Der "Alte Wirt" in Zolling: Seit 180 Jahren im Familienbesitz

Zolling - Ein Gasthaus, seit 180 Jahren im Eigentum und Betrieb ein und der selben Familie, gibt es heute nur noch selten. Beim "Alten Wirt" in Zolling allerdings setzt derzeit die sechste Generation die Tradition fort.

Das Gasthaus wurde bereits im Jahr 1416 erstmals erwähnt. Seitdem gehörte es mit kurzen Unterbrechungen bis zum Jahr 1803 den Freisinger Bischöfen. Ob diese dort auch selbst einkehrten, ist nicht belegt. Erwiesen ist jedoch, dass der Wirt an den Bischof Abgaben leisten musste. Von der Säkularisation bis 1848 stand das Obereigentum am Gasthaus und dem dazugehörigen Anwesen dem Staat zu. Im Rahmen der Bauernbefreiung wurden die Wirtsleute freie Eigentümer von Grund und Boden.

Der tatsächliche Besitz des "Alten Wirt" liegt, von der weiblichen Linie her gesehen, seit 1831 im Eigentum des gleichen Geschlechts. Seinerzeit kam die Familie Gschlößl aus Marzill bei Abensberg durch Tausch in den Besitz der Wirtschaft. Als ein Generationenwechsel anstand, blieb die Tochter Anna Maria auf dem Gasthof. Sie heiratete 1849 Josef Hörhammer aus Gammelsdorf.

Josef Hörhammer hatte in Zolling einen guten Einstand: Er führte mit seiner Frau Maria 30 Jahre lang das Gasthaus und die dazugehörige Landwirtschaft. Der junge Wirt war ein hervorragender Schütze und förderte in Zolling auch den Schießsport. Da er zudem ein guter und leidenschaftlicher Jäger war, nannte man ihn bald den „Jagasepperl“. Sein Sohn Ludwig, der 1879 den Besitz übernahm und eine Tochter der Familie Mayr aus Oberzolling heiratete, stand seinem Vater in nichts nach: Als Mitglied der Feuerschützengesellschaft beteiligte er sich am Oktoberfestschießen. Auch mit Rennpferden, die er mit Erfolg züchtete, war er oft auf dem Oktoberfest in München vertreten und gewann dort zahlreiche. Er war 35 Jahre lang der Wirt in Zolling.

In der vierten Generation führte zunächst Ludwig Hörhammer den Betrieb, überließ ihn dann aber seinem Bruder Josef, der mit Anna Luttner, der Tochter des Gutsverwalters aus Moos, verheiratet war. Das Ehepaar baute die Wirtschaft weiter aus. In den 1950er Jahren wurde die Gaststube nach Art einer oberländischen Bauernstube modernisiert. Die Zeit, in der Josef und Anna Hörhammer das Gasthaus führten, war zum Teil vom Zweiten Weltkrieg geprägt. Viele Hungrige dieser Zeit erinnern sich noch heute dankbar daran, ein Essen oder eine Brotzeit von der Wirtin erhalten zu haben. Sprach man fortan von den Wirtsleuten aus Zolling, war bald von „Papi und Mami“ die Rede. In dieser Zeit errang die Wirtschaft hohes Ansehen, das bis zum heutigen Tage erhalten geblieben ist.

Der junge Wirt gab die Pferdezucht schließlich auf, frönte aber nach wie vor der Jagd. Dieses Hobby war der Wirtschaft überaus förderlich: Die Wirtin verstand es, Wild vortrefflich zuzubereiten. Hinzu kam, dass der Wirt auch Zither spielte. Nicht selten trafen sich Jäger und Leute aus der Umgebung in der Wirtsstube, wo man bei Gesang und guter Stimmung zwanglos beisammensaß.

1967 übernahmen Martha und Richard Scherr den „Alten Wirt“. Martha, die jüngste Tochter von Josef und Anna Hörhammer, hat Zeit ihres Lebens in der Wirtschaft der Eltern gearbeitet und viel gelernt: das Wirtschaften, das Kochen und den Umgang mit den Gästen. Ihr Mann Richard wuchs bald in die Rolle des Wirts hinein, und so blieb die lange Wirtshaustradition auch in der fünften Generation erhalten. Der ehemalige Staatsminister Philipp Held, Bayerns langjähriger Wirtschaftsminister Otto Wiesheu und Franz Obermeier, ehemals Bürgermeister der Gemeinde Zolling und heute Mitglied des Bundestages, wurden bald zu Stammgästen.

27 Jahre nachdem Martha und Richard Scherr das Geschäft übernommen haben, übergaben sie die „Alten Wirt“ im Jahr 1994 an ihren Sohn Ludwig. Der hatte vorher sein Handwerk gründlich gelernt: Der Ratskeller in München, das Forsthaus in Wörnbrunn und das Hotel „Zum Bären“ in Zürich zählten unter anderem zu seinen Stationen, bevor er sich schließlich wieder im Ampertal niederließ.

Heute ist Ludwig Scherr der Chef in dem Zollinger Traditionsgasthaus. Auch nach dem Tod seines Vater vor knapp einem Jahr, blieb ihm die Mutter eine wertvolle Stütze bei der Arbeit. Sie kümmert sich unter anderem um die Gäste, die die Fremdenzimmer belegen, und ist schon früh am Morgen auf den Beinen, wenn es gilt, ein gutes Frühstück zu servieren. Trotz des hohen Standards des Hauses, isst man beim „Alten Wirt“ in Zolling nach wie vor günstig, wie die zurückliegenden Feiertage zeigten: Zahlreiche Gäste nutzten das Angebot und genossen hier ihr Festessen. Übrigens: Eine Feier zum Familienjubiläum gab es nicht - zu groß ist nach wie vor die Trauer um Richard Scherr.

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