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Abstrich durchs Autofenster: Nach vorheriger Absprache nimmt Christian Coutelle auf seinem Praxisparkplatz bis zu 20 Abstriche pro Tag von Patienten. 

Hausärzte in der Krise

Attenkirchener Arzt macht Corona-Tests auf Praxis-Parkplatz - Schutzmaterial wird knapp

Hausärzten setzt die Corona-Krise zu. Um effizient arbeiten zu können, hat Christian Coutelle seinen Praxis-Parkplatz in eine Test-Station verwandelt. Doch dem Attenkirchner Arzt macht der Mangel an Schutzmaterial zu schaffen.

Attenkirchen – Nicht nur Krankenhäuser stellt das Corona-Virus aktuell vor ernsthaften Herausforderungen, auch Hausärzte im Landkreis Freising haben tagtäglich mit einer ganz neuen Situation zu kämpfen. Als Schnittstelle müssen diese Praxen zwischen Behandlung vor Ort und Klinik-Überweisung funktionieren – allerdings könnte schon bald der Eigenschutz der Helfenden nicht mehr gewährleistet sein.

„Wie kann das sein?“

Als das Ehepaar Christian und Fanny Coutelle die Attenkirchner Praxis vor zwei Jahren übernommen hat, wäre dieser „Worst-Case“ für beide nicht vorstellbar gewesen: Die Beschaffung von Schutzanzügen, FFP-Masken und Desinfektionsmittel wird zu einem heiklen Problemfall. Fanny Coutelle, examinierte und erfahrene Gesundheits- und Krankenpflegerin, zeigt sich erschüttert und fragt: „Wie kann das sein?“

Ganz aktuell sei vor allem Desinfektionsmittel, egal, ob für Flächen oder Haut, absolute Mangelware. Ihre Einschätzung, es werde knapp, beweisen auch die explodierenden Preise für die noch zu kaufenden Bestände. Haben zehn Liter Desinfektionsmittel vor Corona regulär im Schnitt um die 60 Euro gekostet, werden dafür momentan 250 Euro verlangt – oftmals sogar deutlich mehr. In Attenkirchen ist man sicher: „Die Hersteller wollen damit jetzt Profit machen.“

Hilfe kommt von Zahnartpraxen

Im Anfangsstadium der Krise hätte man das alles noch entspannt wahrgenommen, jetzt allerdings würde man sich darüber häufig den Kopf zerbrechen. Auch Christian Coutelle, Facharzt für Innere Medizin, ist überzeugt: Ohne die Unterstützung von beispielsweise den Zahnarztpraxen Wiesheu (Attenkirchen) und Gantner (Au) würde es sehr eng werden – beide würden immer wieder mit Material aushelfen, um überhaupt weiterarbeiten zu können.

FFP-Masken beziehen die Coutelles zudem zeitweise auch von einem Maler- und Lackierbetrieb, sodass ihr aktueller Bestand noch das ärztliche Tagesgeschäft erlaube. Die Lieferungen des Kassenärztlichen Verbands seien viel zu gering, man hoffe ständig auf zügigen Nachschub. Mit der Infektionswelle, so Fanny Coutelle, habe scheinbar niemand gerechnet. Vieles von dem Schutzmaterial sei in andere Länder gegangen oder Lieferungen einfach irgendwo „hängen geblieben“.

„Drive-In“-Teststelle auf dem Praxis-Parkplatz

Um Tests auf SARS-Cov2 weiterhin effizient durchführen zu können, hat sich Christian Coutelle relativ schnell für ein „Drive-In“-Modell in kleiner Form auf dem Praxis-Parkplatz entschieden. Tests in den Praxis-Räumen würden zudem nachträglich einen hohen Hygiene-Aufwand bedeuten, wofür wiederum langfristig Desinfektionsmittel fehlen würde. So könnten jetzt Patienten mit den typischen Symptomen wie Husten, Luftnot oder Fieber nach Telefonrücksprache und Terminvergabe zügig getestet werden. Um die 20 Abstriche pro Tag leiste die Praxis im Schnitt, insgesamt schätzt Christian Coutelle die bisherige Testungszahl in Attenkirchen auf 300 bis 400. Aktueller Stand: 41 auf Corona positiv Getestete, drei davon mit einem kritischen Verlauf. Seine Patienten kommen allerdings nicht nur aus dem Ort, sondern beispielsweise auch aus Au oder Nandlstadt.

Das Alltagsgeschäft der Praxis habe man in der Zwischenzeit so gut wie möglich heruntergefahren. Wer jetzt noch kommt, sei wirklich krank. Christian Coutelles Befürchtung ist die Zunahme von akuten Erkrankungen in den Hausarzt-Praxen, wenn Krankenhäuser die Patienten-Aufnahmen reduzierten. Zurzeit würden die meisten Anliegen von Corona-unabhängigen Erkrankten telefonisch betreut – auch die monatliche Tour von Fanny Coutelle zu ihren Patienten zur Wundversorgung oder zum Dauerkatheter-Wechseln liege momentan auf Eis.

„Vieles wird sich verändern“

Zu den momentan fehlenden Materialien kommt grundsätzlich aber auch noch fehlende Kommunikation hinzu: „Wir bekommen keine Informationen, wie wir vorzugehen haben“, beklagt Fanny Coutelle. Vom ersten Corona-Fall im Landkreis habe Christian Coutelle aus der Zeitung erfahren. Auch dadurch sei es zu einer „angespannten Situation“ gekommen, die Hausarzt-Praxen würden nicht eingebunden werden.

Positiv sieht der Internist die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt und seinen Patienten im Allgemeinen: Das Verständnis sei weitgehend groß. Hausbesuche seien rückläufig, auch seine Betreuung des Seniorenheims Zolling sei vor allem für Notfälle ausgerichtet.

Kritik gibt es von Fanny Coutelle am Gesundheitsminister Jens Spahn: „Das kostenlose Essen für Krankenschwestern hätte er sich sparen können – Anerkennung und Hilfe muss anders gezeigt werden.“ Zudem sei es wünschenswert, dass soziale Berufe endlich richtig geschätzt würden. Angst hat das Paar vor allem von den Auswirkungen auf die ältere Generation, aber auch von den Nachwehen der Krise auf die Gesellschaft. Beide sind sicher: „Vieles wird sich verändern.“

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