Günter Süße steht im Archiv und hält eine Ausgabe des Freisinger Tagblatts in der Hand
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Das Freisinger Tagblatt liest Günter Süße seit 1967. Alle Zeitungen hat er archiviert.

Der Archivar aller Nachrichten

Günter Süße aus Eching sammelt Zeitungen - seit eine Zeitung vor Jahrzehnten sein Leben veränderte

  • Katrin Woitsch
    VonKatrin Woitsch
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Günter Süße aus Eching hat so gut wie jede Zeitung archiviert, die er in seinem Leben gekauft hat. Drei Kellerräume musste er dafür anmieten. Und vor Kurzem ist dort ein großer Schlamassel passiert.

Der schicksalhafte Moment liegt gute sieben Jahrzehnte zurück. Günter Süße war mit seiner Familie vertrieben worden und in Lübeck gestrandet. Sie hatten nicht viel, vor allem keine Arbeit. Als er von einem Werber die Lübecker Nachrichten angeboten bekam, griff er zu. Dieser Moment hat sein Leben in doppelter Hinsicht geprägt. Nicht nur deshalb, weil er in der Zeitung eine Stellenanzeige entdeckte.

„Textilkaufmann: Lehrling aus gutem Hause gesucht“, stand da. „Wenn die gewusst hätten, wie wir damals lebten.“ Nicht einmal fließend Wasser hatte seine Familie. Trotzdem ist es ihm gelungen, einen guten Eindruck zu machen. Er bekam die Stelle. In dem Beruf arbeitete er sich im Laufe seines Lebens bis zum Einkauf-Abteilungsleiter bei Oberpollinger hoch.

Aber auch in anderer Hinsicht war seine erste gekaufte Zeitung etwas ganz Besonderes für ihn. Er studierte sie ausgiebig. Stellte sich vor, wie viele Menschen sich damit Arbeit gemacht hatten. Unmöglich, so was einfach wegzuschmeißen, fand er. Die Zeitung hat er heute noch. Genau wie etliche tausend andere. Um genau zu sein: Es sind mittlerweile mehrere Kellerräume, die er in Eching (Kreis Freising) für sein Archiv angemietet hat. Und nicht nur die Lübecker Nachrichten stapeln sich dort. Die wohl größte Kategorie ist die Freisinger Ausgabe unserer Zeitung.

Meine Frau liebt Kreuzworträtsel. Ich seh das natürlich gar nicht gern.

Günter Süße

Das Freisinger Tagblatt liest er, seit er 1967 aus beruflichen Gründen nach Eching zog. „Anfangs habe ich die Zeitung während dem Frühstück gelesen“, erzählt er. Das hat er aber bald wieder sein lassen. Weil er merkte, dass er überhaupt nicht mitbekam, was er gegessen hatte. „So vertieft war ich in die Zeitung.“ Seitdem frühstückt er zuerst, bevor er sich ausgiebig der Zeitung widmet, erzählt er und schmunzelt. Geknüllt wird dabei natürlich keinesfalls. „Manchmal fragt mich meine Frau scherzhaft, ob ich ein Bügeleisen brauche“, erzählt er.

Dann gibt es noch so einen Streitpunkt: die Kreuzworträtsel. „Meine Frau liebt sie.“ Als Zeitungssammler sieht er das natürlich gar nicht gerne. Aber manchmal drückt er ein Auge zu. Schon allein deshalb, weil seine Frau seine Sammel-Leidenschaft ja auch immer mitgetragen hat.

Und das hat gelegentlich viel Geduld erfordert. Denn wenn Günter Süße erst mal in einem seiner Kellerräume ist und in den alten Zeitungen blättert, vergisst er völlig die Zeit. „Da bin ich machtlos“, sagt er. Zeitungen sind einfach seine Leidenschaft, seine große Liebe. Sein Archiv ist ein Lebenswerk. „Ich hab mich schon immer für Zeitungen begeistert“, erzählt er – und kann sogar sagen, wie alles begann: Als junger Mann hatte er einen Roman gelesen, der die Geschichte eines Zeitungsjungen erzählte, der irgendwann Zeitungsherausgeber wurde. Das hat ihn so begeistert, dass er direkt zum Zeitungs-Sammler wurde. „Alte Zeitungen beinhalten Geschichte“, sagt er. „Für mich stehen Menschen vor mir, wenn ich Zeitungen oder Bücher lese.“

Vom Boden bis zur Decke stapeln sich die Zeitungen im Archiv von Günter Süße.

Günter Süße hat in seinem Leben viele, viele Zeitungen in den Händen gehalten. Und einen Großteil davon hat er archiviert. Er hat Ausgaben der „Welt am Sonntag“, der „Augsburger Allgemeinen“, der „Bild-Zeitung“ oder des „Kicker“ in seinem Archiv. Und viele weitere. Seine Kellerräume sind eine Art Tagebuch – darin ist alles zu finden, was er in seinem Leben gelesen hat. Anfangs hat er die Werbeanzeigen noch ausgeschnitten, bevor er die Zeitungen archivierte. „Aber das wurde irgendwann zu viel Arbeit.“

Natürlich hat er auch ein System ausgetüftelt. Wenn er eine bestimmte Zeitung sucht, weiß er sofort, wo er sie findet. Das nutzen inzwischen auch viele andere Menschen. Denn in Eching hat sich längst rumgesprochen, dass es einen Mann gibt, der seit Jahrzehnten jede Zeitung aufbewahrt. „Ich muss gelegentlich etwas kopieren oder abfotografieren“, sagt er bescheiden. Natürlich macht er das liebend gern.

Neulich ist ein großer Schlamassel passiert. Ein Wasserschaden. Jemand hatte das Kellerfenster offen gelassen. Ist schon eine Weile her. Die Zeitungen, die am Boden lagen, sind immer noch nicht ganz trocken. Ihm blutet jedes Mal das Herz, wenn er das Chaos in seinem sonst so gut sortierten Archiv sieht. „Aber es gibt Schlimmeres“, sagt er tapfer. „Man darf sich nicht unterkriegen lassen.“ Notfalls gibt es ja noch das Bügeleisen, das seine Frau ihm so oft anbietet.

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