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Sie haben die Besucher im Kardinal-Döpfner-Haus emotional gepackt: Auf Einladung von Verena Kuch und Tim Pfeilschifter (r.), Vertreter der Grünen Jugend Freising, berichteten Toufik Alali (2. v. l.) und Adan Rashid (2. v. r.) von ihren Erlebnissen auf der Flucht – Erzählungen zwischen Verzweiflung und Freude.

Im Kardinal-Döpfner-Haus

Erschütternd und ergreifend: Flüchtlinge erzählen Freisingern von ihrem Schicksal

Freising - Ihre Geschichten rühren an. Ihre Erlebnisse erschüttern. Adan und Toufik sind zwei Flüchtlinge, die es geschafft haben. Am Mittwoch haben sie von ihrer Flucht berichtet – schonungslos und wahrhaftig, mal mit einem Lächeln, mal mit Tränen in den Augen. Und auf Deutsch.

Adan ist 19. Drei Jahre lang war er von Somalia aus auf der Flucht. Seit einem Jahr ist er nun Moosburger. Sein Traum: Medizin studieren. Toufik ist schon 25. Auch er ist seit über einem Jahr in Moosburg. Er ist vor dem Krieg in Syrien geflohen. Es sind zwei Schicksale, die exemplarisch für viele tausend Fluchtgeschichten stehen. Adan und Toufik erzählen sie auf Einladung der Grünen Jugend am Mittwoch im Kardinal-Döpfner-Haus. Fast 100 Menschen wollen ihre Geschichten hören – sind ergriffen, erstaunt, schockiert.

Da ist Adan, den seine Mutter zu Verwandten nach Äthiopien schickt, damit der damals 15-Jährige nicht von der Terrorgruppe Al-Shabaab als Soldat zwangsverpflichtet wird. In Äthiopien wird er verhaftet, man glaubt, er sei selbst Terrorist. Es geht weiter in den Sudan – mit 120 anderen Flüchtlingen auf Lkw in ein großes Lager in der Wüste. 5000 Euro müssen Adan und sein Bruder zahlen, um von Schleusern weitergebracht zu werden. Die Mutter muss das Haus verkaufen, es dauert fünf Monate, bis das Geld kommt. Weglaufen, sagt Adan, geht nicht: Die Flüchtlinge im Lager bekommen Wasser, das mit Benzin versetzt ist. „Das macht die Beine schwach“. Und wer zu viel davon trinkt, stirbt. So wie Adans Bruder, den er in der Wüste begraben muss. Der Somalier muss kurz innehalten, sich erst wieder sammeln, bevor er weitererzählt.

Mit einem Lastwagen wird er nach Libyen gebracht, weiter geht es mit 120 Flüchtlingen in einem Plastikboot, das schon nach einer Stunde auf dem Mittelmeer leck ist. Die Insassen – jeder hat 1600 Euro bezahlt – schöpfen Wasser, um nicht unterzugehen. 80 Stunden lang, dann werden sie aufgegriffen, gerettet und nach Italien gebracht. Dort muss Adan bei den Behörden seinen Fingerabdruck abgeben. Sonst gibt es nichts zu essen. Danach fährt er nach Rom und zahlt 700 Euro für eine Busfahrt bis nach München. „Nette Menschen“ trifft er in der Bayernkaserne, sechs Wochen später kommt er nach Moosburg. Hier lernt er Deutsch, spielt Fußball, wird Trainer einer F-Jugend-Mannschaft. Der Somalier will nicht zurückschauen, sondern nach vorne, sagt er. Und: „Es ist alles gut. Ich weiß nicht, was man besser machen könnte.“ Plötzlich strahlt Adan. „In Deutschland gefällt mir alles – außer Zugverspätungen und Behörden“, witzelt er. Alle lachen.

Glücklich ist auch Toufik (25). Seit einem Jahr ist er in Deutschland. Seine Flucht vor dem Krieg in Syrien führt ihn über die Türkei, wo alles noch ziemlich einfach war. Erst im zweiten Versuch gelingt es ihm, über das Meer nach Griechenland zu gelangen. Der erste Versuch auf dem Landweg scheitert, die griechische Polizei setzt ihn in ein Boot, fesselt ihm die Hände auf dem Rücken und fährt ihn zurück ans andere, ans türkische Ufer eines Grenzflusses. Weiter geht es mit einem Schleuser-Taxi nach Makedonien. Zu Fuß muss er wandern – durchs ganze Land. In Serbien zahlt er 1000 Euro, um nach Belgrad gebracht zu werden. Ein Fußmarsch, der laut Schleuser in neun Stunden gemeistert ist, dauert fünf Tage, erzählt Toufik. Er und die anderen Flüchtlinge haben viel zu wenig Wasser dabei. In Serbien besticht man die Polizei, danach geht es über Ungarn und für 400 Euro in einem Pkw nach Passau.

Auch Toufik verbringt sechs Wochen in der Bayernkaserne, kommt dann nach Moosburg. Und seine Frau und sein kleiner Sohn? Die haben sich nach ihm ebenfalls auf den Weg gemacht, weil Toufik noch immer nicht anerkannt ist und die Familie nicht nachholen konnte. Toufik erzählt, dass seine Frau nach Rostock fuhr. Die Hoffnung: Im Norden Deutschlands werde man schneller anerkannt. Und tatsächlich: Seine Frau hat die Anerkennung inzwischen, zieht bald nach Moosburg. Toufik, gelernter Krankenpfleger, und seine Frau, eine Krankenschwester, wollen sich hier eine neue Zukunft aufbauen. Ein Jahr war er von seiner Familie getrennt, erzählt Toufik und muss die Tränen unterdrücken. Jetzt sind alle in Sicherheit. Toufik ist glücklich.

Andreas Beschorner

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