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Um vier Uhr früh klingelte bei Therese und Hans Bauer der Wecker – 50 Jahre lang. So lange tragen sie in Allershausen schon die Zeitungen aus. Heute nicht mehr jeden Tag. Wenn sie nach ihrer Tour um sechs Uhr nach Hause kamen, gab es immer ein festes Ritual: Erstmal selbst Zeitung lesen. 

Seit 50 Jahren Zeitungsausträgerin in Allershausen

Frau Bauer teilt aus

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Therese Bauer trägt in Allershausen seit einem halben Jahrhundert die Zeitungen aus. Ein Zufallsjob, der aber schnell zur Herzenssache wurde. Und was die 85-Jährige in den vergangenen 50 Jahren auf ihrer Route erlebt hat, könnte vermutlich eine ganze Zeitungsausgabe füllen.

Allershausen – Therese Bauers erster Arbeitstag beginnt mit einer langen Liste. Etwa 200 Adressen hat sie vor sich auf dem Esstisch ausgebreitet. Es ist mitten in der Nacht, die drei Kinder sind schon lange im Bett. Und Therese Bauer versucht, aus diesen Adressen eine Route zu machen – für ihren ersten Einsatz als Zeitungsausträgerin. Sie ist so aufgeregt, dass sie den Wecker, den sie auf vier Uhr gestellt hatte, gar nicht braucht.

Dieser Tag liegt ein halbes Jahrhundert zurück. Und trotzdem erinnert sich die 85-Jährige noch ganz genau, wie sie das erste Mal die Zeitungspakete auf die Konstruktion schnallte, die ihr Mann Hans extra für das Rad gebaut hatte. Zielstrebig fährt sie los. Von Adresse zu Adresse. Bis die Sonne aufgeht und sie ihre lange Liste abgearbeitet hat.

Es gibt wohl in Allershausen im Kreis Freising niemanden, der seit damals so viele Sonnenaufgänge miterlebt hat wie Therese Bauer. Sie trägt die Zeitungen seit unglaublichen 50 Jahren aus. Und wenn es nach ihr geht, kommen noch einige mehr dazu. „Ich habe diese Arbeit immer mit Leib und Seele gemacht“, erzählt sie. Vom ersten Tag an.

Dass das morgendliche Austragen genau ihr Ding ist, ahnte Bauer natürlich noch nicht, als sie 1968 mit ihrem Zeitungszusteller ins Gespräch kam. Ein älterer Herr, der schlecht zu Fuß unterwegs war. Ohne viel zu überlegen sagte sie, dass sie sich vorstellen könnte, ihn zu unterstützen, wenn ihr jüngster Sohn im September in die Schule kommt. „Acht Tage später rief er an und überredete mich, sofort anzufangen.“ Allzu lange brauchte der Mann dafür nicht. Und bis heute hat Therese Bauer nie bereut, dass sie damals zugesagt hat.

Die Arbeit machte ihr von Tag zu Tag mehr Spaß. Aus den Namen und Adressen wurden Bekanntschaften. Noch heute kennt Therese Bauer jeden im Ort, der eine Zeitung abonniert hat. Obwohl sie nicht mehr jeden Morgen unterwegs ist. Sie springt aber gerne ein, wenn ein Zusteller krank wird oder Urlaub hat. Und sie verteilt die Zeitungen, die bei der morgendlichen Runde verschwunden sind. „Manchmal rufen sogar Leute direkt bei mir an, wenn sie keine Zeitung bekommen haben“, erzählt sie. Und manchmal muss sie dann auch für etwas mehr Verständnis für die Zeitungszusteller kämpfen, berichtet sie.

Vieles hat sich im Laufe der Jahre verändert. Damals, 1968, musste sie das Geld für die Zeitungen noch selbst kassieren. Sie bekam einen Monatslohn von 60 Mark. „Jede einzelne davon ist aufs Sparbuch gewandert“, erzählt sie. Nicht einen Tag Urlaub hat sie in der langen Zeit gemacht. Nie ist sie morgens im Bett geblieben, weil sie krank war. Dass die Zeitungen morgens pünktlich in den Briefkästen sind, hatte für Bauer immer Priorität. Vielleicht ist sie auch deshalb immer von selbst um 4 Uhr früh aufgewacht. „Das Aufstehen ist mir nie schwer gefallen“, erzählt sie. Im Gegenteil. „Wenn man um die Zeit mit dem Rad unterwegs ist, hat man die Welt ganz für sich“, erzählt sie. Der Sonnenaufgang, das Vogelgezwitscher – alles ist ganz intensiv. „Und wunderschön.“

Natürlich gab es auch viele Tage, die auf unangenehme Art intensiv waren. Schneestürme, Platzregen. An ihrem kältesten Arbeitstag zeigte das Thermometer minus 25 Grad. Ihr Mann Hans, der ihr jahrzehntelang auf den Touren half, hat sich nicht ganz so leicht damit getan, sich bei Regen und Kälte aus dem Bett zu quälen. „Es gab Tage, an denen wir unsere Hände erstmal unter heißes Wasser halten mussten, als wir um 6 Uhr früh heimgekommen sind“, erzählt er. Therese Bauer hat auch Unfälle hinter sich. „Besonders im Winter habe ich oft den Boden geküsst.“ Fast immer ging es glimpflich aus.

Nur einmal nicht. Im dicken Morgennebel konnte sie eine tiefe Baugrube nicht sehen, die frisch ausgehoben war. Sie stürzte mitsamt dem Rad kopfüber hinein und musste laut um Hilfe rufen. Ein Anwohner hörte das zum Glück. An diesem Morgen kehrte Therese Bauer mit einer Gehirnerschütterung nach Hause zurück. Aber erst, nachdem alle Zeitungen zugestellt waren.

Manchmal gelingt es ihr inzwischen, länger als bis vier Uhr früh zu schlafen. „Aber oft liege ich wach im Bett“, erzählt sie. Dann fährt sie ihre Route in Gedanken ab. Und dabei kommen die Erinnerungen. Wenn sie dann aufsteht, liegt die Freisinger Ausgabe des Münchner Merkur meistens schon in ihrem Briefkasten. Dann stellt sich Therese Bauer vor, was der Zusteller wohl auf seiner Tour durch Allershausen alles erlebt hat – und ist fast ein bisschen neidisch.

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