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Im virtuellen Raum an der Säge arbeiten: Theo Strauß (r.) und Johannes Nies führen in diesen Tagen auf der Handwerksmesse in München vor, wie sie die Aus- und Weiterbildung in der Branche mit ihrem Start-up digitalisieren wollen.

Interview mit craftguide-Gründer Theo Strauß

Dieses Start-up aus Au will das Handwerk revolutionieren

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Während die Industrie die Digitalisierung vorantreibt, sind Handwerksbetriebe oft noch Inseln analoger Arbeit. Das Auer Start-up craftguide will das nun ändern. 

Au/Hallertau – Der große Durchbruch scheint zum Greifen nah: Nach der Internationalen Handwerksmesse in München, die noch bis Dienstag läuft, soll bei craftguide der Turbo gezündet werden. Schließlich haben sich am Stand des Auer Start-ups in den kommenden Tagen gleich mehrere hochrangige Politiker angekündigt. 

Und dann ist ja auch noch die komplette Branche versammelt. Was das frisch gegründete Unternehmen, das seinen Mitarbeitern noch nicht einmal Löhne zahlen kann, so spannend und vielversprechend macht, erzählt Theo Strauß (28), einer der beiden Gründer, im Interview.

-Herr Strauß, Sie zetteln da gerade eine Revolution im Handwerk an...

Ja, in die Richtung denken wir. Schön ausgedrückt! (lacht)

-Erzählen Sie: Was steckt hinter craftguide?

Wir wollen das Handwerk in die Digitalisierung führen und bieten die Plattform dafür: eine interaktive Enzyklopädie. Wir nutzen moderne Technologien wie Virtual und Augmented Reality, interaktive Video-Tutorials und 3D-Modelle, um handwerkliches Wissen neuartig zu visualisieren. Außerdem bauen wir eine Community auf, in der sich das Handwerk austauschen, vernetzen und voneinander lernen kann.

-Können Sie das etwas konkreter beschreiben?

An unserem Messestand kann man eine Anwendung sogar bereits live ausprobieren: mithilfe eines Prototyps in einem Testareal. Man steht in einer Art Turm und hat eine VR-Brille auf. Um die Person herum hängen Sensoren, die die Bewegungen des Körpers erfassen. Man findet sich durch die Brille in einem virtuellen Raum wieder, in deren Zentrum eine Maschine steht: eine Kreissäge. Daneben liegen ein Werkstück und ein Schiebestock. Damit kann man die Maschine bedienen und zwei Sägearbeiten durchführen.

„Keine Blamage mehr vor Mitschülern, wenn etwas schief läuft“

-Wozu braucht man eine virtuelle Säge?

Damit lassen sich Arbeitsabläufe und Gefahrensituationen trainieren, auch als völlig Ungeübter, und eben ohne Risiko. Im Schul-Kontext bedeutet das zudem: Keine Blamage mehr vor Mitschülern, wenn etwas schief geht. Man ist in einer eigenen Welt, wird nicht von äußeren Einflüssen abgelenkt. Eine Testphase mit der Schreinerinnung, bei der Schüler, Ausbilder und umliegende Schreiner die Technologie ausprobieren konnten, hat uns unglaublich positives Feedback eingebracht. Ein Azubi berichtete uns, dass er durch die Simulation der Gefahrensituation später viel besser vorbereitet an die echte Maschine gegangen ist.

-Und was hat es mit der Community auf sich? Ein soziales Netzwerk nur fürs Handwerk?

Es geht in die Richtung, ja. Wir diskutieren intern noch, ob man es so nennen kann, aber ich bin schon der Meinung. Inspiriert durch Netzwerke wie Xing und LinkedIn wollen wir die Handwerker verbinden und dadurch stärken. Ein Beispiel: Ein junger Geselle hat einen Auftrag in Aussicht, für ihn allein ist er aber zu groß. Über craftguide kann er sich mit anderen zusammentun, gemeinsam ergänzen sich dann die Fähigkeiten der einzelnen. Oder ein Betrieb hat das Problem, dass seine Kapazitäten ausgelastet sind – und über uns kann er seine Aufträge an andere Firmen auslagern. Ein weiteres Ziel der Community ist es, eine Fachdiskussion anzuregen. Im Forum soll dann diskutiert werden, wie das Handwerk 4.0 aussehen kann.

-Wie kam’s zu der Idee?

Nach meiner Schreinerausbildung am Münchner Residenztheater bin ich zwei Jahre auf die Walz gegangen. Ich war neugierig auf die Welt und bin ein bisschen wie ein Vagabund in Deutschland und Skandinavien umhergereist. Dabei konnte ich viele andere Handwerke kennenlernen – und einige Probleme der Branche erkennen. Persönlich habe ich auch ein Defizit gespürt durch die Tatsache, dass mir im Residenztheater der Bereich Montage gefehlt hat. So entstand die Idee: Ich wollte mich mit Freunden im Handwerk verbinden und gemeinsam Wissen übersetzen.

„Unsere Vision: für wirtschaftlichen Aufschwung sorgen“

-Und dann kam Ihr Freund Johannes Nies ins Spiel...

Wir kennen uns seit der Grundschule. Mit ihm habe ich mich ausgetauscht, als Industriedesigner hat er die Start-up-Mentalität kennengelernt. In uns reifte die Vision, das Handwerk zu befähigen und so für wirtschaftlichen Aufschwung zu sorgen. Wenn man weiß, wie man etwas handwerklich macht, spart man viele Ressourcen und Zeit. Und der Schlüssel zum Wissen ist unsere Enzyklopädie, ähnlich wie Wikipedia. Wir glauben, dass man über erfolgreiches Handwerk ganze Länder aufbauen kann.

-Wie weit sind Sie denn bei der Umsetzung schon gekommen?

Die Plattform – also die Enzyklopädie und die Community – gibt es bereits als Testversion. Man kann sich unter beta.craftguide.de anmelden und bekommt erste Inhalte zu sehen. Vergangene Woche haben wir außerdem eine GmbH gegründet. Unser Team besteht aus zehn hochqualifizierten Mitgliedern: ein Mix aus Handwerkern und Akademikern. Im Bereich Design, Marketing und Handwerk sind wir sehr gut aufgestellt. Zwei meiner Kollegen sind wie ich Schreiner, in unserer Ausbildung waren wir alle sehr erfolgreich und haben viele Preise gewonnen. Wir wissen also, wovon wir reden, vor allem natürlich im Holzhandwerk. Wir sehen uns aber gewerkübergreifend. Durch unseren Technologiepartner Vypno sind wir in der Lage, unsere Ideen umzusetzen. Dazu kommt derzeit eine Kooperation mit dem Maschinenhersteller MARTIN.

„Um Geld zu sparen, sind wir wieder zu den Eltern gezogen“

-Können Sie bereits Gehälter und Löhne für zehn Personen zahlen?

Aktuell arbeiten alle noch nebenberuflich bei craftguide. Die Leute werden in Form von Vesting beteiligt. Das ist ein übliches Modell in der Start-up-Szene: Man gleicht in der Gründungsphase fehlendes Geld in Form von Beteiligungsansprüchen am Unternehmen aus. Um Geld zu sparen, sind Johannes und ich erst mal wieder zurück nach Hause, zu unseren Eltern gezogen. Er nach Puttenhausen bei Mainburg, ich nach Au.

-Was haben denn Ihre Eltern dazu gesagt, dass der Sohn wieder vor der Tür steht, weil er mit seinem Spezl ein Start-up gründen will?

Ich werde sehr unterstützt. Der Rückhalt war natürlich nicht von Anfang an so stark – gerade, wenn man zunächst mit nichts als seinen Visionen ankommt.

-Bleiben Sie der Hallertau nun treu?

Wir werden wohl irgendwann nach München ziehen, weil es dort das Fachpersonal gibt. Aber wir behalten sicher immer einen Standort in Au. Dort im Gewerbegebiet ist auch unser craftguide Innovation-Lab entstanden: Ein Ort, an dem wir Workshops anbieten. Nicht nur digital, sondern auch physisch.

Seehofer, Aigner und Zypries schauen am Messestand vorbei

-Wie wollen Sie mit craftguide den Durchbruch schaffen?

Der nächste Punkt ist die Finanzierung. Nach der Messe muss das umgesetzt sein. Wir wollen dabei primär mit dem Staat zusammenarbeiten, schließlich geht es um die Themen Bildung und Wirtschaft. Da passt es ganz gut, dass in diesen Tagen Politiker wie Horst Seehofer, Ilse Aigner und Brigitte Zypries sowie weitere Vertreter des Wirtschaftsministeriums an unserem Stand vorbeischauen. Die Messe hilft uns aber auch, um mit Handwerkern ins Gespräch zu kommen. Unter anderem halten wir am am Freitag und Samstag jeweils um 15.30 Uhr einen Fachvortrag im Start-up-Forum der Halle C1.

-Wie digital ist denn das Handwerk bislang?

Bei der Arbeitsvorbereitung gibt es Fortschritte, etwa durch CAD-Zeichenprogramme oder der CNC-Robotertechnik. Aber eine Vernetzung unter den Maschinen – wie es in der Industrie heute gang und gäbe ist – gibt es noch kaum. Das Handwerk lebt ein wenig davon, nicht digital zu sein.

„Echtes Handwerk wird noch in 100 Jahren unumgänglich sein“

-Begriffe wie Digitalisierung und Handwerk 4.0 empfinden viele Menschen als Bedrohung: Sie fürchten, dass Maschinen ihnen den Arbeitsplatz abspenstig machen. Wie begegnen Sie diesen Sorgen?

Echtes Handwerk wird meiner Meinung nach noch in über 100 Jahren unumgänglich sein. Genauso wie die Automatisierung, weil sich der Mensch weiterentwickelt und sich das Leben leichter machen will. Dieser Automatisierung möchten wir durch Wissensvermittlung entgegentreten und den Menschen befähigen, immer weiter zu lernen. Der Alltag in Handwerksbetrieben auf dem Land ist doch so: Jeder hat seinen eigenen Bereich, aber man ist dabei etwas abgeschlossen. Um sich weiterzuentwickeln, müsste man zu anderen Menschen fahren, ihnen Fragen stellen. Wir denken, das ist nicht nötig. Wir zeichnen eine positive digitale Utopie. Die Leute sollen über unsere Community ermutigt werden und erkennen: Sie sind wichtig.

-Glauben Sie, diese Überzeugungsarbeit kann gelingen?

Wir haben in unserem Pilotversuch mit der Schreinerinnung gesehen: Die Jungs und Mädels waren unglaublich motiviert. Die neuen Technologien haben ihre Begeisterung geweckt und sie hatten Spaß beim Lernen. Ich kann mir vorstellen, dass die Jüngeren die etwas skeptischeren Älteren mitziehen. Denn sie sind schließlich die Handwerker von morgen.

Besucherinfos zur Internationalen Handwerksmesse in München

Auf der Internationalen Handwerksmesse präsentieren sich noch bis Dienstag, 13. März, rund 1000 Aussteller auf dem Messegelände München – von der kleinen Kreativ-Manufaktur bis zum handwerklichen Global Player. Besucher können sich auf 75.000 Quadratmetern informieren, beraten lassen, vergleichen, einkaufen und Betriebe kennenlernen. craftguide aus Au ist mit zwei Ständen vertreten: In der Halle C2 (Stand 211) im Areal Young Generation – und in der Halle C1 im Start-up-Bereich (Eingang West). Geöffnet ist die Messe täglich von 9.30 bis 18 Uhr.

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