„Himmelsschlüssel“
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Die „Himmelsschlüssel“ erfreuen ihre Betrachter.

Mit offenen Augen durch die Natur

Aufmerksamkeit für die kleinen Schönheiten: Ein Osterspaziergang durch die Amperaue

Einen Osterspaziergang mit offenen Augen hat FT-Reporter Raimund Lex in der Amperaue unternommen. Dabei wurde ihm eine ganze Fülle an Naturschönheiten geboten.

Haag – Der Osterspaziergang ist in unseren Breiten eine beliebte Tradition. Meist am Ostermontag machen sich Menschen auf den Weg. Sie greifen damit, bewusst oder unbewusst, einen alten Brauch auf, der gerade in Süddeutschland und Österreich verbreitet ist und einen christlichen Ursprung hat. Er lehnt sich an den am Ostermontag in den Gottesdiensten gelesenen Abschnitt aus dem Lukasevangelium (24,13-35) an, in dem zwei Jünger auf dem Weg nach Emmaus, einem kleinen Ort in der Nähe von Jerusalem, unterwegs sind.

Heutzutage tritt der religiöse Sinn eher in den Hintergrund, es sind Ausflüge, meist von Familien oder Vereinen, bei denen Geselligkeit im Vordergrund steht, bei denen man Ostereier oder kleine Geschenke finden kann. Man kann aber auch die Natur entdecken, die gerade um Ostern herum erwacht.

Der Weg in der Amperaue ist romantisch.

Wild, romantisch und lieblich

Gigantisches jedoch darf man bei einem Emmaus-Gang in die Natur nicht erwarten. Eher auf das Kleine sollte die Aufmerksamkeit gelenkt werden, auf das, was neben dem Weg oder in unmittelbarer Nähe dazu zu finden ist. Und wenn man das Staunen noch nicht ganz verlernt hat, dann findet man „Gigantisches“ im Unterholz: Wildes, Romantisches, Liebliches. Es müssen auch nicht die oft überlaufene Isarauen sein, auch in der Aue der Amper findet sich Interessantes. Aus dem Unterwegssein wird dann mehr als ein Spaziergang oder eine Wanderung in geselliger Runde. Man kann die Schöpfung im Kleinen erleben – und vielleicht sogar ehrfürchtig werden.

Denn sobald man die geteerte Straße verlässt, einen Feldweg entlangschlendert, leuchten die kleinen Wun-der aus dem Unterholz. Buschwindröschen strecken dem Wanderer ihre weißen Blüten entgegen. Die ausdauernde, krautige Pflanze erreicht Wuchshöhen von elf bis 25 Zentimetern und dient den Wildbienen als erste Nahrung. Weniger bekannt ist gleich daneben der Zweiblättrige Blaustern, aber er macht mit seinen Blüten, die in einer lockeren Traube von zwei bis fünf, manchmal sogar bis zu zwölf Blüten zusammenstehen, alle Ehre. Sie sitzen auf dünnen Stängeln und erreichen einen Durchmesser von etwa zwei Zentimetern. Wenig später und nach guten Gesprächen tut sich auf dem Feldweg eine Lichtung auf, Büsche und Bäume zeigen zartes Grün – ein beruhigender Anblick, gerade für einen Städter! Nur wenige Meter weiter wird es wildromantisch: Zusammengebrochene Baumstämme liegen durcheinander, ein Haufen Gestrüpp sieht gar aus wie ein Zelt. Wohnt darin zum Schluss eine Hexe?

Aus dem Unterholz leuchten Buschwindröschen.

Gewächs gegen Lungenleiden

Allenthalben sieht man dann neben dem Weg Schlüsselblumen sprießen. Sie sind schon kräftig ausgebildet und leuchten mit der Sonne um die Wette. Für den Ursprung der Bezeichnung Schlüsselblume, die mindestens seit dem 15. Jahrhundert belegt ist, gibt es mehrere Interpretationen: die Ähnlichkeit des ganzen Blütenstandes mit einem Schlüssel zum Beispiel, oder durch die Ähnlichkeit der Blütendolde mit einem Schlüsselbund. Die Bezeichnung „Himmelsschlüssel“ ist bereits seit dem 12. Jahrhundert belegt und spielt wohl auf Petrus und dessen Schlüssel zur Himmelspforte an. Und dann trifft man auf eine Pflanze, die schon Hildegard von Bingen kannte: das Lungenkraut. Sie nannte das Gewächs „Lungenwurz“ – und tatsächlich, seit dem Mittelalter wird es gegen Lungenleiden eingesetzt, die zahlreichen Inhaltsstoffe wirken Hustenreiz- und entzündungshemmend. Entkrampfend und schleimlösend wirkt übrigens auch die Schlüsselblume, deshalb ist sie als Hustentee sehr geeignet, gerade bei Altershusten.

Goldgelbe Lock-Optik

Nur wenige Meter weiter trifft der Wanderer auf das Milzkraut. Es wächst häufig zusammen mit Brennnesseln – ob es sich so schützen will? Der wissenschaftliche Name Chrysosplenium alternifolium leitet sich aus den griechischen Wörtern „chrysos“ für „Gold“ ab, wegen der kräftig gelb gefärbten Hochblätter, und „splen“ für „Milz“, wegen der milzähnlichen Laubblätter. Die goldgelben Hochblätter sorgen für Aufmerksamkeit, Fliegen und Käfer lieben den Nektar. Man dachte in früheren Epochen auch, mit dem Kraut könnten Milzleiden behandelt werden – entsprechende Wirkstoffe aber wurden nicht gefunden. Die Blühzeit ist von März bis Juni.

Vom Unkraut zur Seltenheit

Dass die Aue auch wirtschaftlich wenigstens eine kleine Bedeutung haben kann, das zeigt ein recht großer Holzstoß aus dicken Bäumen, der für den Abtransport bereit liegt. Zugleich ist er eine Markierung für eine wunderbare Pflanze, den Waldgoldstern. Das anmutige Gewächs war noch bis etwa 1950 so zahlreich, dass man es mit Herbiziden bekämpfte, als Unkraut. Heute ist der Waldgoldstern eher eine Seltenheit – aber in der Amperaue kann man ihn bewundern, ein anmutiges Bild!

Ein wenig ist der Mensch auch in der Amperaue tätig.

Es gibt romantische Ausblicke an einem Altwasser, imposante Bilder mit in den Himmel ragenden Bäumen, die fast an eine gotische Kirche erinnern. Anderswo zieht wogendes Schilf, das noch aus dem Vorjahr stammt, den Blick auf sich. Und das Beste: Man braucht keine besondere Ausrüstung, um das alles zu erleben – der Corona-Blues hat dabei keine Chance. Eine Stunde frische Luft, die nichts kostet, ein Spaziergang, der kein CO2 produziert, vielleicht von einer kurzen Anfahrt abgesehen, aber viele kleine Wunder der Natur bietet, an denen man sonst achtlos vorbeiläuft. Dabei sind sie wichtig: Denn alles hängt mit allem zusammen. Alles hat seinen Sinn, auch wenn ihn der heutige Mensch oft nicht mehr erfasst.
Raimund Lex

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