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Sofija (16) flüchtete allein aus der Ukraine – Jetzt hat sie ihre Mama wieder

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Von: Magdalena Höcherl

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Starkes Band zwischen Mutter und Tochter: Kateryna und Sofija Veremeienko
Starkes Band zwischen Mutter und Tochter: Kateryna und Sofija Veremeienko haben in den vergangenen Wochen viel durchgestanden. © mh

Sofija ist aus der Ukraine geflüchtet. Jetzt lebt sie mit ihrer Mutter in Attenkirchen. Eine Geschichte, die zeigt, dass die Hoffnung niemals stirbt.

Attenkirchen/Irpin – Auf dem Schreibtisch das Tablet, daneben Block und Vokabelheft. Auf dem gläsernen Nachttisch neben dem Bett liegen Kopfhörer und Schillers „Kabale und Liebe“, auf dem Sessel in der Ecke Klamotten. Auf den ersten Blick ein typisches Jugendzimmer, doch auf den zweiten passt es nicht ganz: An der Wand steht ein großer Schrank voller Ordner, und eigentlich ist der Schreibtisch zu dominant für den Raum. Bis vor zwei Monaten war hier, im Obergeschoß des Attenkirchner Einfamilienhauses, das Büro von Sandra und Jörn Maeding. Jetzt ist es Sofijas Reich. Die 16 Quadratmeter sind für sie nicht nur ein Zimmer: Sie stehen für ein neues Leben – in Frieden und Sicherheit.

Als der Krieg beginnt, ist Sofija zu Hause - ihre Eltern in Sri Lanka

Noch vor einigen Wochen ging Sofija wie alle ukrainischen Kinder in ihrer Heimatstadt Irpin zur Schule, war ein ganz normaler Teenager, freute sich auf ihren 16. Geburtstag. Doch dann kommt alles anders: Als am 24. Februar russische Truppen in die Ukraine einmarschieren, ist auf einmal nichts mehr so wie früher. Diesen Tag kann das zierliche Mädchen mit den braunen Haaren wohl nie mehr vergessen. Weil Sofija kein Fan von Sonne und Strand ist, hat sie keine Lust auf Familienurlaub in Sri Lanka. „Ich bin lieber mit meinen Großeltern zu Hause in Irpin geblieben.“ Am 27. Februar hätten ihre Eltern wieder zurückkommen sollen. Doch drei Tage zuvor beginnt der Krieg – und damit die schlimmste Zeit ihres Lebens.

Herzlich willkommen! Sandra und Jörn Maeding mit Hündin „Kira“ freuen sich, Kateryna und Sofija bei sich zu haben. 
Herzlich willkommen! Sandra und Jörn Maeding mit Hündin „Kira“ freuen sich, Kateryna und Sofija bei sich zu haben.  © mh

Sofija hört nahezu täglich Explosionen, die sie zum Teil aus dem Schlaf reißen. „Ich habe viel Zeit im Badezimmer verbracht, das war der sicherste Raum der Wohnung.“ Denn einen Keller gibt es nicht. Sie und ihre Großeltern versuchen, sich so gut es geht abzulenken. Sofija schaut Netflix, Zeichentrickserien wie Southpark liebt sie. Via Smartphone hält sie Kontakt zu ihren Freundinnen, die zum Teil schon nach Polen oder Moldau geflohen sind. Als sie erfährt, dass das russische Militär in der Nachbarstadt Butscha angelangt ist, bekommt Sofija große Angst. Es wird immer gefährlicher.

Katerynas Angst um ihre Tochter ist riesig

Mehr als 6000 Kilometer entfernt ist Kateryna Veremeienko krank vor Sorge. Nur wenige Tage zuvor genossen sie und ihr Mann Ruslan den Urlaub im Paradies: keine To-do’s, nur Erholung und Sonne satt. Doch als die 39-Jährige am 24. Februar ihr Handy checkt, sind die Ferien schlagartig vorbei. „Als erstes konnte ich nicht glauben, dass so etwas in unserer modernen Welt geschehen kann. Dann war ich völlig verzweifelt, weil ich nicht bei meiner Tochter sein konnte. Das hat mich verrückt gemacht.“ Kateryna kann nicht mehr essen, nicht mehr schlafen. Sie schaut nur noch Nachrichten, parallel hält sie Kontakt mit ihren Lieben. „Ich habe fast jede Stunde mit Sofija gesprochen. Meine Angst war riesig.“

Der Vater geht zurück in die Ukraine

Das Ehepaar will zurück in die Heimat, doch Flüge nach Kiew sind nicht mehr möglich – zu gefährlich. Also fliegen sie zunächst nach Istanbul und entscheiden dann, weiter nach Prag zu gehen – „so waren wir näher an der Ukraine“. Dort hat Kateryna eine Freundin, die eine Übernachtungsgelegenheit organisiert. Für ihren Mann Ruslan, der als Chirurg in Kiew arbeitet, steht von Anfang an fest, wieder in die Ukraine zurückzukehren. „Das wollte ich für Sofija und mich aber nicht. Es war einfach zu gefährlich.“ Weil sich die Situation zunehmend verschärft, ist den Eltern klar: Ihre Tochter muss ausreisen. Kateryna organisiert die Fahrt vom Ausland aus. „Ich war extrem nervös, es schien mir sehr gefährlich.“ Doch selbst Sofija sagt: „Zu bleiben war noch gefährlicher.“

Das war der schlimmste Tag in meinem Leben.

Kateryna machte sich große Sorgen, als sich Sofija allein auf den Weg machen musste

Als sich Sofija ein paar Tage nach Kriegsbeginn auf den Weg Richtung polnische Grenze macht, um dort ihre Eltern zu treffen, ist Mutter Kateryna angespannt wie nie zuvor. „Das war der schlimmste Tag in meinem Leben. Ich stellte mir alle möglichen schlimmen Szenarien vor.“ Der zierlichen blonden Frau, die an dem gläsernen Esstisch in Attenkirchen sitzt, steigen Tränen in die Augen.

Sofija kann ausreisen - danach zerstören Bomben die Bahngleise

In Irpin hat es an diesem Tag nur zwei Grad, es liegt Schnee. Vier Stunden wartet Sofija mit etlichen anderen Menschen am Bahnsteig, das Gedränge ist riesig. Als Mädchen darf sie gleich in den ersten Zug nach Kiew einsteigen. „Der nächste konnte nicht mehr fahren, denn die Gleise wurden in der Zwischenzeit zerstört.“ Sie hört, wie die Bomben einschlagen. „Ich hatte großes Glück“, sagt sie und lächelt ihre Mama an.

Ich konnte nichts trinken oder auf die Toilette gehen - acht Stunden lang.

Sofija über ihre Flucht aus der Ukraine

Von Kiew soll es weitergehen nach Lwiw, nahe der polnischen Grenze. Um dahin zu gelangen, soll sie in der Hauptstadt eine Frau treffen, die sie begleitet. „Aber sie kam nicht – und ich bekam Panik.“ Dafür kommt Sofija am Bahnhof mit einer anderen Frau ins Gespräch, die das gleiche Ziel hat. Mit der tut sie sich zusammen. „Im Zug waren so viele Leute. Ich habe mich auf den Boden gesetzt, um nicht die ganze Zeit stehen zu müssen. Ich konnte nichts trinken oder auf die Toilette gehen – acht Stunden lang.“

Bild der Zerstörung: Zahlreiche Gebäude in Irpin sind inzwischen zerstört. Auch Sofijas Großeltern sind von dort geflohen und leben jetzt in Kiew. 
Bild der Zerstörung: Zahlreiche Gebäude in Irpin sind inzwischen zerstört. Auch Sofijas Großeltern sind von dort geflohen und leben jetzt in Kiew.  © Emilio Morenatti

Es ist 2 Uhr nachts, als sie am 3. März in Lwiw ankommt. Dort kann sie ihre Eltern endlich wieder in die Arme schließen. Doch die Freude über die Familienzusammenkunft währt nur kurz: Von ihrem Vater muss sich Sofija gleich wieder verabschieden. Er geht zurück in das Land, aus dem seine Tochter flieht. Als Arzt kann er nicht anders: Er möchte helfen.

Sofijas großer Traum: ein Journalismusstudium in München

Sofija und ihre Mutter reisen nach Prag zurück, wo sie mit anderen Geflüchteten in einer Halle unterkommen. „Es war viel Lärm, Kinder haben geschrien, Leute geweint. Aber wir haben alles bekommen, was wir gebraucht haben. Essen, Waschzeug, Kleidung. Die Menschen waren so freundlich und hilfsbereit.“ Trotzdem fühlen beide, dass sie hier nicht bleiben können. Kateryna sagt schließlich: „Sofija, du hast Deutsch gelernt. Gehen wir nach Deutschland!“ Schon lange träumt die Schülerin davon, nach ihrem Abschluss an der Ludwig-Maximilians-Universität in München zu studieren. Fünf Jahre hat Sofija in der Schule Deutsch gelernt, später nahm sie Privatunterricht. Das kommt ihr nun zugute: Mutter und Tochter kaufen ein Zugticket nach München – ohne Kontakte, aber mit dem großen Wunsch, dort unterzukommen.

Ehrenamtliche Helfer der Caritas kümmern sich um die Geflüchteten, die in der Landeshauptstadt ankommen. Sie organisieren nicht nur Grundverpflegung und Corona-Tests, sondern sorgen auch dafür, dass die Menschen eine Unterkunft in der Region finden. So landen Sofija und ihre Mama schließlich bei den Maedings in Attenkirchen, die sich zuvor gemeldet und Wohnraum angeboten haben.

Die Maedings haben sich morgens registriert und ihre Gäste mittags abgeholt

„Das Ganze kam relativ spontan“, erzählt Sandra Maeding. Sie und ihr Mann Jörn hatten zwei Zimmer frei und sich daher am Dienstag, 8. März, morgens registriert. „Schon mittags haben wir Kateryna und Sofija abgeholt. Und wir sind sehr froh, sie beide hier zu haben“, sagt sie, während sie in der Küche steht und das Abendessen vorbereitet. An diesem Tag gibt es Spargel, doch auch ukrainische Gerichte wie Borschtsch stehen nun häufig auf dem Speiseplan. „Kateryna kocht sehr gut“, schwärmt Sandra Maeding.

Augenblick aus einer anderen Zeit: der „Mama“-Park in Irpin im Oktober 2021. 
Augenblick aus einer anderen Zeit: der „Mama“-Park in Irpin im Oktober 2021.  © Screenshot: instagram/beautifulirpin

Sich in der Küche nützlich zu machen, ist für Kateryna eine Selbstverständlichkeit. So kann sie dem Attenkirchner Paar zumindest eine Kleinigkeit zurückgeben. Immer wieder betont sie, wie freundlich und hilfsbereit die Menschen hier seien. „Das ist so toll. Wir können uns glücklich schätzen.“

Freising und Irpin ähneln sich sehr

Vor allem Freising hat es ihnen angetan. Die Domstadt erinnert wegen ihrer Größe und der Nähe zur (Landes-)Hauptstadt an ihre Heimat Irpin. „Es ist wunderschön mit dem Dom und den kleinen Straßen. Ich bin so froh, dass wir hier sind“, sagt Kateryna auf Englisch. Anders als ihre Tochter spricht sie noch wenig Deutsch, doch seit ihrer Ankunft bemüht sie sich intensiv darum, die Sprache so schnell wie möglich zu lernen. Dafür besucht sie täglich einen Kurs in Freising. „Die Lehrerin ist fantastisch“, erzählt sie begeistert. „Ich möchte schnell lernen, damit ich arbeiten kann.“ Sie ist ausgebildete Krankenschwester und hat einen Wirtschaftsabschluss. Vor dem Krieg war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei einer Firma für Biobanken tätig, wo Stoffe wie Körperflüssigkeiten und Gewebeproben zu Forschungszwecken in Datenbanken verwaltet werden. „Vielleicht kann ich auch hier in einem ähnlichen Bereich arbeiten.“

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Sofija indes konzentriert sich voll und ganz auf die Schule, die sie sozusagen doppelt besucht. Noch immer findet der Unterricht an ihrer Schule in Irpin statt, via Internet. Gleichzeitig geht sie in die 10e des Camerloher-Gymnasiums ins Freising. Dort wurden zwei Klassen für geflüchtete Kinder eingerichtet. Doch weil Sofija schon so gut Deutsch spricht, ist sie in der Regelklasse. „Bildung ist mir sehr wichtig.“

Bunte Fontänen: Vor dem Krieg waren solche Bilder – hier das Rathaus – auf dem Instagramkanal „beautifulirpin“ zu sehen. 
Bunte Fontänen: Vor dem Krieg waren solche Bilder – hier das Rathaus – auf dem Instagramkanal „beautifulirpin“ zu sehen.  © Screenshot: instagram/beautifulirpin

Bilder aus der Heimat stimmen sie traurig

Oft können Mutter und Tochter gar nicht fassen, was ihnen in den vergangenen Wochen widerfahren ist. „Manchmal ist es, als würden wir träumen.“ Doch so froh die beiden darüber sind, in Attenkirchen in Sicherheit zu sein, so groß ist die Sorge um die Heimat. „Das Schlimmste für mich ist, die Bilder aus Irpin zu sehen“, sagt Kateryna. Auf Instagram folgt sie der Seite „beautifulirpin“ – wunderschönes Irpin. Früher war der Kanal gefüllt mit Bildern von Gebäuden der Stadt, Parks mit blühenden Blumen oder Irpin in Weihnachtsstimmung. Nun schauen die meisten Fotos anders aus: Es sind Bilder der Zerstörung, Menschen in Trauer und Angst, Waffen auf den Straßen. „Das zu sehen, ist unfassbar.“ Dasselbe gilt für Butscha: „Ich bin noch immer schockiert, wie schrecklich grausam Menschen sein können. Wie weit die Russen gehen, dass sie friedliche Leute töten.“

Die beiden sind froh, dass Sofijas Großeltern, Katerynas Eltern, Irpin inzwischen verlassen haben und nach Kiew zu einem Bekannten gezogen sind. Rechtzeitig, bevor auch die Nachbarschaft angegriffen wurde. Sofija telefoniert regelmäßig mit ihren Großeltern. „Sie sagen, dass es ihnen gut geht. Dass es ruhig ist. Opa löst Sudoku, Oma kocht und geht spazieren.“ Kateryna spricht jeden Tag mit ihrem Mann, mindestens einmal. Auch ihre Schwester und ihre Mutter ruft sie täglich an.

Sofijas Großeltern stammen aus Russland

Was Kateryna zu schaffen macht: Ihre Eltern stammen aus Russland, kamen 1975 in die Ukraine. „Sie leben hier seit 47 Jahren. 47 Jahre lang war alles in Ordnung. Und jetzt hat jemand entschieden, dass die Russen in der Ukraine ,gerettet‘ werden müssen – aber wovon denn?“ Sie schüttelt den Kopf. „Mein Opa konnte nie verstehen, warum wir in der Schule nicht Russisch lernen“, erzählt Sofija. „Ich habe immer gesagt, dass das nicht unsere offizielle Sprache ist. Wir haben darüber immer ein bisschen gestritten. Jetzt hat sich seine Meinung natürlich geändert.“ Wann sie ihre Großeltern und ihren Vater wiedersehen wird, weiß Sofija nicht. „Wir können nicht planen. Aber wir hoffen.“

Wie kann ich lachen, wo ich weiß, dass Mädchen aus meiner Schule von russischen Soldaten vergewaltigt worden sind?

Sofija, die nach ihrer Ankunft in Attenkirchen Schuldgefühle plagten

Vor allem wegen dieser Unsicherheit ist das Gefühlschaos nach wie vor riesig. Doch mit den Wochen in Attenkirchen ist Sofija ruhiger geworden. „Am Anfang fühlte ich starke Schuld. Ich habe mich gefragt: Wie kann ich lachen, wo ich weiß, dass Mädchen aus meiner Schule von russischen Soldaten vergewaltigt worden sind?“ Aber mit der Zeit versteht sie: „Diese Gedanken haben keinen Sinn. Ich muss weiterleben und meine Chance nutzen. Lernen, mich weiterbilden.“ Sofijas großes Ziel ist das Journalismusstudium an der LMU in München. „Ich will als Politikjournalistin in die Ukraine zurückkehren, um der ganzen Welt die Wahrheit zu erzählen.“

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Alle weiteren Infos zum Ukraine-Krieg und dessen Auswirkungen in Bayern lesen Sie hier auf unserer Themenseite Ukraine-Flüchtlinge.

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