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Der „Patient Null“ aus dem Landkreis möchte unbedingt anonym bleiben (Symbolfoto). Dennoch schilderte er im Interview mit dem Tagblatt seine Erfahrungen mit Corona – und mit der Öffentlichkeit. 

Das aktuelle Interview

„Corona-Patient Null“ gibt zu: „Heute hätte ich viel mehr Angst“

  • Andrea Beschorner
    vonAndrea Beschorner
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Seinen ersten Corona-Patienten verzeichnete der Landkreis Freising am 1. März. Drei Monate später spricht dieser über den Krankheitsverlauf, Gerüchte und Schuldgefühle.

LandkreisEs ist der 1. März, als das Landratsamt überraschend zu einer Pressekonferenz bittet – ein Sonntag. Und schon alleine daran ließ sich die Brisanz der Lage sehr deutlich ablesen. An jenem Sonntag verkündet Landrat Josef Hauner: „Ein Mann aus dem Landkreis Freising ist positiv auf das neuartige Coronavirus getestet worden.“ In den Tagen danach überschlagen sich die Ereignisse – nicht nur im Landkreis Freising. Schulen werden geschlossen, Ausgangsbeschränkungen erlassen – das Leben wird heruntergefahren. Und was ist mit dem Patienten Null im Landkreis? Das Freisinger Tagblatt hat sich mit ihm zum Interview getroffen. Er möchte anonym bleiben. Wieso? Das wird im Gespräch deutlich.

Wie geht es Ihnen heute gesundheitlich?

Der Tag des ersten Tests liegt drei Monate zurück. Soweit geht es mir gut. Ich habe bisher noch keine Spätfolgen der Erkrankung wahrgenommen.

Haben Sie sich richtig krank gefühlt? War es ein schwerer Verlauf der Corona-Infektion?

Ich habe die Erkrankung eigentlich nur zufällig wahrgenommen. Nach einer Fiebernacht habe ich in den Zeitungen von Corona-Fällen in Heinsberg gelesen. Da ich ja Kontakt zu jemandem aus Heinsberg hatte, wurde ich hellhörig. Es war kein schwerer Verlauf. Eine Nacht mit einer Temperatur von 37,9 Grad und Schweißausbrüchen, danach nur noch eine Nacht mit Temperaturen um 37,7 ohne Schweißausbrüche. Davor, Anfang Februar, hatte ich eine längere Krankheit mit Fieber über 38 Grad und starken Kopfschmerzen, das war wesentlich schlimmer – diese „Auer Grippe“ hat damals die halbe Schule im Ort lahmgelegt. Aber Corona habe ich körperlich nicht schlimm empfunden. In dieser Zeit kannte man Covid-19 nur von Webasto und aus China.

Sie waren also gar nicht im Krankenhaus?

Doch, als „Patient Null“ war ich da. Allerdings nicht, weil es mir so schlecht ging, sondern ich war zusammen mit den anderen zuerst Infizierten des Landkreises Freising da, damit im Klinikum Freising die Abläufe getestet werden konnten. Nach neun Tagen wurde ich schon wieder entlassen.

Und wie waren die Abläufe im Klinikum organisiert? Wie war Ihr Eindruck?

Es war alles gut organisiert, das Personal war professionell und freundlich. Alles bestens!

Mit wie vielen anderen Corona-Patienten waren Sie im Klinikum Freising?

Insgesamt waren wir 17. Nur eine von uns hatte Vorerkrankungen, ihr hat das Virus schwerer zugesetzt. Es war gut, dass sie in der Klinik war und rund um die Uhr ärztlich betreut wurde.

Hatten Sie Angst?

Als ich die Diagnose erhielt, hatte ich meine Krankheitssymptome schon überstanden. Und auch die Nachrichten über die Krankheit waren noch nicht so besorgniserregend wie heute – sodass ich es erst mal nicht so schlimm fand. Angst hatte ich dennoch: Angst, jemanden angesteckt zu haben, den die Krankheit schlimmer trifft.

Hatten Sie Schuldgefühle?

Ich habe immer wieder überlegt, ob und was ich falsch gemacht habe, was ich hätte anders machen können, ob ich Warnungen nicht beachtet habe oder Hygienemaßnahmen nicht eingehalten habe. Ich konnte keine Leichtsinnigkeit finden. Ich war weder in einem (bis dahin bekannten) Risikogebiet unterwegs, habe keine Reisewarnung missachtet und habe mir auch die Hände regelmäßig gewaschen und den Kontakt mit der berühmten Türklinke vermieden. Das tu ich schon immer. Meine Beobachtungen auf öffentlichen Toiletten haben mich schon in den vergangenen Jahren dazu gebracht, mich an die Politik zu wenden, um auf die Zustände da hinzuweisen. In der Bilanz habe ich eigentlich das gemacht, was ich schon immer mache: Ich habe mich mit Freunden getroffen und am öffentlichen Leben teilgenommen. In diesem Jahr war ich sogar nur zwei Tage im Karneval, da ich am Rosenmontag keinen Urlaub hatte.

Gab es etwas, womit Sie nur schwer umgehen konnten?

Am meisten ärgerte mich und meine „Miterkrankten“ die Berichterstattung in der Presse. Da wimmelte es von Mutmaßungen, die zur Wahrheit gewandelt wurden. Es wurde davon gesprochen, dass ich freiwillig im Krankenhaus war. Da war die Rede vom Feierwütigen, dem im ganzen Kreis Freising umhertanzenden Patienten, der sich davor im Ruhrpott im Karneval angesteckt hatte. Ich konnte zudem nur schwer damit umgehen, dass das Gesundheitsamt in Heinsberg das Freisinger Gesundheitsamt nicht unterstützt hat, um meinen mutmaßlichen Erstkontakt mit der Krankheit ausfindig zu machen. Es wurde zehn Tage herausgezögert, bis sie endlich tätig wurden. Mein Bruder in Heinsberg wurde auch erst nach zehn Tagen endlich getestet – da ist viel wichtige Zeit verstrichen.

Wer aus Ihrer Familie hat sich bei Ihnen angesteckt?

In meiner Familie waren mein jüngerer Sohn und meine Frau infiziert, bei meinem älteren Sohn konnte noch keine Infektion oder keine mehr festgestellt werden. Ein Antikörpertest wird uns hier aber eventuell noch Klarheit verschaffen.

Und dann waren da noch die Gerüchte um den Patienten Null: Es hieß, ein Familienvater, der sich im Karneval vergnügt hat, seine Frau aber nicht angesteckt hat. Wie sind Sie und Ihre Familie mit Mutmaßungen über Ihr Privatleben umgegangen?

Wie gesagt, meine Frau war auch infiziert – aber eben mit zehn Tagen Verzögerung. Ich war auch nicht alleine unterwegs, sondern mit meinem Bruder – wie jedes Jahr. Und am Sonntag und Dienstag waren meine Frau und die Kinder in Au und Nandlstadt bei den Faschingsumzügen mit dabei. Weitere Auftritte gab es im Kreis Freising nicht. Leider spricht aus vielen Menschen die Unwissenheit. Das war schon nicht ganz einfach für uns.

Wie lange hat es Sie beschäftigt, sich an alle Kontaktpersonen zu erinnern?

Ich hatte in den neun Tagen im Krankenhaus viel Zeit, meine mir bekannten Kontaktpersonen zu ermitteln. Die Zeit hab ich auch gebraucht, da ich nicht von jedem, mit dem ich kurz geredet hatte, gleich eine Adresse oder Telefonnummer angeben konnte. Wenn man ein Getränk bestellt, bekommt man ja auch nicht automatisch eine Visitenkarte dazu. Deshalb ist das mit der Kontaktliste von Natur aus schon sehr lückenhaft.

Sind Sie erleichtert, dass Sie das Virus überstanden haben und damit – höchstwahrscheinlich – immun sind?

Ja, wir – die Erstinfizierten, mit denen ich immer noch im Kontakt stehe – sind froh, es überstanden zu haben und auch froh, dass es unter uns keine schweren Krankheitsverläufe gegeben hat. Bis auf eine Person, aber auch die hat es überstanden – auch wenn es länger gedauert hat. Wenn wir uns heute infizieren würden, hätten wir vermutlich viel mehr Angst, da es leider wenig positive Berichte zum Krankheitsverlauf in den Medien gibt.

Was ist heute in Ihrem Leben anders als vor Corona?

Wir leben, wie die anderen Menschen auch, mit Maske und Abstand und mit weniger Kontakten. Zudem müssen die Zeiten für Kinderbetreuung und Arbeit neu organisiert werden. Das alles ist bei uns nicht anders als bei anderen.

Die Corona-bedingten Einschränkungen: Waren und sind die in Ihren Augen gerechtfertigt?

Ja. Die Leute sollen daheim bleiben und sich an die Regeln halten!

Stichwort Hygienedemos. Was halten Sie davon?

Bei solchen Demos trifft man, das ist meine Vermutung, immer dieselben Leute. Wie auch bei den Fridays-for-Future-Demos. Viele werden es nutzen, um politisch Kapital daraus zu schlagen.

Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten . . .?

. . .würde ich mich vielleicht vor Köln schon auf das Virus testen lassen, da es immer noch nicht feststeht, wo ich mich angesteckt habe. Fakt ist, dass ich der Erste bin, der sich in Freising aus der Gruppe der Infizierten hat testen lassen. Hätte ich das nicht, wär ich jetzt nicht so im Fokus. Wer weiß, vielleicht hätte ich es gar nicht mitbekommen, dass ich Corona hatte. Aber schon aufgrund der Verantwortung meinen Mitmenschen gegenüber, war es für mich eine Pflicht, zum Test zu gehen. Aktueller Stand laut Robert-Koch-Institut ist, dass bisher nicht festgestellt werden kann, wer sich aus der Gruppe der Erstinfizierten wirklich als Erster angesteckt und das Virus weiterverbreitet hat.

Das heißt, Sie sind vielleicht gar nicht „Patient Null“?

Da ich sowohl vor Köln schon Erkältungssymptome hatte, als auch der Ausbruch der Corona-Krankheit zeitgleich mit Infizierten aus meiner Kette von Kontaktpersonen stattgefunden hat, ist das nicht klar nachzuvollziehen. Wer es also zuerst hatte, wer sich bei wem angesteckt hat, wird wohl nicht mehr geklärt werden können. Interessant wäre, zu wissen, welche Krankheitswelle Anfang bis Mitte Februar hier in Au auftrat: die Hälfte der Schüler an der Grundschule war damals erkrankt – und es waren mehr Jungs als Mädels.

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