Brauchen ältere Autofahrer einen Fitness-Check?

Schein oder nicht Schein

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Landkreis - Wenn sie einen Unfall bauen, sind sie meist schuld: über 75-Jährige, die am Steuer sitzen. Mehrere Verbände fordern daher einen Fahrer-TÜV für Ältere. Noch basieren solche Tests auf Freiwilligkeit. Doch auch jetzt schon können Senioren ihre Fahrerlaubnis zwangsweise verlieren.

Es war eine mehr als holprige Fahrt. Innerhalb von zehn Minuten ist eine 93-jährige Autofahrerin am Montag in Moosburg mit zwei geparkten Autos zusammengestoßen. Die Hochbetagte fuhr weiter, ohne sich um den Schaden zu kümmern. Zeugenaussagen führten die Polizei aber einen Tag später zu der Frau. Ihr Fahrzeug wies deutliche Unfallspuren auf.

Senioren-Sprecher Helmut Hoof ist gegen Pflichttests.

„So einen Fall erleben wir auch nicht alle Tage“, sagt Christian Bidinger, Chef der Polizeiinspektion Moosburg. Aber grundsätzlich würde sich das Problem mit dem Autofahren im Alter verschärfen. Eine von der Unfallforschung der Versicherer (UDV) vorgelegte Statistik belegt das. Wenn über 75 Jahre alte Senioren in Unfälle verwickelt sind, haben sie diese zu rund 75 Prozent selbst verursacht. „Inzwischen stehen die Senioren mehr im polizeilichen Fokus“, berichtet Bidinger. Das habe mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun. „Meine beiden Opas hatten noch gar keinen Führerschein“, erzählt er. Inzwischen aber würden die Menschen nicht nur älter, sondern seien auch mobiler.

Während den Fahrern zwischen 18 und 24 Jahren oft die Unerfahrenheit zum Verhängnis wird, leiden die Älteren zumeist unter einer schlechteren Wahrnehmung und einer längeren Reaktionszeit, sagt Bidinger: „Das führt etwa zu Unfällen beim Abbiegen oder bei der Verletzung der Vorfahrtsregelung.“ Grundsätzlich sei es nie schlecht, seine Fahrkenntnisse aufzufrischen, findet er. „Aber ob man so etwas verpflichtend einführt, und bei welchem Alter man anfängt – das muss der Gesetzgeber beantworten.“ Etwa anhand von Statistiken oder Vergleichen mit Ländern wie Italien, Spanien oder Norwegen, die Altersbestimmungen eingeführt haben.

An eine deutsche Variante glaubt der Moosburger Fahrlehrer Bernd Schaffer nicht. „Das müsste ja die Politik anstoßen. Und da es sich um keine populäre Maßnahme handelt, ist die Angst vor Stimmenverlusten zu groß.“

Helmut Hoof (70) würde wohl keine Partei wählen, die einen verpflichtenden Senioren-TÜV durchsetzen will. „Klar: Jeder Unfall ist natürlich einer zu viel“, sagt der Sprecher der Agenda 21-Projektgruppe Seniorinnen und Senioren. „Aber, dass man sich eine Altersgruppe herauspickt, ist nicht in Ordnung.“ Ein Zwangstest kommt für ihn nicht in Frage. „Denn nicht jeder 75-Jährige ist senil. Und dass die Geheimhaltung dieser Daten gewährleistet ist, bezweifle ich. Die Versicherungen, die da hinterher sind, finden schon eine Möglichkeit, an die Daten ranzukommen.“ Für Hoof müsse der Test auf Freiwilligkeit basieren.

Damit ist es aber so eine Sache. „Nur ganz, ganz Wenige geben ihren Führerschein bei der Führerscheinstelle ab“, berichtet Eva Dörpinghaus, Sprecherin des Landratsamts. Ein bis zwei im Jahr vielleicht, und auch die würden sich von dem Lappen nicht aus eigenem Antrieb trennen. „Oft geschieht das erst, wenn wir die Betroffenen zu einem Gespräch gebeten haben.“ Zu einer solchen Unterredung könne es kommen, wenn sich besorgte Verwandte an das Landratsamt wenden – nach dem Motto: „Auf mich hört der Vater nicht, aber vielleicht schafft die Behörde es, ihn davon zu überzeugen, aufs Autofahren zu verzichten.“ Ein anderer Ansporn für ein solches Gespräch kann die Polizei sein, wie Dörpinghaus berichtet: „Wenn es bei einem Fahrer zu Auffälligkeiten kommt – etwa, dass er sich an einen Unfall nicht mehr erinnern kann oder beim Losfahren die halbe Garage mitnimmt – erhalten wir einen Hinweis.“

Bidinger bestätigt das. Zwar falle es rechtlich nicht ins Gewicht, ob ein Unfallverursacher 18 oder 88 Jahre alt ist. „Aber wenn wir feststellen, dass derjenige nicht mehr so in der Lage ist, Auto zu fahren, melden wir das der Führerscheinstelle.“ Geben sich die Betroffenen beim Gespräch im Landratsamt uneinsichtig, kann ein Gutachter herangezogen werden, der über die Fahrtüchtigkeit entscheidet.

Das könnte auch der 93-Jährigen blühen. „Das Auto hat mehrere kleine Beschädigungen, die darauf hinweisen, dass es auch vor den zwei Unfällen schon öfter mal gekracht hat“, sagt Bidinger. Gestern verließ der Bericht seinen Schreibtisch Richtung Führerscheinstelle.

Nur die Guten kommen zum Test

Fahrlehrer Bernd Schaffer bietet freiwillige Fitness-Checks für die Straße an.

Bernd Schaffer bietet zwei Varianten von freiwilligen Tests an. Beim Fahrfitness-Check des ADAC trifft sich der Fahrlehrer mit dem Interessenten zu einem Gespräch und einer einstündigen Fahrt, die im Auto der Testperson stattfindet. Danach gibt es ein mündliches Feedback vom Experten und bei Bedarf Tipps. „Ich habe das im Schnitt fünf- bis sechsmal im Jahr“, berichtet Schaffer. „Es sind vorwiegend Senioren, und es kommen immer nur die Guten. Diejenigen, die grottenschlecht fahren, wissen das selbst und wollen das wohl nicht auch noch gesagt bekommen.“ In einem solchen Fall würde sich der Fahrlehrer übrigens nicht an die Behörden wenden, sondern an die Angehörigen.

Der Fahrkompetenztest des Fahrlehrerverbands ist umfangreicher. Das Fahrvermögen wird anhand eines Punktesystems bewertet, zudem gibt es einen Fragebogen zur Verkehrstheorie. Beides erhält der Fahrlehrerverband und schickt der Testperson die Auswertung zu. Obwohl auch hier niemand rechtliche Konsequenzen fürchten muss, ist der Test den meisten offenbar zu viel. Schaffer hatte bisher erst einen Interessenten: Es war ein Journalist.

Der Hintergrund

Die UDV fordern Pflicht-Testfahrten für Ältere mit Fachleuten. Eine detaillierte Rückmeldung sollen nur die getesteten Personen erhalten. Für verpflichtende Gesundheitschecks spricht sich die Arbeitsgemeinschaft Verkehrsrecht des Deutschen Anwaltvereins aus. Der ADAC bietet freiwillige Fahreignungstests für Ältere an.

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