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Der Seelsorger mit den Steinen nimmt seinen Hut. Pfarrer Heinz Winkler geht in den Ruhestand. 

Interview mit Pfarrer Heinz Winkler

Sein Glück im Glück der anderen

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Mit „Ihr Pfarrer“ hat er seine Abschiedsgedanken im Gemeindebrief unterschrieben: Heinz Winkler (65), der fast 30 Jahre lang als Pfarrer in Oberallershausen die evangelische Gemeinde betreute. Jetzt geht Winkler in den Ruhestand – 500 Jahre nachdem Martin Luther seine Thesen an die Schlosskirche in Wittenberg genagelt hat. Am 21. Mai wird der Mann offiziell verabschiedet, der sich selbst der „Seelsorger mit den Steinen“ nennt und der nach knapp drei Jahrzehnten, in denen er an jedem Tag 24 Stunden für seine Schäfchen da war, zu Recht mit „Ihr Pfarrer“ unterzeichnet hat. Ein Gespräch zum Abschied.

Das fällt einem als erstes auf, wenn man Ihr Büro betritt: die Steine im Regal.

(Nimmt einen Stein)Schauen Sie. Was sehen Sie?

Einen Vogel.

(Dreht den Stein um) Und jetzt?

Einen Hasen.

Genau. Sehen Sie, das sind zwei verschiedene Ansichten. Und beide sind richtig. So kann ich Menschen, die zu mir kommen, Dinge erklären und näherbringen. Oder schauen Sie sich diese zwei Steine an(nimmt zwei andere Steine). Jeder für sich ist eher unauffällig. Jetzt lege ich sie ineinander – und schon ist es ein Kunstwerk. Und so ist die Ehe. Die Ehe ist mehr als die Summe aller Teile.

Verwenden Sie das auch in Ehegesprächen? Und wie viele Ehegespräche haben Sie geführt?

Ja, freilich, das ist wichtig. Ich mache das mit vielen Dingen so. Ich habe mich ja auch lange und intensiv mit fernöstlicher und christlicher Symbolik befasst. Und wie viele Ehegespräche ich geführt habe? So um die 300 waren es. Aber schauen Sie. Das ist das Buch „Die Botschaft der Steine“, das ich vor zehn Jahren geschrieben habe. Da sind viele Steinsymbole abgebildet und erklärt, die ich an der Isar ausgelegt habe.

Steine als Symbole. Aber Sie haben in 30 Jahren ja auch als Pfarrer mit Bausteinen zu tun gehabt.

Stimmt. Wir haben das Gemeindehaus gebaut, aber auch einen behindertengerechten Aufgang zur Kirche errichtet und der Kirche ein neues Dach gegeben. Das waren die wichtigsten Bauprojekte.

Wie hat sich Allershausen denn in diesen drei Jahrzehnten geändert?

Mei, vor 30 Jahren, da war Allershausen noch ein Bauerndorf. Damals hat mir mein Vorgänger gesagt: Ihr müsst euch öffnen. Und das habe ich als meine Aufgabe gesehen: Jedem hier eine Heimat auf Zeit zu geben.

Ist Ihnen das geglückt?

Ich denke schon. Das erkenne ich daran, dass viele von denen, die weggezogen sind, für ihre Hochzeit oder für eine Taufe wieder hierher gekommen sind, viele auch noch unseren Gemeindebrief haben und nachgeschickt bekommen wollen.

Und wie hat sich die evangelische Gemeinde entwickelt?

Ich sage mal, dass ich die Menschen zumindest nicht abgeschreckt habe. In der Gemeinde leben jetzt 2700 Gläubige. Und wir wachsen nach wie vor.

Wo ziehen Sie eigentlich hin, wenn Sie jetzt das Pfarrhaus verlassen müssen?

Ich ziehe nach Reichertshausen in der Nähe von Hohenkammer. Das Haus ist halb so groß wie das hier, aber der Garten doppelt so groß. Und das war mir wichtig als Spielplatz für meine Enkel.

Ihr Ruhestand fällt in das Jahr, in dem der 500. Geburtstag der Reformation gefeiert wird. Ein Zeichen? Glauben Sie an so etwas?

(lacht) Nein, das hat keine besondere Bedeutung. Das ist kein Schicksal. Ich höre auf, weil ich 65 bin.

Wie feiern sie das Luther-Jahr mit?

Die Gemeinde feiert. Und ich werde dabei sein. Aber eine große Rolle werde ich dabei nicht spielen. Ich brauche jetzt wirklich ein Sabbatjahr. Und das ist gleich eine gute Möglichkeit, damit zu beginnen.

Und fällt der Abschied schwer?

Ich kann auch ganz gut ohne Arbeit leben. Und: Wenn man so lange da war, dann ist es gut zu gehen.

Wie sieht die Familie des Heinz Winkler aus?

Da ist meine Frau, die ich 1978 geheiratet habe, da sind die vier Kinder und inzwischen acht Enkelkinder.

Und welche Empfehlung haben Sie für Ihren Nachfolger parat?

Die Menschen zu lieben. Jeden Menschen so zu nehmen, wie er ist. Das Positive in jedem Menschen zu sehen. Allerdings steht noch nicht fest, wer mein Nachfolger wird. Die Stelle ist ausgeschrieben, aber es gibt noch keine Entscheidung.

Funktioniert die Ökumene in Allershausen?

Ich habe hier eine gute Ökumene vorgefunden. Unter Pfarrer Nagel war das dann eine Zeit lang nicht mehr so. Aber mit Pfarrer Robert Urland ist die Ökumene wieder lebendig geworden. Ich bin eh ein Ökumeniker. Wir können es uns doch gar nicht erlauben, gegeneinander zu arbeiten.

-Steine kennen wir jetzt. Hat Heinz Winkler noch andere Hobbys?

Ja, das Fotografieren. Vor allem Naturfotografie. Da muss man die Dinge sehen, ich will dem Unscheinbaren Raum geben. Und ich mache Muschelbilder. Denn wenn der Mensch schöpferisch tätig wird, dann ist er auch Schöpfer.

-Empfinden Sie das dann auch so?

Ja, das spüre ich schon. Ich schreibe auch Gedichte.

-Verraten Sie uns mehr?

Ich schreibe lustige Gedichte für Kinder. Denn mit Rhythmus lernen Kinder lesen. Wenn ich irgendwo warten muss oder im Stau stehe, dann schreibe ich solche kurzen, lustigen Gedichte auf. Und ich liebe, verfasse auch Limmericks. Die schönste Form von Gedichten sind aber die Haikus (holt ein Buch mit Haikus von ihm aus dem Regal). Da muss man Gedanken auf 17 Silben einschmelzen.

- Was hat Ihnen besondere Freude bereitet?

Wenn ich dazu beitragen konnte, dass ein anderer Mensch glücklich war – bei Hochzeiten, Taufen, aber auch bei den Gottesdiensten.

Das sind die schönen Dinge. Was ist Ihnen lästig gewesen in drei Jahrzehnten Pfarrer in Oberallershausen?

Dass wir täglich dem heiligen Bürokratius Opfer bringen mussten. Und das wurde immer mehr.

Mussten Sie sich darüber oft ärgern?

Wissen Sie, ich habe mich entschlossen, mich nicht mehr zu ärgern. Denn: Durch Ärger wird alles nur noch ärger. Ich lasse negative Emotionen nicht an mich heran. Ich ärgere jamich, ich kann das also auch bleiben lassen. Denn wer sich ärgert, der straft sich mit der Dummheit der Anderen, hat ein guter Freund von mir gesagt. Ärger blockiert die Freude. Und deshalb ärgere ich mich nicht mehr.

Ihre Art zu predigen, Ihre flammende und entflammende Begeisterung haben viele Menschen kennengelernt und geschätzt. Woher kommt das?

Ich bin in München geboren und in Burghausen an der Salzach aufgewachsen. Mein Vater war da bei Wacker Burghausen beschäftigt. Von Kindheit an hatte ich also mit Chemie zu tun, in der Schulzeit habe ich mich viel mit Biologie beschäftigt, in München ein Studium generale belegt. Da habe ich nicht nur Theologie studiert, sondern auch Psychologie, Medizin, Physik und Rhetorik. Und das war alles wichtig. Denn mit Sprache erreicht man die Menschen. Und so, wie wir hier sitzen, bestehen wir aus rund einer Billion Atomen. Aber wir leben nur, weil der Geist diese Atome zusammenhält. Wenn wir den Geist aufgeben, wie es so passend heißt, sterben wir. Und wenn wir uns dessen bewusst sind, dann sind wir im wahrsten Sinne des Wortes be-geistert.

Was haben Sie als Ihre vornehmste Aufgabe gesehen?

Den Menschen die Augen zu öffnen, dass sie glücklich sind. Das war mein Aufgabe. Fast 30 Jahre lang hier in Oberallershausen.

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