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Insgesamt 65 Personen infizierten sich im Kursana Seniorenheim in Au mit Corona.

Interview

Corona im Pflegeheim, Seniorin angesteckt: Tochter berichtet, wie es ihr ergangen ist

  • Andrea Beschorner
    vonAndrea Beschorner
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Im Kursana-Seniorenheim in Au starben 16 Bewohner am Coronavirus. Auch die Mutter (93) von Gabriele Pfefferkorn wurde infiziert. Die Tochter berichtet von qualvollen Momenten.

Au/Hallertau– Am 1. April bestätigt das Kursana-Seniorenheim in Au 14 Corona-Infektions- und drei Todesfälle. Bis Mitte Mai haben sich 65 Personen mit dem Virus infiziert – 16 Bewohner sterben. In der Hochphase der Infektion sind die Heimbewohner von der Außenwelt abgeschottet, Besuch von Angehörigen ist aus Sicherheitsgründen untersagt. Und bis zum heutigen Tag ist kein Alltag eingekehrt. Eine Prüfung, nicht nur für das Pflegepersonal und die Bewohner, sondern auch für die Angehörigen. Wir haben uns mit Gabriele Pfefferkorn zum Interview getroffen. Deren Mutter, 93, ist dement, lebt im Kursana-Domizil – und wurde positiv auf COVID-19-getestet.

Frau Pfefferkorn, Ihre Mama ist eine Bewohnerin des Seniorenheims in Au, das in den vergangenen Wochen wegen Corona nicht zur Ruhe gekommen ist. Wie geht es Ihrer Mutter jetzt?

Meiner Mutter geht es den Umständen entsprechend gut, wenn man davon absieht, dass sie ans Bett „gefesselt“ und dement ist.

Ans Bett gefesselt?

Seit ihrem Sturz Ende Februar ist sie bettlägerig. Zuerst hatte sie eine Platzwunde am Kopf und war deshalb im Klinikum Freising. Einen Tag später stürzte sie erneut, zog sich eine Oberschenkelfraktur zu und musste operiert werden. Eine Woche später wurde sie aus dem Klinikum entlassen und war zurück in Au. Für demenzkranke Menschen ist jede Veränderung eine Katastrophe. Sie weiß nicht, warum sie hier ist, und kennt sich nicht mehr aus.

Gabriele Pfefferkorn sorgt sich um ihre Mutter.

Und dann kam Corona. Wann durften Sie Ihre Mama zuletzt besuchen?

Der letzter Besuch fand vor einer Woche statt. Im Schutzanzug mit Maske und Handschuhen.

Und die Zeit zwischen den Besuchen: Können Sie mit Ihrer Mutter telefonieren?

Ich kann mit ihr telefonieren, tue es aber nicht so oft. Die Pflegekräfte müssen dazu mit dem Handy ins Zimmer und dabei sein. Wenn das jeder Angehörige macht, sind die Pflegekräfte nur noch dafür unterwegs. Es gab sogar die Möglichkeit, meine Mutter in der schlimmsten Phase ohne Besuchsmöglichkeit via Tablet/Video zu sehen und mit ihr zu sprechen. Verstanden hat meine Mutter es aber nicht, plötzlich mich und meine Schwester auf dem Bildschirm zu sehen.

Fühlen Sie sich als Angehörige gut informiert über den Stand der Dinge?

Ich war durch die Heimleitung oder die Pflegekräfte jederzeit informiert. Ich konnte und kann jederzeit anrufen oder habe auch des öfteren das persönliche Gespräch gesucht. Die Kommunikation ist gut.

„In der Nacht kann man keine Ruhe finden“

Die Sorge um Ihre Mutter muss unvorstellbar groß sein. Wie gehen Sie damit um?

Sie haben Recht: Am Anfang der ganzen Geschichte war es besonders schlimm für mich. Ständig die Angst es könnte angerufen werden, dass es Mama schlechter geht, was auch zwei Mal der Fall war. Selbst und gerade in der Nacht kann man keine Ruhe finden. Gerade jetzt würde sie mich brauchen, vertraute Stimmen hören und Berührung spüren.

Was gibt Ihnen Kraft?

Mein Glaube, meine Familie und insbesondere der Zuspruch meiner Schwester. Sie hat angewandte Gerontologie studiert, war selbst Altenpflegerin und leitete eine große Sozialstation in Heidelberg. Sie hat mir die Angst genommen und mich immer wieder gebeten, jetzt auch auf mich zu achten und nicht alles an mich ranzulassen. Es ist zwar schwer bei der eigenen Mutter, aber es muss gehen.

Die Familie rückt in dieser Situation sicher noch näher zusammen.

Wir haben eine Familien-App eingerichtet. Hier berichte ich vom Zustand meiner Mutter, der Oma oder der Uroma. Wenn es ihr am Besuchstag soweit „gut“ geht, mache ich ein Foto oder schalte Enkel oder Urenkel per Videochat dazu. Wir stehen alle in engem Kontakt.

Gabriele Pfefferkorn wünscht sich Rücksicht von Corona-Demonstranten

Wie haben Sie davon erfahren, dass in der Einrichtung Corona ausgebrochen ist?

Die Ereignisse hatten sich ja überschlagen, und eine direkte Info gab es zunächst nicht. Dank unserer „Familienbuschtrommel“ wurde die erste Meldung durch das Freisinger Tagblatt sofort an mich weitergeleitet.

Ihr erster Gedanke dabei war?

Auch das noch!

Hätten die Heimleitung und die Verantwortlichen irgendetwas anders oder besser machen können in Ihren Augen?

Nein, es wurde sofort eine Isolierstation im 1. Stock eingerichtet, Besuche untersagt, nur im Notfall würde genehmigt werden, hieß es. Unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen versteht sich.

Ihr größter Wunsch im Moment?

Keine neue Ansteckung – meine Mutter war ebenfalls infiziert und hat die Infektion überstanden. Ich wünsche mir Gesundheit für Alle, Besonnenheit und Rücksicht von den Personen, die auf die Straße gehen, Rechte einfordern und Corona nicht ernst genug nehmen. Ich bin froh in diesem Land zu leben, besonders hier in Bayern. Und eins ist noch besonders wichtig in dieser Situation: Bitte nicht alle Pfleger, Krankenschwestern und Sanitäter vergessen, und die versprochene Erhöhung der Gehälter auch wirklich durchführen, das würde ich mir wünschen. Das darf kein leeres Versprechen bleiben.

Lesen Sie auch: Schwerer Unfall auf der A9: Fahrer (37) erlag seinen Verletzungen. Corona: Teststelle zieht um – Wirbel um die Kfz-Zulassungsstelle. „Endet in einem Fiasko“: Brandbrief der VHS zeigt Wirkung, aber Sorgen bleiben.

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