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Sie haben ihre Chancen genutzt: Inna Huck (links) freut sich über ihren neuen Arbeitsplatz bei Tigers – und Veronika Melzer über ihre neue Mitarbeiterin. 

Die Gehörlose Inna Huck arbeitet bei Tigers-Logistik

Diese Frau hört nichts - und hat eine Firma in Hallbergmoos für immer verändert

„Wir haben alle gewonnen!“ Als Gehörlose war für Inna Huck die Arbeitssuche nicht einfach. Bei der Tigers GmbH hat sie nun eine Chance bekommen, die sie sich nicht entgehen lässt.

LandkreisSeit Mai 2017 ist die 32-jährige Gehörlose aus dem Landkreis Freising als Kommissioniererin bei der Tigers beschäftigt. Am Hallbergmooser Standort des Unternehmens für Transportmanagement und Logistikdienstleistungen kümmert sie sich unter anderem um den Versand von Bachblüten an Apotheken in ganz Deutschland. Für Personalchefin Veronika Melzer ist Inna Huck „ein wahrer Glücksfall“.

-Frau Huck, Sie waren erfolgreich bei der Arbeitssuche und sind mit Ihrem neuen Job sehr glücklich. Welche Erfahrungen haben Sie auf dem Weg dahin gesammelt?

Inna Huck:Ich habe in meiner Heimat Russland Damenschneiderin gelernt und auch in diesem Beruf gearbeitet. Nun lebe ich schon seit einigen Jahren in Deutschland und wollte hier – nach meiner Elternzeit – wieder ins Berufsleben zurückkehren. Aber die Suche nach einer Arbeit hat sich als sehr schwierig erwiesen. Ich habe viele Bewerbungen geschrieben und war dabei offen für alles. Hauptsache eine Arbeit finden! Doch es hat einfach nie geklappt. Die meisten Arbeitgeber hatten wohl Hemmungen, mich überhaupt einzuladen. Sie wussten wahrscheinlich nicht, wie sie mit mir kommunizieren sollen.

-Frau Melzer, für Sie war das Handicap von Frau Huck kein Hinderungsgrund sie einzustellen. Wie haben Sie Inna Huck kennengelernt?

Wir stehen in engem Kontakt mit dem Arbeitgeber-Service der Agentur für Arbeit, da die Situation auf dem Arbeitsmarkt zunehmend schwieriger für Unternehmen auf Personalsuche wird. Durch die Zusammenarbeit lernen wir immer wieder interessante Bewerber kennen. Anstelle des normalen Bewerbungsprozesses hat uns die Arbeitsagentur eine Woche Probearbeit ermöglicht. Das war der Türöffner: Inna Huck hat die Möglichkeit ergriffen und mit ihrer Begeisterung, ihrem offenen Wesen und ihrer Arbeit sofort überzeugt.

-Klappte die Zusammenarbeit mit den Tigers-Kollegen von Anfang an? Immerhin waren Sie, Frau Huck, die erste gehörlose Mitarbeiterin im Team?

Inna Huck: Natürlich waren einige Kollegen am Anfang unsicher, aber glücklicherweise auch offen für Neues. Oft kommen von ihnen Fragen, wie wir besser miteinander kommunizieren können. Mithilfe meiner Dolmetscherin erkläre ich dann, wie wichtig Mimik, Körpersprache und der Blickkontakt für mich sind.

Veronika Melzer: Die Einstellung von Inna Huck hat das soziale Leben im Unternehmen verändert: Uns allen ist der Wert des Hörens und der Möglichkeit, sich austauschen zu können, bewusst geworden. Es fällt richtig auf, dass die Kollegen mehr miteinander sprechen. So hat sich im Team ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl entwickelt. Inna Huck ist wirklich eine ganz große Bereicherung und hat nebenbei auch noch einen Stein ins Rollen gebracht: Mittlerweile haben wir weitere Mitarbeiter mit Handicap.

-Frau Huck, Sie haben bereits Ihre Dolmetscherin erwähnt. Benötigen Sie darüber hinaus besondere Hilfen am Arbeitsplatz?

Inna Huck: Die Agentur für Arbeit finanziert für meine Einarbeitung Dolmetscherstunden. Die Unterstützung der Dolmetscherin ermöglicht mir, mich in mein Arbeitsumfeld einzufinden, Abläufe und Zusammenhänge zu verstehen und auch zu hinterfragen. Das ist für mich eine wichtige Voraussetzung, um bestmöglich arbeiten zu können. Und natürlich ist meine Dolmetscherin hilfreich, um den Kontakt zu den Kollegen aufzubauen. Sie hat mir den Einstieg wirklich erleichtert.

Veronika Melzer: Uns fallen immer wieder Details auf, die es zu beachten gilt. Das fängt schon bei der Sprechanlage an der Eingangstür an. Aber für diese kleinen Hürden haben wir schnell Lösungen gefunden. Zudem hatten wir Unterstützung eines technischen Beraters der Agentur für Arbeit: Er ist zu uns in den Betrieb gekommen und hat uns erklärt, welche Umrüstungen nötig sind und von der Arbeitsagentur finanziert werden können. Bislang ist Inna Huck in einem Lager ohne Staplerverkehr im Einsatz. Mit den Umrüstungen können wir ihre Sicherheit gewährleisten und sie somit auch in anderen Bereichen fördern. Da sie bei uns einen richtigen Kickstart hingelegt hat, denken wir bereits über spätere Qualifizierungen nach – zur Fachkraft Lagerlogistik oder zur Bürokauffrau.

-Welchen Appell würden Sie beide an Arbeitgeber richten, die überlegen, Menschen mit Behinderung einzustellen?

Inna Huck: Gehörlose stoßen oft auf Mauern. Ich würde mich freuen, wenn es eine größere Bereitschaft gäbe, auch behinderten Personen eine Chance zu geben. Die Arbeitgeber sollten nicht ihre Ängste entscheiden lassen, sondern sich von den Fähigkeiten eines Bewerbers überzeugen.

Veronika Melzer: Es ist wichtig, nicht die Behinderung in den Fokus zu nehmen, sondern das Potenzial eines Menschen. Alle Bewerber müssen die Möglichkeit bekommen, sich zu beweisen. Ob es klappt oder nicht, liegt nicht an der körperlichen Einschränkung, sondern am Menschen – und den muss man zunächst kennenlernen. Hätten wird diesen Schritt nicht gewagt, hätten wir nie gewusst, was wir gewinnen können. Und wir haben alle gewonnen!

Interview: Katrin Stemberger

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