Eine Torte zum Zehnjährigen: Pfarrer Stephan Rauscher feierte sein erstes Priesterjubiläum und wurde von seiner Gemeinde reich beschenkt.

Im Gespräch mit Pfarrer Stephan Rauscher zum zehnjährigen Priesterjubiläum

„Die Menschen haben ein Recht auf mich“

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Er ist beim Faschingsumzug mit dabei, spielt leidenschaftlich gerne Theater und singt wie ein junger Gott. Kurze Strecken legt er auf seinem feuerroten Roller zurück, er liebt seinen Hund Xaverl, nennt Frauen gerne Schatzl und ist selbst bekannt wie der vielzitierte bunte Hund: Pfarrer Stephan Rauscher, Leiter des Pfarrverbands Attenkirchen und Nandlstadt, ist, wie er selbst sagt, ein streitbarer Geist, hält die Politik aus seinem beruflichen Alltag, den er als Berufung sieht, heraus und kann sich über eine Sache so richtig ärgern – wenn Leute „hintenrum“ reden. Im Gespräch mit einem ganz außergewöhnlichen Geistlichen gab es viel zu lachen, einiges zu wundern und eine Menge tiefsinniger Zwischentöne.

-Die ersten zehn sind voll. Wie würden Sie die vergangenen zehn Jahre kurz zusammenfassen?

Es gibt keinen einzigen Tag, an dem ich den Schritt, Pfarrer zu werden, bereut hätte. Freilich, es gab viele Höhen und viele Tiefen. Aber es war immer schön – egal, ob ich mich mal ärgern musste oder gezwungen war, Entscheidungen zu treffen, die mir schwergefallen sind und über die ich mir unsicher war. Zehn Jahre! Ich frag mich schon, wo die Zeit hingegangen ist.

-Mit 38 Jahren sind Sie – auch nach zehn Jahren noch – ein sehr junger Pfarrer. Mussten oder müssen Sie sich Ihre jugendliche Einstellung, das Jungsein, manchmal verkneifen?

Nein, so ist das gar nicht. Aber das liegt wohl auch daran, dass die Leute mich immer älter schätzen als ich eigentlich bin (lacht). Man geht einfach immer davon aus, dass der Pfarrer schon ein gewisses Alter hat. Und grundsätzlich ist man ja immer so alt, wie man sich fühlt. Also bin ich 85 – kleiner Scherz.

- Dann sind Sie also auch den älteren Gläubigen Ihrer Gemeinden nicht zu jung?

Nie! Die freuen sich alle, dass sie einen Pfarrer haben, der noch nicht so alt ist – auch wenn, glaub ich, keiner so wirklich weiß, wie alt ich bin. Und ehrlich gesagt fühle ich mich auch oft älter als 38. Nicht körperlich. Das gar nicht. Ich denk mir nur manchmal: was ich schon alles gemacht habe in meinem Leben. Also auch vor meiner Zeit als Pfarrer. Ich hab Theater gespielt, eine Jugendgruppe aufgebaut, ich hab gesungen. Ich war sogar kurz davor, einen Plattenvertrag zu unterschreiben – aber da kam mir erst der Stimmbruch und dann das Pfarrersein dazwischen.

-Nichtstun ist nicht so das Ihre?

Nein, das kann ich gar nicht. Gestern zum Beispiel. Da hatte ich frei und hab das Pfarrhaus in Wolfersdorf renoviert. Ich hab mir eingebildet, dass ich da eine Borte haben mag. Das mach ich dann selber, da sparen wir uns Geld. Aber das ist gar nicht so einfach, wie ich mir das gedacht hab.

-Sie wissen immer genau, was Sie wollen?

Ich hab immer ganz konkrete Vorstellungen, wie etwas sein soll und gehe auch selten unvorbereitet irgendwo hin.

-Sie sind das, was man „Spätberufener“ nennt. Wie geht das mit Ihrem Alter zusammen?

Klingt komisch, ist aber so. Das hat auch weniger mit dem Alter zu tun, sondern mit der Tatsache, dass ich quasi erst auf dem zweiten Bildungsweg zu meiner Berufung gekommen bin.

-Sie haben also erst als Erwachsener gewusst, dass Sie Priester werden wollen?

Ich war mir schon mit zwei Jahren sicher, dass ich Pfarrer werden will, hab schon als Bub immer Pfarrer gespielt, jeden Tag meine Kirche gehalten, wenn was gestorben ist, hab ich’s eingegraben – also freilich Tiere. Ich bin immer mit meinem Weihwasserkessel rumgelaufen, hab Kommunion ausgeteilt – und die Nachbarn und die Familie auch oft damit genervt. Also wenn man so will, war ich – mit ein paar Unterbrechungen – immer auf dem Weg. Ich hatte auch eine beeindruckende Gestalt als Vorbild: Pater Waldemar aus meiner Heimatgemeinde damals. Bei ihm war ich Ministrant, später Oberministrant. Der Pater war mein großes Idol. Er war mit ganzem Herzen Pfarrer. Aber weil ich „nur“ auf der Hauptschule war, hab ich mir diesen Traum zunächst abgeschminkt und Kinderpfleger gelernt. Für mich war klar, ohne Abitur kann ich nicht studieren. Bis ich mich an der Gemeindereferentenschule angemeldet habe, und mich mein Gegenüber fragte: „Warum werden Sie eigentlich nicht Pfarrer?“ Er hat mir erklärt, wie ich mein Abi nachholen kann. Tja, und das hab ich dann gemacht. Mit 17 angefangen, mit 21 hatte ich mein Abitur in der Tasche. Deshalb Spätberufener, weil ich mich über den zweiten Bildungsweg für das Theologiestudium entschieden habe.

-Obwohl Sie es schon immer wollten, ging der Weg auf Ihr Ziel, Pfarrer zu werden, nicht wirklich gerade aus.

Ich seh aber in diesem Weg das Wirken vom Herrgott. Die Kinderpflegeschule hat mir wahnsinnig viel gebracht, auch heute noch im Umgang mit Menschen, mit Jugendlichen und mit Kindern. Aber es stimmt schon: Es ist bei mir nie geradeaus gegangen. Die Hand des Herrgotts hat mich auf meinem Weg schon oft noch in dieses und jenes Eck geschickt.

-Als so junger Pfarrer sind Sie auch auf Facebook aktiv. Gab es da einen Kurs für Geistliche, schauen Ihnen Ihre Vorgesetzten da streng auf die Finger?

Da gibt es keine Vorgaben. Auch wenn es zu Beginn etwas skeptisch gesehen wurde, hat man mittlerweile erkannt, dass es gut ist, auch da präsent zu sein. Das hat sich aber in den vergangenen Jahren auch verändert. Nach meiner ersten Firmstunde hatte ich früher immer zig Freundschaftsanfragen von den Firmlingen – mittlerweile eher von den Eltern.

-Auf Facebook gab es aber auch nicht nur freundliche Stimmen – unter anderem zum Thema Kirchenasyl, das Sie im Landkreis Freising ja geprägt haben. Sie haben schon mehreren Flüchtlingen Asyl in Ihrer Garage gewährt. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Größtenteils wirklich Positive. Ich habe insgesamt schon neun abgelehnten Flüchtlingen auf diesem Weg zu einer zweiten Chance verholfen. Aber ich bin tatsächlich auch richtig böse angeschrieben worden. Etwa weil „ich Unmensch“ die jungen Leute in der Garage hausen lasse. Was ja ein Schmarrn ist, weil die Garage ist ausgebaut, da ist eine Toilette und eine Dusche nebendran.

-Sind Sie in dem Moment, in dem Sie einen Flüchtling aufnehmen, politisch?

Ganz und gar nicht. Es ist nicht meine Motivation, da politisch zu agieren. Man muss das Thema mit dem christlichen Menschenbild betrachten und schauen, wo man helfen kann. In dieser Situation ist das nicht mehr abstrakt, da steht ganz konkret ein Mensch vor der Tür. Man hat mir vorgeworfen, ich würde damit Kirchensteuergelder verprassen. Denen kann ich sagen: Ich zahl das alles aus eigener Tasche, wenn ich jemandem Asyl gewähre. Als Jimmy gehört hat, dass ich da vielleicht Ärger bekomme, hat er richtig geweint. Ich hab ihn dann beruhigt, dass ich das schon aushalte. Aber ich kann mit dem Kirchenasyl einem Menschen eine zweite Chance eröffnen. Und nach deutschem Recht gehe ich dann davon aus, dass er ein geregeltes, gutes Verfahren bekommt. Ich predige in der Kirche von Nächstenliebe – da kann ich keinen Menschen wegschicken, der Hilfe braucht, oder?

-Was war so die schlimmste Kritik, der Sie ausgesetzt waren?

Auf Facebook wurde ich schon einige Male als Gutmensch bezeichnet. Aber eine Mail habe ich erhalten, die hab ich dann wirklich an die Polizei weitergeschickt, damit man sieht, dass ich in dieser Position nicht bei allen gut ankomme. Da schrieb einer von „Kirchenschwein“ und „Ihr dreckigen Kinderschänder werdet bald im KZ schmoren“.

-Wird versucht, Sie politisch auf eine Seite zu ziehen?

Ja, da wird immer wieder versucht, mich ins Boot zu holen. Privat kann man mit mir darüber sprechen, da hab ich eine klare Meinung. Aber ich werde keine Predigt dazu missbrauchen, um für oder gegen eine Partei zu wettern. Als Pfarrer habe ich die Aufgabe, mich da neutral zu verhalten. Auch wenn ich nicht alles, was so passiert, nachvollziehen kann. Meine Antwort ist immer: Ich würde in diesem und jenem Fall christlich handeln. Und das tue ich, ohne mit dem Finger auf andere zu zeigen und zu fragen, wieso macht ihr es nicht so wie ich. Die müssen sich ja vor dem Herrgott dafür verantworten – aber ich halt auch.

-Nehmen Sie es persönlich, wenn Menschen aus der Kirche austreten?

Ja, das tut mir wirklich weh. Jeder einzelne Brief, der da bei mir ankommt, wenn sich wieder einer von der Kirche verabschiedet hat. Ich suche dann das Gespräch, ich möchte wissen, ob ich etwas falsch gemacht habe. Präventiv kann man da nichts tun, weil ich erfahre es ja erst, wenn der Schritt schon gemacht ist. Viele sind wegen des Geldes ausgetreten, ein paar sagen, ich glaube nicht an Gott – dann ist dieser Schritt konsequent und ich respektiere das. Wegen der Missbrauchsfälle in der Kirche hatten wir auch eine Austrittswelle – die ist aber zwischenzeitlich abgeebbt. Aber ich schreibe jedem, der der Kirche den Rücken kehrt, persönlich einen Brief – und habe im Gespräch auch schon so manche wieder zurückholen können.

-Vergleichen Sie sich mit Ihren Mitbrüdern?

Nein.

-Sie wissen aber trotzdem, dass Sie anders sind als andere Geistliche?

Ich bin manchmal auffällig, das weiß ich. Mir ist schon klar, wenn ich mit meinem roten Roller rumfahre, dass die Leute dann lachen. Aber das ist doch schön, wenn ich die Menschen zum Grinsen bringe. Bewusst überlegen, was ich machen kann, um hervorzustechen, das tu ich nicht. Ich spiele Theater, ich singe – das sind Talente, die mir der Herrgott mitgegeben habe, damit ich sie einsetze. Und Rollerfahren macht mir einfach Spaß.

-Empfinden Sie es als Kompliment, wenn man über Sie sagt: „Der ist aber weltlich“?

Das kommt jetzt ganz auf den Zusammenhang an. Wenn einer meiner Glaubensbrüder zu mir sagen würde, ich sei weltlich, würde ich mir schon einen Kopf machen. Aber da ich ein Pfarrer bin, der zumindest versucht, bei den Leuten zu sein, würde ich es, wenn es von einem Gläubigen meiner Gemeinde kommt, eher als Kompliment nehmen. Bei meinen Mitbrüdern gelte ich aber sowieso eher als sehr konservativ.

-Wirklich? Das ist schwer vorstellbar. Wieso?

Weil ich immer mein schwarzes Kleid trage. Das ist für mich ein Zeichen, das man aber bitte nicht falsch interpretieren soll. Ich will nicht der sein, der sich abhebt, ich bin nichts besseres, weil ich ein geistliches Gewand anhabe. Es ist ein priesterliches Kleid, und das trage ich täglich. Ich bediene mich dieses Gewands, damit die Menschen sehen: – „Ah, der Pfarrer“. Denn ich fühle mich immer im Dienst des Herrgotts. So bin ich halt. Ich wollte schon immer Pfarrer werden, auf dem Weg zur Priesterweihe lagen viele Steine in meinem Weg. Jetzt bin ich es – und will es auch sein. Da gibt’s keinen Feierabend. Wenn ich das Gewand nicht trage, fühlt es sich so an, als würde ich mich verstecken. Zu meiner Berufung gehört für mich der Talar: ob ich jetzt auf einem Termin unterwegs bin oder beim Weißeln – es ist halt mein Arbeitsgewand. Das im Übrigen furchtbar praktisch ist. Eine Frau steht vor dem Schrank und fragt sich, ob sie das kleine Schwarze anziehen soll. Ich nehm halt täglich das lange Schwarze (lacht). Und die Jugendlichen finden das cool, das freut mich immer. Grundsätzlich erbitte ich mir einfach die Freiheit, es immer tragen zu dürfen, weil es eine Ehre für mich ist. Die Menschen, die meine von Gott geschenkte Familie sind, haben ein Recht auf mich. Ich verzichte auf eine Familie im Kleinen, ich bin nicht privat, sondern immer im Namen vom Herrgott auf der Welt. Es ist kein Beruf, es ist meine Berufung. Es ist mein Leben, das sich durch die Priesterweihe einfach grundlegend geändert hat.

-Was ärgert Sie?

Wenn die Menschen schimpfen, ohne miteinander zu reden. Das Hintenrum ärgert mich. Wenn ich Vorwürfe höre gegen meine Person, auch wenn es wenige sind, will ich die ernst nehmen. Und das geht halt nur, wenn derjenige mir das ehrlich und direkt ins Gesicht sagt.

-Worüber reden denn die Menschen hinter Ihrem Rücken?

Da gibt es Stimmen in der Pfarrei, die es nicht mögen, dass ich bayerisch predige. Das würde mich auch ärgern, wenn sie mir das ins Gesicht sagen, aber dann könnte ich gleich antworten. Dann sag ich zu meinen Schwestern und zu Frauen aus der Pfarrgemeinde gerne Schatzl, weil ich mir Namen so schlecht merken kann. Jemand meinte mal, das würde Frauen runtersetzen und ich würde mich über sie lustig machen. Da fühle ich mich so missverstanden, weil es so einfach überhaupt nicht gemeint ist.

-Wenn ich Sie in zehn Jahren wieder zum Interview treffe, welche Frage wollen Sie dann unbedingt mit Ja beantworten?

Ob ich immer noch zufrieden bin.

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