Joachim Enßlin am Echinger See
+
Der Echinger See war einer der Lieblingsplätze von Joachim Enßlin in seiner Heimatgemeinde.

Ex-Rathauschef Joachim Enßlin ist im Alter von 78 Jahren gestorben

Eching nimmt Abschied vom „grünen Jockel“

Joachim Enßlin ist tot. Der langjährige Echinger Bürgermeister war auch Geschäftsführer der Neuen Messe München - und Berater des Präsidenten von Madagaskar.

Eching - Eine Gemeinde unter Schock: Am Freitagmorgen verbreitete sich in Eching die Nachricht, dass der langjährige Bürgermeister (von 1972 bis 1992) und Ehrenbürger Joachim Enßlin im Alter von 78 Jahren gestorben ist – nach kurzer, schwerer Krankheit im Klinikum Freising. Enßlin hinterlässt seine Frau Gudrun, zwei Töchter und vier Enkelkinder. Die Trauerfeier findet am Dienstag, 27. April (14 Uhr), unter Corona-Bedingungen in der Magdalenenkirche statt.

Eching verbinden die Bürger mit dem Namen Enßlin vor allen Dingen die Entwicklung von einer nicht mehr ganz dörflichen und gewiss noch nicht attraktiven Ortschaft im Münchner Norden zur modernen und kinderfreundlichen Mustergemeinde, in deren Viertel „Schachterlhausen“ auch die Familie Enßlin sesshaft wurde. In den 70er und 80er Jahren entstanden vorbildliche Infrastruktureinrichtungen, Bürgerhaus und Kindergärten sowie neue Wohngebiete mit Freizeitanlagen, die hohe Lebensqualität garantierten.

Ein 18-stöckiges Hochhaus konnte er gerade noch verhindern

Enßlins Einsatz für eine grüne Gemeinde trugen dem jungen SPD-Bürgermeister und promovierten Juristen einst den Spitznamen „grüner Jockel“ ein. Im Gespräch mit dem Tagblatt zu seinem 75. Geburtstag sagte er: „Damals gab es fast keine öffentlichen Einrichtungen außer der katholischen Kirche und dem Kindergarten St. Andreas. Das Rathaus war gerade im Bau. Viele Straßen waren noch ungeteert und die Ratten liefen über die Heidestraße.“ Den fertigen Bebauungsplan über ein 18-stöckiges Hochhaus habe er gerade noch kippen können.

Enßlin stand für die „Gründerjahre“ – und hat sie maßgeblich geprägt: mit der Gründung der Nord-Allianz zur Abwehr von Negativeinrichtungen wie Müllverbrennungsanlage, Klärwerk München II und Standortübungsplatz, der Gründung der Vhs, der Patenschaft mit Trezzano und des Vereins „Älter werden in Eching“.

Mit 60 Jahren noch einmal eine Herausforderung angenommen

Bereits aus seiner Zeit als Gemeindechef rührte Enßlins Engagement für Entwicklungsländer und die Gründung des Arbeitskreises Entwicklungshilfe. Dass Joachim Enßlin genau an seinem 60. Geburtstag – er hatte gerade ein Jahrzehnt als Geschäftsführer der Neuen Messe München hinter sich – noch einmal richtig durchstartete, passte zu ihm. Bei seiner offiziellen Verabschiedungs- und Geburtstagsfeier war es der damalige bayerische Wirtschaftsminister Otto Wiesheu, der dem angehenden Pensionär eine neue Herausforderung verschaffte: Im Auftrag der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit verpflichtete sich Enßlin als persönlicher Berater des jungen afrikanischen Hoffnungsträgers und madagassischen Präsidenten Marc Ravalomanana. Dabei leistete er in einem der ärmsten Länder der Welt Starthilfe beim Aufbau der Infrastruktur, zur Verbesserung der Wirtschaft, Erziehung und Gesundheit. Für seine politische und ökonomische Entwicklungshilfe in Afrika wurde Joachim Enßlin in einem Beitrag des Nachrichtenmagazins Spiegel gar als „Retter von Madagaskar“ gewürdigt.

Im Laufe seines Lebens wurde Enßlin ohnehin oft persönlich ausgezeichnet – unter anderem mit der Umweltmedaille des Freistaates Bayern, der Echinger Ehrenbürgerwürde oder dem höchsten zivilen Orden des Staates Madagaskar, wo er bis zum Militärputsch 2009 als Berater des Präsidenten fungierte. Aber auch nach Ausbruch der politischen Wirren und der Absetzung „seines“ Präsidenten setzte Enßlin als Vorsitzender des AK Entwicklungshilfe Trinkwasser- und Bildungsprojekte in Afrika (Tansania und vor allen Dingen in Madagaskar) fort.

„Vom Bürgermeister zum Hausmeister“

Aber auch von seiner Freizeit hatte Joachim Enßlin in den vergangenen Jahren deutlich mehr, weil er „ja mittlerweile vom Bürgermeister zum Hausmeister geworden“ war, wie er es formulierte, und so nicht nur im Ferienhaus in der Nähe von Bad Tölz die schöne Landschaft genießen, sondern auch das eine oder andere Tennismatch absolvieren konnte. Nicht zu vergessen: seine vier Enkel, die ihm große Freude bereiteten – und die ihren Opa nun sehr vermissen werden.

wu/ba

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare