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Glockenguss-Szenario: Hier werden die Echinger Kirchenglocken gegossen.

Echinger waren live dabei

Neue Glocken für die Magdalenenkirche: Die glühenden Ströme der Weltraum-Ritter

  • Ulrike Wilms
    vonUlrike Wilms
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Es ist ein Verfahren, dass sich seit dem neunten Jahrhundert nicht groß geändert hat: das Glockengießen. Eine Delegation aus Eching war nun live dabei, als die Glocken für die Magdalenenkirche neu entstanden sind.

Eching Wie entstehen eigentlich Kirchenglocken? Eine immer noch gültige Arbeitsbeschreibung liefert Schillers weltbekannte Ballade von der Glocke aus dem Jahr 1799: „Festgemauert in der Erden, steht die Form, aus Lehm gebrannt.“ Nach genau diesem klassischen Lehmformverfahren, das bereits im neunten Jahrhundert bekannt war, wurden am ersten Freitag im Oktober anno 2020 in der Glockengießerei Perner in Passau auch die drei Glocken für die evangelische Magdalenenkirche Eching gegossen. Mit dabei war eine Gruppe aus Eching um Pfarrer Markus Krusche.

Letzte Glockengießerei im Freistaat

Der über 300 Jahre alte Familienbetrieb von Rudolf Perner ist die einzige noch aktive Glockengießerei in Bayern. Die Glocken der Magdalenenkirche, die Tauf-, Friedens- und große Hoffnungsglocke von über einem Meter Durchmesser und einem Gewicht von über einer Tonne, waren bei der Ankunft der Echinger Gruppe bereits in der Glockengrube vergraben. Insgesamt sieben Glocken wurden bei diesem Termin in ihre unterirdischen Formen gebracht. Neben dem dreiteiligen Echinger Geläut handelte es sich um vier Glocken der katholischen St.-Konrad-Kirche in Regensburg.

Während der Gussofen noch auf die richtige Temperatur gebracht werden musste, erklärte Michaela Perner, Ehefrau des Firmeninhabers, am „aufgeschnittenen“ Glocken-Modell und mit der so genannten Rippe (Glockenquerschnitt) aus Holz den komplexen Aufbau und die vielen einzelnen Arbeitsschritte beim Erstellen der Form. In der Rippe sind die entscheidenden drei Komponenten – Höhe, Durchmesser und Wandstärke jeder Glocke – festgelegt, die den Glockenton mit seinen rund 50 Klangfarben ausmachen.

Den dreiteiligen Aufbau der Glockenform erläutert den Gäste aus Eching Michaela Perner (vorne links).

Jede Glocke ist ein Unikat. Ihre dreiteilige Form besteht innen aus gemauertem Kern, in der Mitte aus der falschen Glocke und dem äußeren Mantel und wird nach dem vorgegebenen „Bauplan“ der Rippe Schicht für Schicht aufgebaut. Die falsche Glocke, mit einer Schicht aus Rinderfett überzogen, entspricht dabei 1:1 der späteren „richtigen“ Glocke einschließlich ihrer Ornamente, Reliefs und Beschriftungen, die mit Wachs aufgetragen werden. Nach Wochen sorgsamer Trocknung kann die so entstandene Form in ihre einzelnen Teile zerlegt werden. Das Mittelteil wird entfernt, Kern und Mantel wieder zusammengesetzt. Zwischen ihnen ist so der Hohlraum für die Bronzeglocke entstanden. Nun müssen Mantel und Kern millimetergenau in die Grube eingelassen werden.

Nach alter Tradition sind die Glockenguss-Termine grundsätzlich auf den frühen Freitagnachmittag gelegt, um der Sterbestunde Jesu um 15 Uhr zu gedenken. Nach einem von den beiden Pfarrern Thomas Eckert aus Regensburg und dem Echinger Gemeindepfarrer Markus Krusche gemeinsam vorgetragenen Bitte, „das flüssige Metall zu segnen, das für die Glocken bestimmt ist“, beginnt der komplexe Gussvorgang. Auf 1100 Grad wird der mit Holz befeuerte Ofen gebracht und das Gussmaterial, das zu 78 Prozent aus Kupfer besteht, durch Rühren mit Fichtenstangen in Bewegung gehalten. Erst zum Schluss werden die Zinnbarren nacheinander dazugegeben und die Schmelze gereinigt. Bei Schiller heißt es entsprechend: „Kocht des Kupfers Brei, Schnell das Zinn herbei, Dass die zähe Glockenspeise Fließe nach der rechten Weise.“

Nach einem für gut befundenen Probeguss gibt Meister Perner das Zeichen für den Anstich. Aus dem massiven Schmelzofen strömt die brodelnd heiße, flüssige bronzene Glockenspeise, die an glühende Lava erinnert, und bahnt sich ihren Weg durch die gemauerten Kanäle. Wenn eine Glockenform verfüllt ist, wird unmittelbar der zunächst verschlossene Zufluss zur nächsten geöffnet. Jeder Handgriff in der ruß- und rauchgeschwängerten Werkstatt muss sitzen. Die silbrig-glänzende, teflonbeschichtete Schutzkleidung der Glockengießer schaut aus wie eine Mischung aus mittelalterlicher Ritterrüstung und Weltraumanzug.

Zehn Tage müssen die Glocken auskühlen

Nur rund eine Viertelstunde dauert der Guss. Rudolf Perner ist hochzufrieden: „Es ist sehr gut gelaufen.“ Die Glocken müssen bis zu zehn Tage im Erdreich auskühlen. Dann können die Formen ausgegraben, der Mantel abgeschlagen und die fertigen Glocken optisch und klanglich geprüft werden.

Auch der Bau des Glockenturms schreitet planmäßig voran. Zwar wird Corona ein Fest zur Einweihung wohl verhindern. Doch es besteht durchaus die Hoffnung, dass an Weihnachten oder zum Neuen Jahr erstmals die drei neuen Glocken der evangelischen Magdalenenkirche in Eching erklingen können.

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