitere Untersuchungen zu veranlassen. Am vergangenen Dienstag tagte der Allershausener Gemeinderat hinter verschlossenen Türen, um das Thema nichtöffentlich ausführlich zu diskutieren. So mancher habe da schon die Überlegung angestellt, „wenn das schon bei den Bohrungen ans Tageslicht gekommen wäre, hätten wir die Finger davon lassen können“. Ein Irrglaube, wie Popp bekräftigt. Per Gesetz sei der Grundstückseigentümer nämlich zur Beseitigung verpflichtet, sobald er davon Kenntnis erlangt. Und für die Baumaßnahme hätte das komplette Erdreich ohnehin abtransportiert werden müssen. Die hohen zusätzlichen Kosten sind jetzt ausschließlich der teuren Entsorgung geschuldet, wie die Planer versichern. „Da wir aber bisher schon 250 000 Euro unter den geschätzten Kosten liegen und das dritte Los, bei dem vielleicht auch gespart werden kann, noch aussteht, könnten wir am Ende ohne große Kostensteigerung hinkommen“, hofft Popp. Auch zeitlich habe dieser unerfreuliche Zwischenschritt kaum Auswirkungen auf das Projekt Neue Ortsmitte. Das gesamte belastete Material werde nun rückstandsfrei abtransportiert. „Es ist aus Umweltgesichtspunkten gut, richtig und wichtig, dass wir darauf gestoßen sind und es fachmännisch entsorgt wird“, sagt Dietmar Narr und fügt an. „Und wenn es wirklich ein Aufmarschplatz war, gehört der Boden schon aus Gründen der Geschichtsbewältigung ausgetauscht.“ Und auch, wenn dieser Vorfall jetzt den Kritikern in die Karten spielt, hofft Bürgermeister Popp, dass, sobald die neue Ortsmitte fertig ist, auch der letzte Zweifler sagen wird: „Es ist ja doch ganz schön geworden.“

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