Der Thesenanschlag zu Eching: Die Bürger in Eching durften Martin Luther nacheifern.

Zum Reformationstag

„Dieser Mut hat Vorbildcharakter“

Für diesen Tag hat es 500 Jahre gebraucht. Vor einem halben Jahrtausend hat der Mönch Martin Luther der Überlieferung nach 95 Thesen an die Schlosskirche in Wittenberg genagelt und damit eine Kirchen-Revolution ausgelöst. Um den großen Nachhall der Hammerschläge zu würdigen, wurde der 31. Oktober einmalig zum gesetzlichen Feiertag erhoben.

Im Interview berichtet der evangelische Pfarrer Markus Krusche aus Eching, warum Luther noch zeitgemäß ist, welche Thesen heute aufgestellt werden könnten, und in welchem Punkt er dem Kirchenvater gerne die Meinung geigen würde.

-Herr Pfarrer, wie wichtig ist es Ihnen, dass der Thesenanschlag Luthers mit einem Feiertag gewürdigt wird?

Ich finde, dass uns der Feiertag guttut – gerade in dieser Zeit. Nicht nur, weil der Reformationstag immer mehr in den Schatten von Halloween rückt, sondern auch, weil Kirche in der Gesellschaft in so ein Privateck geschoben wird, wo sie meiner Meinung nach nicht gut aufgehoben ist. Der Feiertag weckt Aufmerksamkeit und gibt die Gelegenheit, in Kontakt mit vielen Menschen zu treten. Wir wollen ja eine Volkskirche sein.

-Sind denn die Thesen Luthers noch zeitgemäß?

Ja. Von Anfang an bezieht er sich allein auf die Bibel aus Autorität und nicht etwa als eine Kirchenordnung oder ein Konzil. Das heißt: An Kirche darf Kritik geübt werden, und jeder hat das Recht und die Freiheit, immer wieder über sein Bekenntnis nachzudenken. Das halte ich für sehr relevant. Dazu gehört die Kritik am Ablasshandel. Der Gedanke, dass man sich auf keine Sicherheiten verlassen sollte, schon gar nicht auf die erkauften, ist absolut zeitgemäß. Man schaue nur, wie viele Versicherungen heutzutage abgeschlossen werden.

-Welche Thesen sind Ihnen besonders wichtig?

Besonders wichtig ist mir die Botschaft, dass Vergebung vor Gott immer möglich ist, wenn jemand bereut.

-Welche neuen Thesen würden Sie heute an die Wand nageln?

Lustig, dass Sie das fragen. Wir hatten in der Gemeinde nämlich tatsächlich eine Aktion, in der die Echinger ihre Thesen anbringen konnten.

-An Ihre Kirchentür?

(lacht) Nein. Wir haben drei Türen vorgefertigt. Block und Stift, Hammer und Nägel lagen bereit.

-Was kam heraus?

Es ging viel um die Frage, wo sich Kirche engagieren sollte. Zum Ausdruck kamen auch eine gewisse Ohnmacht gegenüber den globalen Finanzbewegungen und ein großer Wunsch nach Bewahrung der Schöpfung. Der Bedarf nach Seelsorge ist nach wie vor groß. Luthers Zeit war ja sehr geprägt von der Angst vor der Hölle. Die ist heute nicht mehr so da. Geblieben aber ist die Unsicherheit: Was kommt nach dem Leben?

-Inwieweit eignet sich Luther als Vorbild?

Er war ein kritischer Geist, der sich viele Gedanken gemacht hat und die Meinung, die er sich gebildet hat, auch vertreten hat – trotz der großen Risiken für ihn. Dieser Mut hat Vorbildcharakter. Aber er war zugleich ein Kind seiner Zeit und sollte nicht auf ein Denkmal gestellt werden.

-Wo würden Sie den kritischen Geist kritisieren?

Viele späte Äußerungen sind problematisch. So hat er gesagt, dass die Obrigkeit von Gott eingesetzt wird. Das hat es der evangelischen Kirche schwer gemacht, ihren demokratischen Charakter zu begründen. Und natürlich dürfen seine antisemitischen Äußerungen so nicht stehen bleiben. Da würde ich ihm schon meine Meinung geigen.

-Dieses Jahr ist viel über Luther geschrieben worden. Haben Sie eine Lieblingsanekdote über ihn?

In einem Brief an seine Frau Katharina hat Martin Luther geschrieben: „Nach einem langen Tag sitze ich bei einem Maß Bier und denke mir, der liebe Gott wird es schon machen.“ Dieser Satz ist deshalb interessant, weil Luther unheimlich viel gearbeitet hat. Heute würde man sagen: Er war Workaholic. Und dennoch war ihm bewusst, dass er nicht die ganze Welt auf seinen Schultern tragen muss. Diese gesunde Gelassenheit würde den Menschen auch heute manchmal guttun.

Interview: Manuel Eser

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