Der geplante Abriss des Oktogon erhitzt die Gemüter

Es geht rund – um acht Ecken

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Das Bauwerk ist eher klein. Dafür ist die Aufregung groß. Das Schicksal des Oktogon erhitzt die Gemüter. Für die einen ist es ein wichtiger Teil der Stadt-Silhouette, für die anderen ist es ein „Klo-Erker“, der das ursprüngliche Aussehen eher stört. Doch es geht um viel mehr als um die Silhouette. Der Umbau des Diözesanmuseums steht auf der Kippe.

Freising – Ende Juni 2015 wurde der Siegerentwurf für den Umbau des Diözesanmuseums präsentiert. Titel: „Geöffnete Wände“. Schon damals hatten die Planer vorgesehen, das Oktogon abzureißen. Eineinhalb Jahre wurde dann weiter geplant, gab es zahlreiche Besprechungen. Ziel war es, so formuliert es Bernhard Kellner, der Pressesprecher der Erzdiözese, ein Museum der Zukunft zu schaffen, Museum und Architektur „aus einem Guss“ zu entwickeln. „Eine Liebeserklärung der Erzdiözese an den Domberg und Freising“ sollte das Projekt sein. Doch nun regt sich in der Freisinger Bevölkerung Widerstand gegen die Abrisspläne des Oktogons.

Neben Stadtheimatpfleger Norbert Zanker, der im übrigen bei allen Besprechungen eingebunden war, kämpft vor allem Günther Lehrmann, der Vorsitzende des Historischen Vereins Freising, für den Erhalt: „Es ist traurig, dass auch im 21. Jahrhundert wenig Rücksicht auf einen wichtigen städtebaulichen Bestandteil des Freisinger Dombergs genommen wird“, schreibt er in einer Stellungnahme und verweist auf die historische Bedeutung des Bauwerks (siehe Kasten). Er kritisiert, dass das Oktogon, das in seinen Kabinetten jahrzehntelang erlesenste Kunstwerke beherbergt habe, im Hinblick auf seine ursprüngliche Funktion nun als „Abortturm“ lächerlich gemacht werde. „Diese sprachliche Vorgehensweise erinnert an den 1959 vollzogenen Abbruch der romanischen Martinskirche, die als Kartoffelkeller bezeichnet wurde, um ihre angebliche Wertlosigkeit zu unterstreichen.“ Und auf ein weiteres Beispiel weist Lehrmann hin: auf den langen Kampf um den Abbruch der Gebäude an der Nordseite des Dombergs in den 70er Jahren. Damals sei das Philipp-Schloss als „Altes Hofbräuhaus“ bezeichnet worden und der ebenfalls ins Visier der Abbruchbirnen geratene Kanzlerbogen als „Hemmschuh“ für eine befriedigende architektonische Entwicklung. In all diesen Fällen vermisste Lehrmann ein „entschiedenes Einschreiten“ des Landesamtes für Denkmalpflege. „Nun befürwortet es den Abbruch des Oktogons, das als Teil des Baudenkmals Diözesanmuseum in die Denkmalliste eingetragen ist.“

Der Bauausschuss der Stadt Freising hat freilich, wie berichtet, dem Bauantrag der Erzdiözese zwar Grünes Licht gegeben – auch weil das Landesdenkmalamt dem Abbruch zugestimmt hatte. Doch weil einige Stadträte das nicht so akzeptieren wollen, haben sie den Beschluss für den Stadtrat am 26. Oktober reklamiert. Und es steht viel auf dem Spiel. Sehr viel. Denn sollte tatsächlich der Abriss des Oktogons abgelehnt werden, dann waren eineinhalb Jahre Planung völlig umsonst. „Wir stünden mit nichts da“, das gesamte Projekt müsste wieder bei Null beginnen, so Kellner. Und der Pressesprecher der Erzdiözese kann auch genau erklären, wieso das so wäre: Die derzeitige Konzeption sehe ein offenes und transparentes Haus vor, das zum einen das neue Bild der Kirche vermitteln soll, zum anderen der hohen Qualität des Ursprungsbaus Rechnung trägt. Und der hatte keinen „Klo-Erker“, wie Kellner den jetzt so umstrittenen Anbau konsequent nennt. Würde der Anbau erhalten bleiben, würde der Brandschutz in keiner Weise mehr funktionieren, Flucht- und Rettungswege müssten umgeplant und neu geschaffen werden, das ganze Museumskonzept wäre hinfällig. Ein speziell angefertigtes Brandschutzgutachten habe dies unmissverständlich klar gemacht. Außerdem würde die Anlieferung für das Museum und die vorgesehene Gastronomie nicht mehr funktionieren. Und damit gäbe es auch den geplanten „Stadtbalkon“ auf der Westterrasse nicht mehr. Kurz: Die ganze Planung könne man sozusagen in die Tonne treten. Der Zeitverlust wäre immens und angesichts der galoppierenden Baupreise wäre auch mit drastisch steigenden Kosten zu rechnen, warnt Kellner. Derzeit geht man von rund 30 Millionen Euro aus.

OB Tobias Eschenbacher kann die Befürchtungen der Erzdiözese nachvollziehen. Die zu erwartende Debatte im Stadtrat hält er dabei aber für eine „Schaufenster-Diskussion“. Grund: Die Erzdiözese habe einen Rechtsanspruch auf Baugenehmigung. Sollte der Stadtrat den Bauantrag ablehnen, müsse und werde er dies als nicht rechtskonform beanstanden. Und dann werde dem Stadtrat durch die Aufsichtsbehörde vorgegeben, den Antrag zu befürworten.

Sollte das wieder nicht passieren, werde der Stadtratsbeschluss durch die Aufsichtsbehörde ersetzt.

Die historische Bedeutung

Im Jahr 1870 erbaute der Münchner Architekt Matthias Berger (1825 bis 1897) am westlichen Ende des Dombergs das lange geplante Knabenseminar, das bis zu diesem Zeitpunkt in verschiedenen Gebäuden auf dem Domberg untergebracht war. Als der Zustrom von Seminaristen größer wurde und Platzmangel im Gebäude drohte, lagerte man sechs Jahre später die Toiletten in einen neu erbauten Turm an der Nordseite des Gebäudes aus, um im Haupthaus mehr Platz zu haben. Bewusst wählte man die Form des Oktogons, die auf dem Domberg an exponierten Orten immer wieder stadtbildprägend auftaucht.

Nach der Auflösung des Knabenseminars 1972 folgte unter Dr. Sigmund Benker ein Umbau des Gebäudes für die Zwecke eines Diözesanmuseums. Das neue Haus für die bedeutenden Sammlungen der Erzdiözese wurde im November 1974 von Julius Kardinal Döpfner eröffnet. Dabei spielten die intimen Räume des Oktogons im Raumprogramm des Museums sowohl bei Dauer- als auch bei Sonderausstellungen eine wichtige und bedeutende Rolle.

Viele Besucher erinnern sich daran, dass die hier gezeigten wertvollen Ausstellungsstücke in den Jahren von 1974 bis 2013 besonders schön zur Geltung kamen, sei es – um nur zwei zu nennen – die Pieta von Salmdorf oder der Hausaltar des Abtes Martin von Hazi.

Zumindest im Tagebuch Kardinal Faulhabers ist dem Oktogon ein Denkmal gesetzt: als Zufluchtsort. Am 13. April 1919 schreibt der Geistliche, als er wegen der Unruhen der Räterepublik nicht von Freising nach München zurückfahren konnte und sich auch in seiner Freisinger Wohnung im Klerikalseminar nicht sicher fühlte: „Die Herren vom Seminar und besonders Prälat Hartl sind sehr besorgt, und auf ihr Zureden ziehe ich abends, 19.15 Uhr, einsam, so wie David über den Kidron ging, ins Knabenseminar in das Zimmer von Präfekt Mayer im obersten Turmzimmer, wo nachts der Sturm heult.“ (Quelle: Günther Lehrmann)

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